Berlin. Der Bedarf an Kinderbetreuungsplätzen steigt. Das geht aus dem "Ländermonitor frühkindliche Bildungssysteme" hervor, den die Bertelsmann-Stiftung am Montag vorgestellt hat. Der Studie zufolge übersteigt die Nachfrage nach Kinderbetreuungsplätzen das Angebot um ein Vielfaches.
Immer mehr Kinder unter drei Jahren werden demnach von Tagesmüttern oder in Kindertagesstätten betreut. Jedes fünfte einjährige Kind besuchte im vergangenen Jahr eine entsprechende Einrichtung. Bei den Zweijährigen waren es 40 Prozent.
In Deutschland fehlen noch mindestens 348.000 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren. Ihre Schaffung sei Voraussetzung, um Eltern ab 2013 wie geplant einen Rechtsanspruch auf die Kinderbetreuung garantieren zu können. Das geht hervor aus einer Stellungnahme des Familienministeriums zu einer Anfrage der Linksfraktion im Bundestag über den Betreuungsausbau.
Demnach gab es im Vorjahr bundesweit 401.796 öffentliche Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren. 2007 seien es noch knapp 304.000 gewesen.
Bund und Länder hatten bis zum Jahr 2013 eine Betreuungsquote von 35 Prozent vereinbart. Das entspricht etwa 750.000 Plätzen. Laut Städte- und Gemeindebund liege der Bedarf aber deutlich höher. (kna/FR)
Im Westen Deutschlands erreicht die Betreuungsquote bei den Dreijährigen inzwischen 80 Prozent und selbst in Ostdeutschland, wo zuvor schon deutlich mehr Kinder in Tageseinrichtungen betreut wurden als in Westdeutschland, ist die Nachfrage noch einmal gestiegen. Dort werden inzwischen 60 Prozent der Einjährigen in Krippen betreut.
Die von der Bundesregierung angestrebte Betreuungsquote von bundesweit 35 Prozent für unter Dreijährige dürfte damit Makulatur sein. Sie wird nicht ausreichen, erklärte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Stephan Articus. Den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz, den Eltern ab August 2013 haben werden, sieht Articus durch sie jedenfalls nicht gewährleistet. Er forderte, das Bundesfamilienministerium müsse den tatsächlichen Bedarf neu berechnen.
Der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) hatte bereits im Mai erklärt, der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab Vollendung des ersten Lebensjahres orientiere sich nicht an der 35-Prozent-Quote. Der Bedarf liege weit über 35 Prozent. Auch die Bertelsmann-Studie belegt, dass die Nachfrage höher sein wird: "Die Zahlen zeigen, dass der Bedarf nach frühkindlicher Bildung weiter steigt und nicht bei irgendeiner Prozentmarke stehen bleibt", sagte die Studienleiterin der Stiftung, Anette Stein.
Allein um die 35-Prozent-Quote erfüllen zu können, rechnet der DStGB mit einer Kostensteigerung um bis zu 16 Milliarden Euro. 2008 gaben die Kommunen bereits 13 Milliarden für die Kindertagesbetreuung aus. Der Bund hatte den Finanzbedarf für den Ausbau der Kinderbetreuung 2007 auf zwölf Milliarden Euro geschätzt.
Grünen-Chef Cem Özdemir sprach von einem "Alarmsignal". Die Politik dürfe den Ausbau der Kinderbetreuung angesichts der großen Nachfrage nicht weiter vernachlässigen. Die Linke-Politikerin Diana Golze forderte vom Bund, sich "umfassend" an den Kosten für die Betreuung zu beteiligen.
Der Ländervergleich der Bertelsmann-Studie dokumentiert erstmals, dass die Ausgaben der Bundesländer für frühkindliche Bildung sehr unterschiedlich ausfallen. Während Berlin im Jahr 2007 durchschnittlich rund 4150 Euro für jedes Kind unter sechs Jahren investierte, waren es in Schleswig-Holstein nur rund 2000 Euro.
Neben Berlin liegt Hamburg an der Spitze, am unteren Ende stehen neben Schleswig-Holstein auch Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg. Hessen hat seine Ausgaben für frühkindliche Betreuung demnach gesteigert. 2007 gab das Land im Schnitt 2650 Euro für jedes Kind unter sechs Jahren aus, 350 Euro mehr als im Jahr 2005.
Der "Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme 2010" basiert auf amtlichen Statistiken und öffentlichen Haushalten. Forscher des Deutschen Jugendinstituts und der Technischen Universität Dortmund werteten die Informationen für die Bertelsmann Stiftung aus. Die verwendeten Daten sind drei Jahre alt, neuere standen nicht zur Verfügung.
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