Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

05. Dezember 2009

Klima gehackt: Die E-Mails des Herrn Jones

 Von Peter Nonnenmacher
Klimagipfel mal anders: Das Kabinett von Nepal tagte gestern am Mount Everest.  Foto: dpa

Der UN-Weltklimarat (IPCC) kündigt an, die "Climate-Gate"-Affäre aufzuklären. Leugner des Klimawandels glauben, den Beweis für eine wissenschaftliche Verschwörung gefunden zu haben. Von Peter Nonnenmacher

Drucken per Mail

Als Phil Jones sich 1999 einmal über die gelungene Anwendung eines wissenschaftlichen "Tricks" freute, hätte er wohl kaum gedacht, dass zehn Jahre später die Vereinten Nationen (UN) die Bemerkung zum Thema einer Untersuchung machen würden. Oder dass er, zum Start eines der wichtigsten Umweltgipfels, wegen Morddrohungen unter Polizeischutz stehen würde.

Der langjährige Leiter der Climatic Research Unit (CRU) der Universität East Anglia hat sich am Donnerstag suspendieren lassen, um einer hochschulinternen Untersuchung "nicht im Weg zu stehen". Am Freitag kündigte der UN-Weltklimarat (IPCC) an, die "Climate-Gate"-Affäre aufzuklären. "Wir wollen auf keinen Fall irgendetwas unter den Teppich kehren", erklärte der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri.

Unbekannte hackten Server

Unbekannte hatten den E-Mail-Server des Instituts gehackt und vor zwei Wochen Hunderte vertraulicher E-Mails ins Internet gestellt. Zu lesen ist dort nun, wie sich die CRU-Forscher mit Kollegen ausgetauscht haben. Jones hatte etwa seinem Kollegen Michael Mann in Pennsylvania berichtet, dass es ihm gelungen sei, bei einem Diagramm durch Zuhilfenahme einer besonderen Methode einen zeitweisen Temperaturrückgang "zu verdecken".

Sie bestand darin, eine mehr als tausend Jahre abdeckende Analyse von Wachstumsringen in Bäumen für die noch fehlenden Jahrzehnte durch real gemessene Temperaturen zu ergänzen. In einer Mail von 2004 schlug Jones Mann zudem vor, die Studien zweier "Klimaskeptiker" aus weiteren Klima-Berichten der UN "irgendwie herauszuhalten". Die beiden, angeblich Stephen McIntyre und Ross McKitrick, hatten mehrere Studien in der Zeitschrift Climate Research veröffentlicht, die mit der Öl- und Kohleindustrie zusammenarbeitete.

Die politische Rechte in Großbritannien, aus deren Reihen sich die Skeptiker hauptsächlich rekrutieren, jubelte über die Enthüllungen. Jones und seine Leute hätten jahrelang Daten manipuliert und versucht, Kritiker mundtot zu machen. Das Ganze zeige doch, wie wenig Glauben man dem "nahezu hysterischen" Geschrei über Klimawandel schenken könne, fand Benny Peiser, Direktor der jüngst in London gegründeten "Stiftung für Politik zur Globalen Erwärmung". Der Präsident der Stiftung, der frühere Tory-Schatzkanzler Lord Nigel Lawson ist mit mehreren Ölkonzernen geschäftlich verbunden. Er fand seine langjährige Skepsis ebenfalls bestätigt.

Sein Parteikollege David Davis kritisierte scharf die "Fixierung der grünen Bewegung" auf wirtschaftlich riskante CO2-Vorgaben für die Industrie. Das Boulevardblatt Daily Express zog gegen den "Betrug" in Sachen Klimawandel zu Felde. Und aus den USA tönte es entsprechend zurück. Er habe ja "schon immer gewusst", dass der Klimawandel nur erfunden sei, verkündete Rundfunk-Moderator Rush Limbaugh triumphierend. Nun habe man den Beweis.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Hacker warteten auf Gipfel

Schockiert standen britische Klimaforscher der Attacke auf ihre Glaubwürdigkeit gegenüber. Von einer "Verschwörung" im akademischen Raum könne allerdings keine Rede sein, sagte Umweltforscher und Regierungs-Berater Andrew Watson: Die Debatte der vergangenen Jahre habe "klar ergeben", dass der Klimawandel nur mit menschlichen Aktivitäten erklärt werden könne.

Die Forscher des Meteorologischen Amtes Großbritanniens wiesen darauf hin, dass die CRU-Daten mit denen führender US-Klima-Institute übereinstimmten. Die "andere Seite" habe sich zu einer "Schmierenkampagne" herabgelassen, klagte Michael Mann vom Erdforschungs-Zentrum der Universität Pennsylvania. Die Londoner Times berichtete, die E-Mail-Hacker hätten sich laut der Polizei tatsächlich mehrere Wochen Zeit gelassen, bis sie die Mails pünktlich zum Klimagipfel veröffentlichten.

Der Effekt lässt sich nun beobachten. Der saudische Unterhändler Mohammad Al-Sabban sagte am Donnerstag, die Affäre mache klare CO2-Ziele auf dem Gipfel unmöglich. Die Mails zeigten ja, dass "es keinen Zusammenhang zwischen menschlichen Aktivitäten und dem Klimawandel" gebe.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Labour-Partei in Großbritannien

Der Kampf des Jeremy Corbyn

Von Sebastian Borger |
Freut sich über seinen Wahlsieg: Jeremy Corbyn.

Die Labour-Partei macht es sich unter dem in seinem Amt bestätigten Vorsitzenden Corbyn in der linksradikalen Nische bequem. Dabei wäre wirksame Opposition bitter nötig. Der Leitartikel. Mehr...

Erbschaftssteuer

Unternehmer-Lobby leistet gute Arbeit

Wenn es ums Erben geht, sind manche ein bisschen gleicher als andere.

Die „Reform“ der Erbschaftssteuer steht. Sie wird einige wenige Unternehmen stärker belasten, die meisten nicht. Was für ein Verständnis von gleichen Pflichten für alle steckt dahinter? Der Leitartikel.  Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung