Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

06. Dezember 2015

Kindersoldaten: „Wir lernten, niemanden zu lieben“

 Von Birgit Haas
Heute ist er UN-Sonderbeauftragter für Kindersoldaten und leitet die Organisation „Paix pour L’Enfance“ (Frieden für die Kindheit).  Foto: privat

Junior Nzita war zehn Jahre lang Kindersoldat im Kongo. Seine traumatische Geschichte erzählte er kürzlich in Frankfurt. Mit seinem Einsatz als UN-Sonderbeauftragter für Kindersoldaten kämpft er gegen sein Trauma und für den Frieden.

Drucken per Mail

Seine Jugend wurde Junior Nzita geraubt, als er zwölf Jahre alt war. Damals stürmten Rebellen in der Demokratischen Republik Kongo sein Internat. Sie schossen wild um sich und entführten ihn und seine Mitschüler. Zehn Jahre lang war er ein Kindersoldat. Heute ist er UN-Sonderbeauftragter für Kindersoldaten und leitet die Organisation „Paix pour L’Enfance“ (Frieden für die Kindheit).

Seine Geschichte erzählte er kürzlich im Gemeindezentrum der Evangelischen französisch-reformierten Gemeinde in Frankfurt am Main. Ein 31-jähriger Mann, gutaussehend, gelassen und charmant. Das Trauma, mit dem er lebt, hat äußerlich kaum Spuren hinterlassen, nur eine Narbe über dem linken Auge ist sichtbar. Doch es bestimmt sein gesamtes Leben. Nicht nur, weil er nachts selten mehr als zwei Stunden schläft. Nzita hat – ohne psychologische Hilfe – einen Weg gefunden, mit seiner grauenvollen Vergangenheit umzugehen: Er macht sie öffentlich.

Es waren Rebellen aus Ruanda, die den Teenager Nzita 1996 kidnappten und ihn einem militärischen Drill unterzogen. Das hieß: Gewaltmärsche über Tausende von Kilometern, Schießübungen, Peitschenhiebe und Vergewaltigungen. Viele Kindersoldaten werden während der „Ausbildung“ dazu gezwungen, in ihre Heimatdörfer zu gehen und Freunde oder gar Familienangehörige umzubringen. So offen er sonst über seine Erlebnisse spricht – diesen Teil lässt Nzita in seiner Erzählung aus. Es sei zu schrecklich, darüber zu sprechen.

Von Rebellen zum Töten gezwungen: der junge Junior Nzita.  Foto: privat

Die ehemalige belgische Kolonie Kongo, die heute die Demokratische Republik Kongo heißt, ist reich an Bodenschätzen, etwa seltene Erden, die in technischen Geräten verbaut werden. „Jeder, der ein Smartphone besitzt, trägt ein Stück Kongo mit sich herum“, sagt Nzita. Aber es ist von ressourcenarmen Ländern wie etwa Ruanda oder Angola umgeben. Deshalb wird die Regierung immer wieder von Rebellen der Nachbarländer angegriffen, die – laut Nzita mit Unterstützung multinationaler Konzerne – die Macht in Kongo übernehmen wollen. Dazu brauchen sie folgsame und billige Soldaten, die sie als Kanonenfutter an vorderster Frontlinie einsetzen können. Wie Kinder.

Derzeit, so schätzt das UN-Kinderhilfswerk Unicef, gibt es weltweit 250 000 Kindersoldaten. Gerade bewaffnete Gruppen wie Boko Haram und die Terrormiliz „Islamischer Staat“ entführen viele Minderjährige, im Südsudan sollen in den vergangen beiden Jahren 16 000 Kinder diesen Gruppen in die Hände gefallen sein. Nicht nur dort und in Nigeria, auch in Afghanistan, Kolumbien, auf den Phillipinen und Mali werden Jugendliche von Kämpfern missbraucht.

In seiner ersten Zeit bei den Rebellen wurde Nzita nichts über militärische Strategien begebracht. „Wir haben gelernt, unerbittlich zu sein“, sagt Nzita. Niemandem zu vergeben, niemanden zu lieben. Nzita erinnert sich, wie er in seine erste Schlacht gegen die Soldaten der Regierung zog. Starr vor Entsetzen sei er gewesen, als er die ersten Schüsse hörte und sah, dass einige Kameraden getroffen wurden. Die Starre löste sich, als der erste gegnerische Soldat von einer Kugel aus seiner Kalaschnikow getroffen niederfiel. Er verstand: „Wenn ich nicht töte werde ich selbst getötet.“

Gemeinsam mit den Rebellen marschierte Nzita tausende Kilometer zu Fuß in die Hauptstadt Kinshasa und nahm sie ein. Wie viele Menschen er dabei getötet hat weiß er nicht. Dass er danach Teil der Regierungsarmee war, änderte zunächst nichts an seinem Schicksal.

