"Horizontale Kollaboration"
Die meisten Kriegskinder kennen ihre Väter nur von Fotos und aus Erzählungen - wenn überhaupt. Oft fielen die Männer im Kampf. Oder sie setzten sich ab und begannen nach dem Krieg ein neues Leben. Die Frauen, die sich mit Deutschen eingelassen hatten, wurden von Nachbarn und Verwandten häufig schikaniert. Von "horizontaler Kollaboration" sprach man damals, es kam zu Gewaltexzessen. Etliche Frauen haben ihren Kindern nie oder erst sehr spät gesagt, wer ihr Vater ist. Weil sie sich selber schämten.
Danielle Gauthier war sieben Jahre alt, als sie es erfuhr. Die Kinder in der Schule wussten mehr als sie. Sie riefen: "Du bist ein Bastard, wir spielen nicht mit dir!" Das kleine Mädchen lief heulend nach Hause, aber die Mutter und die Großeltern sagten nichts. Sie schwiegen noch viele Jahre.
Als junge Frau erst konnte Danielle Gauthier herausfinden, dass ihr Vater Willi hieß. Das war der erste Hinweis. Seit 50 Jahren sucht sie nun nach Spuren von ihm. Auf dem Esstisch liegen unter anderem Briefe des Roten Kreuzes, der französischen Militärregierung und der deutschen Dienststelle in Berlin, die nach dem Verbleib ehemaliger Wehrmachtsangehöriger forscht.
Danielle Gauthier kennt inzwischen den vollen Namen ihres Vaters und ein paar wichtige Daten. Willi Grotge wurde 1914 geboren und starb 1981 in der DDR. Sie hat einige Fotos von ihm und auch ein Bild von seinem Grab. Sie weiß, dass er in der Gegend von Boulogne-sur-Mer stationiert war und später in Kriegsgefangenschaft geriet. Nach seiner Entlassung kehrte er zu seiner deutschen Frau zurück und bekam mit ihr einen Sohn.
Viel mehr weiß Danielle Gauthier nicht. Ihr Halbbruder könnte bestimmt mehr erzählen. Seit Jahren versucht sie verzweifelt, mit ihm in Kontakt zu treten. Sie kennt seinen Namen und seine Anschrift in Sachsen-Anhalt. Doch er will nicht mit ihr reden. Die Mutter hat spät, sehr spät erzählt, dass der Feldwebel Willi Grotge ihre erste große Liebe gewesen sei. Als sie mitten im Krieg schwanger wurde, war sie 20 Jahre alt. Sie wollten heiraten. Der Großvater verhinderte das. Er fing die Briefe des jungen Deutschen ab.
Fünf Autostunden von Danielle Gauthier entfernt wohnt eine Frau namens Gerlinda Swillen. Die beiden kennen sich nicht, doch haben sie einiges gemeinsam. Gerlinda Swillen lebt in Brüssel. In einem modernen Innenstadt-Appartment, das voll ist mit Büchern und asiatischer Kunst. Sie ist eine kleine, energische Frau mit großen Ohrringen und klugen Gedanken.
Vor ein paar Wochen hat sie beim deutschen Konsulat ebenfalls einen Antrag auf Einbürgerung gestellt. Als erstes belgisches Kriegskind überhaupt. Sie kam im August 1942 zur Welt. Ihr Vater hieß Karl Weigert, kam aus München und war zeitweise im flämischen Gent stationiert. Ganz offiziell hielt er um die Hand seiner belgischen Freundin an - vergebens. "Mein Großvater mochte keine Deutschen, die mit Helm und Gewehr spazieren gehen", sagt Gerlinda Swillen. Weigert wurde versetzt und verliebte sich in eine andere Frau. Nach dem Krieg brach der Kontakt nach Belgien ab. Karl Weigert starb 1958.
Gerlinda Swillen studierte Germanistik und arbeitete bis zu ihrer Pensionierung als Gymnasiallehrerin. Sie war stets auf der Suche nach ihrem Vater, dessen vollen Namen sie erst vor drei Jahren erfuhr. Inzwischen hat sie ihre eigene Geschichte erforscht. Sie hat auch den deutschen Teil ihrer Familie wiedergefunden. So weit hat die Geschichte ein gutes Ende.
Aber das Thema lässt sie nicht mehr los. Sie forscht weiter, sie hat andere belgische Kriegskinder interviewt und deren Berichte zu einem Buch verarbeitet. Zugleich fungiert sie als Sprecherin einer Vereinigung namens "Born of War International Network". In ihr haben sich Kriegskinder-Verbände aus mehreren europäischen Ländern zusammengetan.
Über ihren Einbürgerungsantrag sagt Gerlinda Swillen: "Es ist eigentlich eine Strategie für mich. Ich habe keine sentimentalen Gründe."
Sie will nicht hinnehmen, dass Deutschland französische Kriegskinder bevorzugt behandelt. Um den Druck auf die Berliner Regierung zu erhöhen, bereitet ihre Vereinigung weitere Anträge vor. Noch in diesem Monat wird in Finnland ein Kriegskind die deutsche Staatsbürgerschaft einfordern. Auch in Dänemark und Norwegen laufen entsprechende Vorbereitungen.
Aber Gerlinda Swillen und ihre Mitstreiter wollen mehr als Gleichbehandlung. Sie verlangen, dass sich Deutschland in Europa für einen besonderen Schutz aller Kriegskinder einsetzt. Das soll in Form einer Konvention oder EU-Richtlinie geschehen, die vielleicht sogar Staaten wie die USA unter Zugzwang bringen könnte. "Wir haben keine finanziellen Motive. Wir wollen nicht als Opfer auftreten. Sondern den heutigen Kindern und denen der Zukunft etwas geben", sagt Gerlinda Swillen.
Jedes Kriegskind, ganz gleich aus welchem Konflikt, soll einen verbrieften Anspruch auf eine Staatsangehörigkeit erhalten. Zugleich sollen sich alle Staaten verpflichten, Kriegskinder nach Kräften beim Auffinden ihrer Eltern zu unterstützen.
Denn klar ist, dass es ja nicht nur die Geschichte der Kinder des Zweiten Weltkriegs gibt. Überall dort, wo Soldaten auf Frauen treffen, werden über kurz oder lang Kinder geboren. In Vietnam, in den Kolonial- und Bürgerkriegen Afrikas. In Bosnien-Herzegowina, im Irak oder jetzt in Afghanistan. Viel zu oft erfahren Kriegskinder nie, von wem sie abstammen. Und viel zu oft sind sie sogar staatenlos.
Gerlinda Swillens Antrag auf Einbürgerung liegt jetzt bei den deutschen Behörden. Die haben ihr mitgeteilt, dass die Prüfung voraussichtlich recht lange dauern wird. Und sie gebeten, während dieser Zeit doch bitte nicht anzurufen und auch nicht zu schreiben.
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