Herr Ernst, was nun?
Ja, was nun? Jetzt müssen wir erst mal verarbeiten, dass eine unserer Galionsfiguren, und zwar eine für die Gesamtpartei und besonders für den Westen wichtige, nicht mehr als Vorsitzender kandidiert. Das ist ein herber Verlust.
Bedroht der Abgang Lafontaines die Existenz der Linken?
Existenzbedrohend ist er dann nicht, wenn wir weiter unsere erfolgreiche Strategie verfolgen. Jetzt geht es darum, den Markenkern der Linken bedingungslos beizubehalten.
Welchen Markenkern?
Zum Beispiel unsere Position zu Hartz IV, zum Mindestlohn, zu Afghanistan, zur Rente mit 67.
In all den Punkten gibt es auch bei den anderen Parteien Bewegung, vor allem der SPD. Macht das die Linke ohne Lafontaine auf Dauer nicht überflüssig?
Nein, überhaupt nicht. Wenn es uns nicht gäbe, würde sich die SPD ganz anders verhalten. Im übrigen halte ich den Sinneswandel, der dort gerade vollzogen wird, für nicht glaubwürdig. Es ist offen, wohin sich die SPD entwickelt.
Kann die Linke jemanden wie Lafontaine überhaupt ersetzen?
Keiner kann Oskar Lafontaine ersetzen. Jeder, der nun in führende Positionen kommen wird, wird seinen eigenen Stil finden müssen. Insofern ist jetzt keine neue Galionsfigur zu finden, sondern eine Führung, die in Ost und West akzeptiert ist und mit einer geschlossenen Partei und mit klarer Strategie weiter arbeitet.
Ist der Flügelkampf in der Partei mit dem Abgang entschieden?
Ach, diesen Flügelkampf sehen doch vor allem Sie von der Presse. Ich kann den nicht erkennen.
Aber die offenen Briefe, die gegenseitigen Beschimpfungen von illoyal bis kulturlos sind doch keine Erfindung der Medien.
Das stimmt. Wir hatten jüngst einen Personalkonflikt, der leider öffentlich ausgetragen wurde. Aber daraus abzuleiten, es gebe einen erbitterten Kampf um unsere Strategie, entspricht eher den Wünschen unserer politischen Gegner. In unserer Vorstandssitzung am Samstag wurde unsere Strategie eindrücklich bestätigt. Es wird immer behauptet, bei uns wollten im Osten alle regieren, im Westen keiner. Ja, was haben wir denn im Saarland und in Hessen probiert? Das ist doch nicht an den Linken gescheitert.
Lafontaine hat zum Abschied gewarnt, die Partei dürfe sich nicht zu sehr an die SPD anpassen, sonst drohe ihr dasselbe Schicksal. Hat er recht?
Lafontaine hat gesagt, die Partei darf nicht so werden wie die SPD, also ihre Grundsätze über Bord werfen und zur Beliebigkeit verkommen. Da hat er vollkommen recht.
Im Osten paktiert die Linke in Berlin und Brandenburg mit der SPD. Was da zum Teil umgesetzt oder verabredet wurde, ist nicht nur Lafontaine sauer aufgestoßen. In Sachsen-Anhalt könnte 2011 ein rot-rotes Bündnis zustande kommen. Wer soll denn künftig das Gegengewicht bilden zu den doch sehr pragmatischen Ostfürsten?
Wir brauchen kein Gegengewicht, wir brauchen eine einheitliche Linie.
Die Sie aber noch nicht haben.
Doch. In unseren Kernpositionen haben wir Konsens. Über den Rest müssen wir uns im Rahmen unserer Programmdebatte schnell verständigen - und dann muss sich auch jeder dran halten.
Trauen Sie sich zu, diese Verständigung in verantwortlicher Position herbeizuführen?
Zu Personalspekulationen werden Sie von mir keine Antwort bekommen.
Lafontaine wünscht sich eine Doppelspitze. Eine gute Idee?
Ja. Wir haben unterschiedliche Kulturen in der Partei, nämlich in Ost und West, mit einer ganz anderen Geschichte. Die müssen sinnvollerweise austariert in den Spitzengremien vertreten sein.
Kriegen Sie das bis zum Parteitag im Mai hin?
Das müssen wir. Es wäre fatal, wenn es auf dem Parteitag zu Kampfabstimmungen um Personen käme. Diese Diskussion sollten wir schleunigst vorher führen.
(Interview: Jörg Schindler)
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