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Kirchenaustritte: Verlorene Schafe

Katholiken kehren ihrer Kirche in Scharen den Rücken. Im Bistum Bamberg etwa erhöhen sich die Austritte im März um das Siebenfache. In anderen Bistümern sieht es ähnlich aus. Von Marie-Sophie Adeoso und Franziska Gründel

Leere Kirche in Fulda.
Leere Kirche in Fulda.
Foto: dpa

Deutsche Katholiken reagieren heftig auf den Missbrauchsskandal in ihrer Kirche. Bundesweit traten seit Jahresbeginn Tausende Gläubige aus der Kirche aus. FR-Recherchen in den Bistümern sowie Standesämtern und Amtsgerichten in Großstädten zeigen, dass sich die Austrittszahlen im März und April vielerorts stark erhöht haben. Ende Januar waren die ersten Kindesmissbrauchsfälle am Canisius-Kolleg in Berlin bekanntgeworden.

Besonders drastisch zeigt sich der Trend in den stark katholisch geprägten Gegenden Süd- und Westdeutschlands. So verzeichnete das Münchner Kreisverwaltungsamt im März 1691 Austritte, im Vorjahresmonat waren es 941 gewesen. In München wird, wie in vielen bayerischen Ämtern, nicht nach Konfessionen differenziert.

Vergleichszahlen aus anderen Bundesländern und den Bistümern belegen aber, dass vor allem Katholiken ihrer Kirche in Scharen den Rücken kehren. So stiegen die Austritte im Bistum Rottenburg-Stuttgart von durchschnittlich 1400 monatlich auf 2676 im März, in Bamberg von durchschnittlich 200 bis 300 auf "etwa 1400 Gläubige", in Würzburg von 407 im März 2009 auf 1233 Katholiken und in Freiburg von 1058 auf 2711.

Dabei hatte die Kirche schon Anfang 2009 mit verstärkten Austrittszahlen zu kämpfen, nachdem Papst Benedikt XVI. die Bischöfe der traditionalistischen Pius-Bruderschaft rehabilitiert hatte. Die diesjährige Austrittswelle ist aber in den meisten Bistümern deutlich höher.

Ob dies auf die Missbrauchsfälle zurückzuführen ist, lässt sich nicht belegen. Gründe werden bei einem Austritt nicht abgefragt. Viele Bistümer sehen eine anhaltende Entfremdung zur Kirche. Laut Gerhard Buballa vom Bistum Limburg zeigen die Austrittszahlen "einen generellen, nicht nur einen aktuellen Vertrauensverlust".

Dies bestätigt der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel. "Seit fast 40 Jahren gibt es einen Säkularisierungstrend mit kontinuierlichen Verlusten in beiden Großkirchen." Im Laufe der Jahre habe es aber auch wiederholt "Peaks", also Spitzen gegeben, die im zeitlichen Zusammenhang mit aktuellen Ereignissen stehen.

Der katholische Austrittstrend komme stärker in Schwung, zuvor habe es mehr protestantische Austritte gegeben. Bei der katholischen Kirche kämen auf ein neues Mitglied sechs bis sieben Austritte, bei der evangelischen nur 2,3.

Die Bistümer wie etwa jenes in Passau versprechen indes: "Die Tür zum Wiedereintritt steht offen." Eine aktuelle Forsa-Umfrage belegt aber, dass 23 Prozent der Katholiken einen Austritt erwägen - die Welle rollt weiter.

Autor:  Marie-Sophie Adeoso und Franziska Gründel
Datum:  24 | 4 | 2010
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