Danielle Gauthier trägt Schwarz. Ihre Mutter ist kürzlich gestorben. Die dunkle Kleidung fällt besonders auf, weil Madame Gauthier wasserstoffblonde Haare hat. Und weil die Frühlingssonne alles um sie herum in bunte Farben taucht. Die Häuser von Walbach, einem Weindorf in der Nähe von Colmar. Die Blumen in den Gärten, die Spielgeräte der Nachbarskinder. Von der Terrasse aus blickt man auf die grünen Hügel der Vogesen.
Danielle Gauthier ist eine stämmige, patente Frau von 66 Jahren. Eine gelernte Bürogehilfin, die sich bis zur Rente mit diversen Jobs durchschlug und seit fast 20 Jahren geschieden ist. Bereits am Telefon hat sie gesagt: "Ich bin Ch´ti." Es klang wie eine Klarstellung. Ins beschauliche Elsass kam sie nur der Arbeit wegen. Sie stammt aus dem hohen Norden Frankreichs, aus dem alten Industrie-Revier zwischen Nordsee und belgischer Grenze. Seit dem Kino-Erfolg "Bienvenue chez les Ch´tis" hat fast jeder im Land eine Vorstellung davon, was dort für ein Menschenschlag lebt. Es ist der französische Ruhrpott: Die Leute sind rau, aber liebenswürdig. Sie reden und lachen gern und mögen derbe Witze. So jemand ist Danielle Gauthier auch.
Auf dem Tisch in ihrer Wohnküche liegen zwei penibel geordnete Papierstapel. Nach einer halben Stunde ist aus der Ordnung ein beträchtliches Chaos geworden. Immer wieder zieht die kleine Frau neue Dokumente hervor. Es sind offizielle Schriftstücke, private Briefe, Fotos, Zeitungsartikel. Zu jedem Papier erzählt sie eine Geschichte.
Am Anfang läuft Madame Gauthier noch fröhlich plappernd um den Tisch herum. Doch irgendwann setzt sie sich. Ihr Lachen ist verstummt, sie ist sichtlich aufgewühlt. Unter ihren Augen türmen sich Zeugnisse einer jahrzehntelangen, aber unvollendeten Suche. Nach ihrem leiblichen Vater, dem deutschen Wehrmachtssoldaten Willi Grotge aus Schackensleben bei Magdeburg. Aber vor allem nach sich selbst.Im Durcheinander auf dem Tisch liegt auch eine Klarsichthülle. Darin befinden sich zwei Reisepässe - ein französischer und ein deutscher. In der Hülle steckt überdies ein Computerausdruck vom Bundesverwaltungsamt Köln. "Einbürgerungsurkunde" steht darauf. Und: "Ausgehändigt am 15. Oktober 2009".
Danielle Gauthier hat dieses Schriftstück vor sieben Monaten während einer Feierstunde im deutschen Generalkonsulat in Straßburg erhalten. Sie war ganz aufgeregt. Sie spricht kein Wort Deutsch. Aber alle waren sehr nett und hilfsbereit. Es war ein bewegender Moment.
"Was bedeutet es für Sie, jetzt auch Deutsche zu sein?"
Danielle Gauthier hält kurz inne. Dann sagt sie leise: "Meinen Vater kann mir das nicht ersetzen. Aber ich bin stolz, für diese Sache gekämpft zu haben. Und ich bin stolz, einen Vater zu haben, der mich wollte."
Menschen wie sie nennt man in Frankreich "enfants de guerre" - Kriegskinder. Rund 200.000 Mädchen und Jungen sollen Hitlers Soldaten während der Besatzung des Landes mit einheimischen Frauen gezeugt haben. In richtigen Liebesbeziehungen, bei Affären und Seitensprüngen. Aber auch bei Vergewaltigungen oder mit Prostituierten. In der Regel haben die Soldaten ihre Vaterschaft nicht anerkannt.
Doch die Wehrmacht war ja nicht nur in Frankreich. Überall in Europa leben Kriegskinder mit deutschen Vätern. Die Kölner Sozialwissenschaftlerin Ingvill Mochmann schätzt, dass es in Belgien mindestens 20.000 Fälle gibt. In den Niederlanden sollen es bis zu 15.000 sein, in Norwegen bis zu 12.000 und in Dänemark bis zu 8000. Und selbstverständlich kamen die deutschen Soldaten auch in Osteuropa mit Frauen in Kontakt. In der Sowjetunion, in Polen, auf dem Balkan. Bisher ist aber kaum erforscht, welche Ausmaße das annahm und welche Folgen das hatte.
Die Kriegskinder stehen jetzt im letzten Drittel ihres Lebens. Sie sind zwischen 65 und 70 Jahre alt. In ihrer Kindheit und Jugend waren sie oft stigmatisiert und ausgegrenzt. Sie galten als Abkömmlinge des Feindes, als Kinder der Schande.
Gerade deshalb wollen einige von ihnen jetzt auch deutsche Staatsbürger werden. Es ist keine Abkehr von der alten Heimat. Der bleiben sie ja treu. Es ist eine Hinwendung zum anderen, unbekannten Teil ihrer Identität. Ein Bekenntnis zu einem Land, das früher schlecht war und ihnen jetzt gut erscheint.
Sie wollen, dass sich der Kreis ihres Lebens schließt.
Für französische Kriegskinder ist es relativ einfach, Deutsche zu werden. Aber nur für sie. Seit einem Jahr gibt es eine Sondervereinbarung zwischen beiden Staaten. Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner hatte sich dafür stark gemacht.
Wer nachweist, dass sein Vater Wehrmachtssoldat war, kann die Einbürgerung beantragen. Dafür ist nicht einmal ein Wohnsitz in Deutschland notwendig. Rund 150 Anfragen haben die deutschen Konsulate in Frankreich bislang registriert. 59 Anträge sind inzwischen gestellt und 26 davon schon positiv beschieden worden. Die anderen sollen "schnellstmöglich" bearbeitet werden, heißt es im Innenministerium in Berlin. Danielle Gauthier ist die erste Französin, die auf diese Weise die doppelte Staatsbürgerschaft erhielt.
Wahrscheinlich fragt sich jeder irgendwann, woher er kommt und wohin er geht. Plötzlich fängt man an, Orte der Kindheit aufzusuchen und sich für das Leben seiner Vorfahren zu interessieren. Auf den ersten Blick mag das sentimental erscheinen. Aber vermutlich ist es notwendig, um mit sich selbst ins Reine zu kommen und die eigene Vergänglichkeit zu akzeptieren.
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