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Kaukasus: Totenstille in den Dörfern

Die Beobachtermission der Europäischen Union in Georgien soll ihre Arbeit aufnehmen. Sie steht vor einer harten Aufgabe. Von Florian Hassel

Südossetiens Hauptstadt Zchinwali.
Südossetiens Hauptstadt Zchinwali.
Foto: rtr

Brotsleti. Schenia Bassanite floh nicht, als der Krieg kam. "In meinem Alter wollte ich vor niemandem mehr weglaufen", sagt die 85-Jährige. Ihr Mann Wachtang hat vor 14 Jahren bei einem Unfall beide Beine und das Augenlicht verloren. Die russischen Soldaten, die im August zuerst nach Meghurekisi kamen, einem georgischen Dorf kurz hinter der De-facto-Grenze zwischen Südossetien und Kerngeorgien, ließen die Bassanites in Ruhe. Dann kamen Osseten und nahmen ihnen ihre drei Kühe.

Zwei alte Frauen sind seit August die einzigen Nachbarn der Bassanites, die anderen 1500 Einwohner sind geflohen, wie die meisten Georgier aus der sogennanten Pufferzone. Die Bassanites überlebten mit Reis und Nudeln vom Roten Kreuz. Totenstille herrscht in Meghurekisi, die Geschäfte sind geplündert, von Panzern plattgefahrene Autos säumen die Straße.

Schenia Bassanite, 85 Jahre alt.
Schenia Bassanite, 85 Jahre alt.
Foto: Hassel

Für die Rückkehr des Lebens soll ab heute die Europäische Union sorgen. 225 unbewaffnete Beobachter, darunter deutsche, französische und italienische Polizisten, sollen zusehen, wie rund 1600 russische Soldaten sich bis spätestens zum 10. Oktober aus den Pufferzonen vor Südossetien und Abchasien im Westen Georgiens zurückziehen. Ob sie dazu in die Pufferzonen dürfen, ist unklar - am Dienstag hieß es, sie müssten in Kerngeorgien bleiben.

Hoch über Tiflis, in einer Villa zwischen Pinien und Kiefern, besprechen sich die Beobachter. "Ich hoffe, wir können mit unserer friedlichen Mission zur ideologischen Entgiftung beitragen", sagt ihr Leiter, der Deutsche Hansjörg Haber. Vor zwei Wochen war er Botschafter in Beirut, als das Auswärtige Amt anrief und die Leitung der Mission anbot.

Er bekam eine Stunde Bedenkzeit. Dienstantritt: am nächsten Morgen in Brüssel. Haber war zuvor zweimal in Moskau und Leiter der Abteilung UN und Friedensmissionen im AA. Für die operativen Details ist sein Vize zuständig, der Gendarmerie-General Gilles Janvier.

Den Russen beim Packen zuzusehen, das dürfte die einfachste Etappe der EU-Mission sein. "Moskau wird eine Riesenshow aus dem pünktlichen Abzug machen - aus Gebieten, die die Russen langfristig ohnehin nicht gebrauchen konnten", sagt Lawrence Sheets vom Tiflis-Büro der International Crisis Group (ICG). "Die EU bewacht nun Georgien und eine Zone, die es rechtlich gar nicht gibt."

Ein EU-Beobachter gibt zu, dass das Mandat nur theoretisch auch Südossetien und Abchasien umfasst, "die Russen uns aber praktisch nicht reinlassen werden". 22.000 aus Südossetien vertriebene Georgier haben kaum Hoffnung auf Rückehr.

Die EU-Mission bedeutet eine faktische Anerkennung des Status quo: Dass Russland bei den am 15. Oktober in Genf beginnenden Gesprächen seine faktische Annexion Südossetiens und Abchasiens zurücknimmt, gilt als ausgeschlossen. Trotzdem hält auch Sheets von der Crisis Group die Mission für nützlich. "Georgien hat nach dem Krieg einen angeschlagenen Präsidenten und eine vorm Kollaps stehende Wirtschaft - die EU kann Georgien stabilisieren."

Die rund 30.000 georgischen Flüchtlinge aus der Pufferzone verbinden mit der Mission große Hoffnungen: "Wir warten auf die EU-Männer und unsere Polizisten, damit wir endlich wieder nach Hause können", sagt die 47 Jahre alte Sofi Petrosjan aus dem Dorf Tkwiawi. Im Nachbardorf Brotsleti steht die 74-jährige Eteri Paritschamiaschwilisie vor der Ruine des Hauses der fünfköpfigen Familie. Eteri war als Einzige während des Krieges im Dorf geblieben. Am 13. August kamen zwei uniformierte Osseten, warfen Eteri aus dem Haus, vergossen Benzin, zündeten es an.

"Wir können die Ernte nicht einholen, weil wir nicht wissen, wo noch Bomben liegen", sagt der 52 Jahre alte Gimeli Beridse, in Brotsleti einer von wenigen Rückkehrern. Sein Nachbar verlor ein Bein, als er Gras mähte und ein Blindgänger explodierte. "Wir können keine Vorräte für den Winter anlegen und nichts verkaufen", sagt Beridse. "Die Wälder, in denen wir Holz zum Heizen sammelten, werden jetzt alle von den Osseten kontrolliert." In anderen Dörfern gibt es nicht einmal mehr Wasser - höher liegende ossetische Dörfer haben die Leitung gesperrt.

Die EU-Mission soll zwischen Osseten und Georgiern ein Mindestmaß an Vertrauen wieder aufbauen. "Das ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, wenn wir hier etwas bewegen wollen", sagt ein EU-Beobachter. Doch im faktischen Grenzgebiet wird die nächtliche Stille oft von Schüssen unterbrochen. "Die Lage beibt auch nach dem Einzug der EU militärisch heikel", sagt ein UN-Mitarbeiter. Die Georgier fürchten Plündertouren der Osseten, die Osseten Aktionen georgischer Spezialeinheiten.

Südöstlich von Zchinwali führt eine schlaglochübersäte Straße durch Hügel und steile Obsthaine. Im letzten ossetischen Dorf Artsewi sitzt der Polizist und Grenzwächter Albert in einem aus Feldbett, Schreibtisch und Stuhl bestehenden Revier. Auch hier gibt es Ruinen niedergebrannter Häuser - schon seit 1990, als Georgier Südossetien angriffen. "Es leben fast nur noch Alte hier", sagt Albert, "du hörst keine Kinderstimmen." Das nächste georgische Dorf, Kweschi, ist drei Kilometer entfernt. "Osseten fahren nicht dorthin", sagt ein Ossete.

Durch die Stille ächzt ein altersschwacher Dorfbus. Dahinter: ein russischer Schützenpanzer. "Was ist das für ein Leben, in dem nicht einmal ein Bus ohne Angst durch die Gegend fahren kann?", sagt Albert. Und fügt hinzu: "Im Krieg sind wir alle Verlierer."

Autor:  FLORIAN HASSEL
Datum:  30 | 9 | 2008
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