Sein 13. Geburtstag sei einer der schrecklichsten Tage seines Lebens gewesen, sagt Nzita. An diesem Tag starb sein Freund. Gemeinsam hatten sie sich vom Schlachtfeld in ein Auto zurückziehen wollen. Da wurde der Freund von einer Rakete in zwei Stücke gerissen. „Ich hatte nur noch seinen Oberkörper im Arm, als das Auto losfuhr“, erinnert sich Nzita. „Wir mussten seinen Körper einfach wegwerfen.“ In der nächsten Ortschaft sei ihnen eine Frau entgegengekommen. Schwanger, so schien es. Doch stattdessen trug sie Abhörgeräte vor dem Bauch. „Als ich das bemerkte, schlug ich ihr mit dem Bajonett den Kopf ab.“

Nzita erzählt diese Geschichte fast mechanisch. Wenn er die Bilder von damals vor Augen habe, bekomme er stechende Kopfschmerzen, sagt er. Und wie um sich von den Grausamkeiten, die er als Kind erlebt hat, zu erholen, spricht er danach vom Verzeihen. Gott habe ihm geholfen. Gott habe ihm gezeigt, dass es nichts bringt, Menschen dafür zu hassen, dass sie ihn zum Töten gezwungen haben. Oder sich selbst.

„Ich kritisiere jetzt das System“, sagt Nzita. Das System, dass Menschen in einem korrupten und wirtschaftsschwachen Land dazu bringe mit Waffen aufeinander loszugehen. Waffen, die im Westen produziert werden und durch die Interessenspolitik globaler Konzerne in seine Heimat kämen.

Heute als Helfer für andere Kinder aktiv.  Foto: privat

Der Glaube an Gott kann eine große Hilfe sein. Dennoch wäre eine Traumatherapie sicher hilfreich gewesen. Derzeit gibt es jedoch kaum Programme dafür, obwohl ehemalige Kindersoldaten häufig unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden und oft ständig aggressionsbereit sind. „Manchmal zieht es mich noch in den Krieg“, sagt Nzita. Erst seit einigen Monaten ist er in psychologischer Behandlung: Die im vergangenen Jahr gegründete Schweizer Initiative „Trauma Healing and Creative Arts Coalition“ (THAC) hat ihm einen afrikanischen Psychiater vermittelt. „Manchmal kann ich jetzt schon drei oder vier Stunden schlafen.“

Die Schlacht an seinem 13. Geburtstag war nicht seine letzte. Insgesamt war Nzita zehn Jahre in der Armee. Dass er die letzten Jahre davon in die Schule gehen durfte, glich einem Wunder. Solange Nzita in der Hauptstadt Kinshasa stationiert war und nicht gegen Rebellen oder die Armeen anderer Länder kämpfen musste, hatte er Freunde außerhalb der Armee, einmal sogar eine Freundin. Er traf sie, um Murmeln zu spielen, er begleitete sie zur Schule und wartete davor, bis sie wieder hinauskamen. Als er 16 Jahre alt war, rief ihn einmal sein Chef ihn zu sich. Er wollte wissen, warum er so traurig sei. Nzita nahm seinen ganzen Mut zusammen und fragte: „Wo sind Ihre Kinder jetzt?“ „In der Schule,“ antwortete der Chef. „Da wäre ich auch gerne“, sagte Nzita.

Kurz darauf hatte sein Chef ein Einsehen und stellte ihm eine Sondererlaubnis aus. Als Nzita sechs Jahre später offiziell aus der Armee entlassen wurde, stand er kurz vor dem Abitur und lebte bei Adoptiveltern. Eine Rückkehr zu seinen Eltern und seinen vier Geschwistern war undenkbar: Ehemalige Kindersoldaten werden meist von ihren Familien als Verbrecher und Mörder verstoßen. Was mit seiner Familie ist? Darüber spricht Nzita nicht. Nur sein trauriger Blick gibt eine Vorstellung davon, wie es in seinem Inneren aussehen könnte.

Seine Familie heute sind 140 Kinder, die in einer Siedlung der 2010 von Nzita gegründeten Organisation „Paix pour L’Enfance“ leben und dort von Kriegswitwen betreut werden. „Wenn ich mit ihnen spiele, dann kann ich dem zwölfjährigen Junior in mir zeigen, was es bedeutet, ein Kind zu sein“, sagt Nzita. Dass er anderen eine Kindheit ermöglicht und für ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft kämpft, das hat sein eigenes Leben gerettet.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Atomwaffen

Worte der Hoffnung

Von  |
Obama: „Aber wir müssen auch den Mut haben, der Logik der Angst zu entkommen und eine Welt anstreben ohne Atomwaffen.“

Barack Obama spricht erneut von einer Welt ohne Atomwaffen. Er weckt damit Erwartungen, die er selbst nicht erfüllen kann. Doch sein Traum könnte ein Ziel für die Menschheit sein. Mehr...

Israel

Netanjahu auf Kollisionskurs

Benjamin Netanjahu hat sich mit latent antidemokratischen Kräften verbündet, die er kaum kontrollieren kann.

Israels Regierungschef hat sich mit latent antidemokratischen Kräften verbündet, die er kaum kontrollieren kann. Schlechte Aussichten für einen Siedlungsstopp.  Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung