kalaydo.de Anzeigen

Guttenberg-Biografie: Klaviatur des Quereinsteigers

In der Biografie der beiden FAZ-Journalisten Eckhart Lohse und Markus Wehner über Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg kommt die Plagiatsaffäre zwar nicht vor. Was dem Verlag als schlechtes Timing ausgelegt werden könnte, erweist sich jedoch als Glücksfall.

Die Bildpolitik von Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg (hier mit seiner Ehefrau Stephanie) nimmt in der Biografie einen zentralen Stellenwert ein (Archivbild).
Die Bildpolitik von Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg (hier mit seiner Ehefrau Stephanie) nimmt in der Biografie einen zentralen Stellenwert ein (Archivbild).
Foto: dpa

Die Phase der Popularisierung verlief über ein Bild. Im März 2009 reiste Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wegen der Opel-Krise zu Verhandlungen nach New York. Am glitzernden Times Square entfachte er mit ausgebreiteten Armen und einem Lächeln ein Blitzlichtgewitter der Fotografen. Ein bisschen Tom Cruise, ein bisschen Michael Douglas. „Was kostet die Welt?“ schien die Pose zu sagen. Ein erstauntes „Wie bin ich hier bloß hingekommen?“ war aber wohl auch in der Geste enthalten.

Die Bildwirkung und die Bildpolitik Karl-Theodor zu Guttenbergs spielen eine zentrale Rolle in der Politiker-Biografie der beiden FAZ-Journalisten Eckhart Lohse und Markus Wehner. Die aktuelle Plagiatsaffäre kommt darin nicht vor. Was dem Verlag als schlechtes Timing ausgelegt werden könnte, erweist sich jedoch als Glücksfall. Guttenbergs Normbruch, große Teile seiner Dissertation aus nicht näher gekennzeichneten Quellen bestückt zu haben, erscheint so nicht als Fluchtpunkt dieser erstaunlichen Karriere. Mit psychologischer Einfühlung vermögen die Autoren dennoch schlüssig zu erklären, wie es dazu kommen konnte.

Lohse und Wehner erzählen zu Guttenbergs Lebensgeschichte als Bildungsroman eines Polit-Aufsteigers, Camouflage und Beschönigungsstrategien inbegriffen. Ganz nebenbei fallen da Sätze, die heute selbstentlarvend klingen. „Ich habe es immer geschafft“, sagt Guttenberg über den Schüler Karl-Theo, „mit relativ geringem Aufwand relativ weit zu kommen.“

Obwohl bereits sein Großvater, ebenfalls ein Karl-Theodor, Bundestagsabgeordneter für die CSU und Staatssekretär war, zögerte „KT“ lange mit einer parteipolitischen Festlegung. Der CSU trat er erst 1999 bei. Zuvor liebäugelte er mit den Grünen und schlug erst nach einigem Zögern das Angebot aus, auf der Liste der Freien Wähler für den Bayerischen Landtag zu kandidieren.

Alles nur geklaut: Berühmte Plagiate

Bildergalerie ( 9 Bilder )

Die Berührung mit der politischen Macht, die Kandidatur für den Deutschen Bundestag, fiel ihm im März 2002 dann mehr oder weniger vor die Füße. Bernd Protzner, der ehemalige CSU-Generalsekretär, war durch eine Steueraffäre belastet und musste zu Guttenberg die Kandidatur ihm oberfränkischen Kulmbach/Lichtenfels kampflos überlassen. In der Folgezeit entdeckte dieser seine Begabung für Auftritte in lokalen Festzelten, bei denen ihm der Habitus des eloquenten, gut erzogenen und sportlich wirkenden jungen Mannes aus hohem Hause sehr entgegen kam.

Familiengeschichte der Guttenbergs

In groben Zügen rekonstruieren Lohse und Wehner die Familiengeschichte der Guttenbergs, wirtschaftliche Grundlage, Verwandtschaftsgefüge, Wertvorstellungen. Dass der Adel rechtlich seit 1919 entmachtet ist, hat dem Mythos vom wenig anhaben können. „Hinzu kommt der Reiz einer Minderheit“, so Lohse und Wehner, „die sich durch ihre kulturellen Praktiken vom Rest der Bevölkerung abgrenzt.“

Mit kleinen Manipulationen, Euphemismen und Vereinfachen versteht es Karl-Theodor zu Guttenberg, den Glamour-Faktor seiner Herkunft für sein politisches Fortkommen zu nutzen. So war er zur Stelle, als es darum ging, über den entfernten Cousin, den Filmregisseur Florian Henckel von Donnersmarck, die Bekanntschaft mit dem Schauspieler und Produzenten Tom Cruise zu machen, als der Scientology-Propagandist in Deutschland seinen Film Operation Walküre über den Widerstandsheroen Stauffenberg drehte. Guttenberg wollte es sich nicht entgehen lassen, im hellen Licht der Prominenz auf die Rolle seiner Familie im Zusammenhang mit der Geschichte des Deutschen Widerstands hinzuweisen.

Karl-Theodor zu Guttenberg ist ein Netzwerker, der es versteht, mit einem Mix aus gegensätzlichen Geschmacksdistinktionen zwischen Pop und Klassik auf der Beliebtheitsskala nach oben zu surfen. Lohse und Wehner bemerken das, aber sie ereifern sich nicht. Ihre Zurückhaltung im Ton macht die Biografie zu einem exemplarischen Fall in der deutschen Politik, in der die Traditionsbrüche der bundesdeutschen Geschichte nach 1945 sichtbar werden. Guttenberg spielt dabei sehr geschickt auf der Klaviatur eines Quereinsteigers, der aus der demonstrativen Fremdheit gegenüber dem politischen Betrieb seine Popularität bezieht.

Ein umfangreicher Teil der Biografie widmet sich Guttenbergs kurzer Laufbahn als Verteidigungsminister. Die Autoren untersuchen Trauerfeiern in neuem Stil, Medienstrategien und den rigorosen Führungsstil über Amtsträger der Bundeswehr. Die Kundus-Affäre, in deren Folge Guttenberg Ende 2009 den Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, und seinen Staatssekretär Peter Wichert entließ, schildern Lohse und Wehner als durchtriebenes Stück Guttenbergscher Machtpolitik: „Nicht einmal 24 Stunden benötigt Guttenberg, um aus der vollständigen Defensive, in die ihn eine Boulevard-Zeitung und ein ihm unbekanntes Stück Vergangenheit aus seinem Ministerium gebracht haben, in die Offensive zu kommen. Eine seltene Fähigkeit.“

Die Fähigkeiten des talentierten Herrn Guttenberg zu beschreiben, ohne dessen Verführungspotenzial zu erliegen: Das ist das Verdienst dieser Biografie. In einer weiteren Auflage dürfte sie um ein umfangreiches Kapitel ergänzt werden.

Eckart Lohse, Markus Wehner: Guttenberg. Biographie. Droemer Verlag, München 2011, 390 Seiten, 19,99 Euro.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  28 | 2 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!