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18. Januar 2015

Khaled I.: Dresden zwischen Wut und Trauer

 Von 
Tausende demonstrieren am Samstag in der Innenstadt Dresdens, um auf den gewaltsamen Tod von Khaled Idris Bahray aus Eritrea aufmerksam zu machen.  Foto: dpa

Erst Pegida, dann der gewaltsame Tod des jungen Eritreers Khaled: Dresden wirkt in diesen Tagen zerrissener denn je. Unser Autor hat sich in der Stadt umgehört.

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Dresden. –  

Nein, sagt die alte Frau, eigentlich wolle sie nicht reden. Sie zieht weiter ihr Einkaufswägelchen hinter sich her, bleibt dann aber stehen. Natürlich habe sie von dem Verbrechen gehört, sie lebe ja nicht hinter dem Mond. „War ja wohl ganz in der Nähe hier.“ Aber was die ganze Aufregung wieder solle? Die Medien und diese Mahnwachen. „Wären die Leute nicht hier, wäre das auch nicht passiert.“

Eine junge Frau bleibt stehen. Studentin. Sie hat wohl etwas mitbekommen von dem Gespräch. Sie mischt sich ein. „Wie kann man denn so herzlos sein?“, fragt sie die Frau mit dem Wägelchen. „Herzlos?“, fragt die zurück und wird dabei eine Umdrehung lauter. „Wir wollen diese Leute hier nicht. Nur junge Männer. Wenn Frau Merkel meint, dass die alle nach Deutschland kommen müssen, dann soll sie sie doch in die Uckermark holen. Da ist Platz genug!“ Die junge Frau schüttelt den Kopf und geht weiter.

Samstagvormittag in Dresden, Stadtteil Leubnitz-Neuostra im Südosten der sächsischen Landeshauptstadt. Ein Gespräch, wie es gerade wohl viele gibt im aufgeregten Dresden, wo seit Wochen jeden Montagabend Pegida Tausende zu Kundgebungen aufrief, wo der Volkszorn dampft und kocht, wo auch Tausende Gegendemonstranten – aber nicht so viele, wie Pegida auf die Beine bekommt – mit Musik und Nazis-raus-Rufen durch die Stadt ziehen, für ein „Dresden für alle“ und für den Ruf der Stadt, der gerade den Bach runter geht.

Hier verließ am Montag vor einer Woche abends in Leubnitz-Neuostra der 20-jährige Flüchtling Khaled die Wohnung, um noch etwas einzukaufen. Am Dienstagmorgen fanden ihn Anwohner im Hof liegend, tot – und wie sich ein paar Tage später erst herausstellte: mit etlichen Stichen umgebracht.

Nette Leute und ruppiges Volk

Thilmanstraße Nummer acht. Ein grauer Plattenbau, sechs Geschosse, Waschbeton. Das „Ghetto“, sagen Leute aus dem Viertel. Drumherum ein Kebab-Laden, ein Billig-Discounter, ein Tabakladen, ein Spielecenter, ein Asia-Imbiss, ein Friseur. Im Hof liegen noch Blumen auf dem Rasen, die Kriminalpolizei hat mittlerweile alles abgesucht. Wohnung 2.02, vier Zimmer. Hier lebte Khaled mit anderen Flüchtlingen aus Ostafrika. Insgesamt sieben.

„Mit denen war nie Ärger“, sagt ein Anwohner. Er trägt einen Jogginganzug, ist aber offensichtlich kein Sportler. Auch er will am liebsten gar nichts sagen, redet aber dann doch wie ein Buch. Es muss wohl vieles raus.

Es geht um das ganze Viertel, eigentlich sei es ja gar nicht schlecht, dieses Leubnitz-Neuostra, so gemischt, ganz in Nähe der TU. Aber die vergangenen Jahre: „Immer mehr Assis, Arbeitslose, immer mehr Gesaufe und Lärm.“ Runtergekommen sei alles. Nette Leute, ja klar, gebe es hier viele, aber auch ruppiges Volk.

Kerzen und Blumen sollen an den Tod Khaled Idris Bahray erinnern.  Foto: dpa

Wenn er könnte, ja, er würde wegziehen. „Aber geht ja nicht so einfach.“ Und ja, gehört habe er das auch mit den Hakenkreuzen, die irgendwer in das Haus der Flüchtlinge geschmiert habe. Selbst gesehen? Nein, nur davon gehört.

Am Nachmittag ist wieder eine Demonstration in Dresden. Einige tausend sind gekommen. Es geht in der Dresdner Neustadt los, am Jorge-Gomondai-Platz. Gomondai war ein junger Vertragsarbeiter aus Mosambik. Er arbeitete im Schlachthof. Junge Neonazis warfen ihn 1991 aus der Straßenbahn. Gomondai starb an schweren Kopfverletzungen. Er wurde 28 Jahre alt. Er war der erste Tote nach einem fremdenfeindlichen Überfall nach der Wiedervereinigung. Es gibt seit ein paar Jahren ein kleines Denkmal für ihn in Dresden, den Platz und jährlich auch eine kleine Gedenkfeier.

Die Angst geht um

Hier geht es los. Viele tragen Tafeln. „Ich bin Khaled!“ Leute haben Blumen mitgebracht, Kerzen und kleine Laternen. Ein älteres Ehepaar, untergehakt. „So kann es doch nicht weitergehen in Dresden“, sagt sie. „Die Stadt fällt völlig auseinander.“

Es hatte vorher eine Erklärung zu dem Demonstrationszug gegeben. Es wurde die Vermutung angestellt, die Gewalttat könnte rassistisch motiviert gewesen sein. Das Internet schwirrt vor Vermutungen, Theorien, Beschimpfungen und Beschuldigungen in alle Richtungen. Khaleds Freund Hani hat sich mehrfach geäußert. Er ist sich inzwischen „zu 99,9 Prozent sicher, dass er von Rechtsradikalen ermordet wurde“.

Ali Moradi ist der Geschäftsführer des sächsischen Flüchtlingsrats. „Ich hoffe auf ein klares Ergebnis der Ermittlungen und die Gerechtigkeit“, sagt er. Was soll er auch sonst sagen. Auf Spekulationen werde er sich keinesfalls einlassen.

Andererseits. Es gibt gerade ein großes Andererseits in Dresden. Natürlich, so Moradi, gebe es schon eine Menge Angst unter den Flüchtlingen. Was sollten sie denn auch denken, wenn Pegida jeden Montag durch Dresden zieht? „Flüchtlinge und Ausländer haben Angst“, sagt Moradi. „Und das ganz gleichgültig, ob sie einen deutschen Pass oder einen Flüchtlingsausweis haben.“

Die Ermittlungen sind noch nicht weiter. Keine Zeugen, keine Verdächtigen, keine Waffe. Die Polizei vernimmt Anwohner, will die Videoüberwachung im Supermarkt auswerten. Man weiß nur, der junge Mann wurde woanders umgebracht, die Leiche in den Hof gelegt. Zu Anfang war die Polizei noch nicht einmal von einem Verbrechen ausgegangen.

Jetzt stehen die Ermittler enorm unter Druck. Und die Stadt ist aufgeladen wie vor einem Gewitter. „Es gilt kühlen Kopf zu bewahren“, mahnt Innenminister Markus Ulbig (CDU).

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