Nairobi. Ein Jahr ist es her, doch Isaac Mofedi erinnert sich, als ob es gestern gewesen wäre. An die Rede des Abgeordneten, der seine Gegner mit dem Säbel schwingend warnte: "Das nächste Mal, wenn ihr wieder pinkelt, wird das sehr weit weg von hier sein." An die Meute, die ihn nachts aus seiner Hütte zerrte. An die Machetenhiebe, die Kopf und Nacken des 40-Jährigen aufrissen. Und schließlich an seine linke Hand, die abgetrennt zu Boden fiel. Dann wurde es schwarz vor Isaac Mofedis Augen: Bis heute hält die Dunkelheit in seinem linken Auge wie in seiner Seele an.
Gewiss kann Isaac Mofedi noch von Glück reden, dass er nicht zu den mehr als 1300 Menschen gehörte, die während der Unruhen nach den kenianischen Wahlen am 27. Dezember 2007 ums Leben kamen. Doch das vergangene Jahr glich der Hölle: Monate verbrachte der Vater von zwei Kindern in Hospitälern und Flüchtlingscamps - dass er wenigstens notdürftig medizinisch versorgt wurde, hat er wohlmeinenden Spendern zu verdanken. Noch heute leidet Mofedi unter ständigen Kopfschmerzen, von einer Prothese, die seine Hand ersetzt, kann der Kleinfarmer nur träumen. Mit seiner Familie und mehr als tausend Leidensgenossen lebt er noch immer in einem Zeltlager außerhalb der kenianischen Kleinstadt Naivasha, angewiesen auf die Hilfe des Roten Kreuzes.
Selbst wenn die Regierung endlich einmal die versprochenen 10 000 Schillinge (rund 100 Euro) an Wiedereingliederungshilfe zahlen würde, sei eine Rückkehr ins heimatliche Narok "völlig ausgeschlossen", gibt Mofedi zu verstehen. Schon sein Vater sei dort vor 16 Jahren bei ethnischen Zusammenstößen beinahe totgeschlagen worden: "Soll etwa dasselbe, was schon ihm und mir passiert ist, auch meinen Kindern geschehen?" Narok, zwei Autostunden südlich der Hauptstadt Nairobi gelegen, ist seit alters her Masai-Gebiet. Erst nach der Unabhängigkeit Kenias ließen sich hier Kikuyus wie Mofedi nieder, ermutigt vom Gründungspräsidenten Jomo Kenyatta, selbst ein Kikuyu.
Ihr Verhältnis zu den Masai blieb immer angespannt: Ein Umstand, den Politiker bei jedem neuen Urnengang zu ihren Gunsten auszunutzen suchten. So gehört der säbelschwingende Abgeordnete Ole Nti Mama, ein Masai, der oppositionellen "Orange Demokratischen Bewegung" (ODM) an, die sich bei den letzten Wahlen um den Sieg betrogen fühlte: Bei den anschließenden Unruhen wurden in Narok fast 10 000, in ganz Kenia mehr als 300 000 Menschen vertrieben. In Narok waren die Opfer Kikuyus, woanders Luos, Kalenjins oder Luyas.
Dass der Konflikt vor einem Jahr nicht in einen Bürgerkrieg ausartete, verdanken die Kenianer nicht zuletzt der schnellen Intervention der internationalen Gemeinschaft. Dem früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan gelang es in wochenlangen Verhandlungen, eine Koalition zwischen dem Kikuyu-Präsidenten Mwai Kibaki und dem Luo-Oppositionschef Raila Odinga auszuhandeln. Seither ziehen Präsident Kibaki und sein Premier Odinga meist an einem Strang, die Wirtschaft wächst, die Touristen kommen wieder.
Annan regte außer einer Kommission, die die historischen Landansprüche klären sollte, auch eine zur Reform der Wahlaufsichtsbehörden und eine Untersuchung der Gewaltexzesse an. Letztere sorgte unter Richter Philip Nyamu Waki im Oktober mit ihrem Bericht für helle Aufregung. Darin fordert Waki unter anderem ein Tribunal, vor dem die Verantwortlichen für die Gewalttaten abgeurteilt werden sollen.
Um die Politiker zur Aktion zu zwingen, versah der Richter seine Empfehlungen mit einem Zünder: Er übergab Kofi Annan eine versiegelte Liste mit den Namen hochgradig verdächtiger Politiker, die an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag weitergeleitet werden soll, falls das Tribunal nicht binnen 60 Tagen seine Arbeit aufnimmt. Schnell sickerte auch durch, dass auf der Liste die Namen von sechs Ministern und fünf Abgeordneten stünden - und zwar sowohl von Odingas ODM wie von Kibakis Partei der Nationalen Einheit (PNU). Mehrere Wochen hielt das Tauziehen an, bis Präsident und Premierminister vor wenigen Tagen ihre Erlaubnis für das Tribunal gaben.
Wenn Isaac Mofedi auf Politiker zu sprechen kommt, versagt ihm fast die Stimme: "Mit denen will ich nie mehr etwas zu tun haben", sagt der Versehrte wütend. Kein einziger sogenannter Volksvertreter habe sich in den vergangenen zwölf Monaten in seinem Camp blicken lassen, schimpft Mofedi. Er werde keinem von denen mehr seine Stimme geben. Mofedi sagte als Zeuge vor der Waki-Kommission aus. In Nairobi wird vermutet, dass sich auch der Name des inzwischen zum Kulturminister erhobenen säbelschwingenden Ole Nti Mama auf Annans Liste befindet. Ein Grund mehr, dass sich Mofedi nicht in seine Heimat zurückwagt: Er habe dort Racheakte zu befürchten.
Landesweit sind noch immer weit über 100 000 Flüchtlinge in Notunterkünften. Auch Charles Mukura lebt noch im Zeltlager, wenige hundert Meter von seiner niedergebrannten Hütte entfernt. Molo, die Heimat des 24-Jährigen, ist einer der gewaltätigsten Distrikte Kenias. Schon seit Jahren geraten sich hier Kikuyus und Kalenjins in die Haare. Ein Jahr nach den bisher blutigsten Feindseligkeiten ist jedoch relative Ruhe eingekehrt: Junge Kalenjins kommen abends ins Kikuyu-Camp, um ihre Milch zu verkaufen. Dann werde gelegentlich auch die Frage aufgeworfen, wie das jüngste Inferno passieren konnte, berichtet Charles: "Der Satan ist in uns gefahren", antworteten die jungen Kalenjins.
Für Charles heißt der Satan William Ruto. Der berüchtigte politische Führer der Kalenjins soll ebenfalls auf Kofi Annans Liste stehen. Solange Ruto frei sei, werde Molo nie zur Ruhe kommen, ist Charles überzeugt: "Für uns hat jede Wahl bisher Krieg bedeutet." Sollte Ruto tatsächlich vor Gericht gestellt werden, käme das einer Revolution in Kenia gleich. Denn Ruto ist Minister und Königsmacher. Ohne seine Kalenjins in der ODM hat Raila Odinga keine Chance auf das seit Jahren anvisierte Präsidentenamt.
"Der von Waki vorgeschlagene Sondergerichtshof könnte einen radikalen Neuanfang der politischen Kultur in Kenia begründen", meint die Direktorin der Menschenrechtskommission, Muthoni Wanyeki: "Ein Ziel, das viele Abgeordnete immer noch mit allen Mitteln zu verhindern suchen."
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