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Klima-Konferenz in Poznan: Erhöhte Temperatur

Das Treibhaus-Problem wird größer statt kleiner: Die Industriestaaten haben die Emissionen nicht spürbar gesenkt, die Boomstaaten und die Entwicklungsländer heizen kräftig ein. Interaktive Grafik: Der Treibhauseffekt

Smog in Peking: China ist inzwischen der Klima-Sünder Nummer eins in der Welt.
Smog in Peking: China ist inzwischen der Klima-Sünder Nummer eins in der Welt.
Foto: dpa

Für die Klimaretter ist 2020 die Deadline. Bis dahin, sagen die Wissenschaftler, muss der Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter eingeleitet sein. Das heißt: Nur noch rund ein Dutzend Jahre dürfen die globalen CO2-Emissionen zunehmen, danach müssen sie kontinuierlich absinken, wenn das globale Klimasystem mit maximal plus zwei Grad Celsius noch beherrschbar bleiben soll. Das ist die große Anforderung, vor dem auch der Weltklimagipfel im polnischen Poznan (Posen) steht.

Es geht dort um Vorarbeiten zu einem internationalen Klimavertrag mit Zieljahr 2020, der das praktisch unwirksame Kyoto-Prokoll ersetzt. "Die Klima-Nuss muss dort endlich geknackt werden", fordert die Umweltstiftung WWF. Doch die Nuss ist hart, sehr hart. Denn das Treibhaus-Problem wird derzeit größer statt kleiner.

Vorreiter und Bremser

EU: Beschluss, Treibhausgase bis 2020 um 20 Prozent zu senken. Länder wie Polen und Italien bremsen Umsetzung.

Südafrika: Erstes Schwellenland, das den CO2-Ausstoß begrenzen und etwa ab 2030 senken will. Plant Energie-Effizienz-Standards, will weg von der Kohle.

Südkorea: Hat als erstes Schwellenland festes CO2-Ziel für 2020 angekündigt, Festlegung erfolgt 2009.

Mexiko: Verhandelt sehr konstruktiv. Hat Vorschlag vorgelegt, wie internationaler Klimaschutz von Industrie- und Schwellenländern gerecht finanziert werden kann.

USA: Der designierte Präsident Obama will USA "ergrünen", plant CO2-Ziele für 2020 und 2050. Noch-Präsident Bushs Verhandler haben Klimaverhandlungen gebremst.

China: Plant mehr Energieeffizienz und Öko-Energie, will aber keine festen CO2-Ziele, obwohl globaler Treibhaus-Sünder Nummer eins.

Australien: Wurde durch Regierungs- wechsel vom Kyoto-Gegner zum -Befürworter. Nationaler Klimaschutz bisher wenig erfolgreich.

Kanada: Heizt CO2-mäßig stark ein (plus 30 Prozent seit 1990), hat sich vom eigenen Kyoto-Ziel distanziert.

Russland: Will Kyoto-Verpflichtung loswerden und keine CO2-Ziele für 2020 eingehen. Harter Brocken beim Verhandeln.

Saudi-Arabien: Land mit höherem CO2-Pro-Kopf-Ausstoß als Industrieländer. Droht Verhandlungen zu blockieren, lehnt Klimaschutz-Verpflichtung für Entwicklungsländer ab.

Interaktive Grafik: Der Treibhauseffekt

Seit rund 150 Jahren pumpt der Mensch zusätzlich CO2 in die Atmosphäre. Inzwischen ist die Konzentration so hoch wie zuletzt in der Erdgeschichte vor mindestens einer Million Jahren. Der globale Ausstoß nimmt pro Jahr um über drei Prozent zu, dreimal so schnell wie noch in den 90er Jahren. Ursache: Die Industriestaaten haben es nicht geschafft, die Emissionen spürbar zu senken, derweil die Boomstaaten wie China und Indien sowie die Entwicklungsländer kräftig zulegen. China hat sogar die USA als Obereinheizer abgelöst. Sich darauf zu verlassen, dass die aktuelle Wirtschaftskrise die Lage entschärft, wäre fatal. Klimaforscher sagen: Die Zuwachskurven dürften dadurch allenfalls zeitweise flacher ausfallen. Das 1997 beschlossene, 2005 in Kraft getretene und 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll ist gut gemeint, aber weitgehend folgenlos. Zwar können die 40 Länder, die es ratifiziert haben, formell ihr Gesicht wahren. Sie dürften die Vorgabe schaffen, den CO2-Ausstoß bis 2012 im Schnitt um 5,2 Prozent (Basisjahr ist 1990) zu senken. Allerdings kaum dank gezielter Politik, sondern wegen der Wende in Osteuropa. Die führte zum Zusammenbruch der veralteten, ineffizienten Industrie. Das schönt die Statistik gewaltig.

Die anderen Kyoto-Länder, darunter viele Staaten der alten 15er EU sowie Kanada, Australien und Japan, heizen nämlich munter weiter ein. Sie verfehlen ihre CO2-Ziele zum Teil deutlich. Löbliche Ausnahmen sind nur Großbritannien, Schweden und Deutschland. Die Briten punkteten mit dem Umstieg von Kohle auf Erdgas, Schweden und Deutsche dank des Booms bei den erneuerbaren Energien; bei der Bundesrepublik kam der Mauerfall hinzu. Kyoto sieht vor, dass der deutsche CO2-Ausstoß bis 2012 um 21 Prozent sinken, geschafft waren 2007 laut den neuesten Zahlen sogar 22,4 Prozent. Jedoch sind Verschlechterungen der tatsächlichen Werte bis 2012 nicht auszuschließen.

Beim "Vorreiter" EU sieht es ansonsten trübe aus. Sie stellt laut der neuen Bilanz des UN-Klimasekretariats in Bonn sogar sechs der zehn Industrieländer mit den höchsten Zuwachsraten: Spanien, Portugal und Griechenland aus der "Südschiene", aber auch Österreich, Finnland und Irland.

Der Chef des UN-Sekretariats, Yvo der Boer, sieht das alles mit Sorge. Seit 2000 steigt der Klimagas-Ausstoß im Kyoto-Rahmen wieder - bis 2007 um rund drei Prozent. Der CO2-sparende Ost-Effekt ist Geschichte. Dort belebte sich die Wirtschaft, die Bürger haben größere Wohnungen, fahren mehr Auto. Für die Industriestaaten gilt: "Inzwischen wachsen die Emissionen in den Ländern im Übergang am schnellsten."

Noch dramatischer fiele die Kyoto-Bilanz aus, wenn die USA als zweitgrößter globaler Klimasünder 2001 nicht aus dem Protokoll ausgestiegen wären, das sie selbst mit verhandelt hatten. Ihr CO2-Ausstoß ist seit 1990 um satte 18 Prozent angestiegen. 2001 ließ Präsident George Bush wissen, Kyoto-Klimaschutz vertrage sich nicht mit dem "American Way of Life". Inzwischen weht in Washington ein anderer Wind. Das begründet die Hoffnungen für eine Klimawandel auf dem Klimagipfel in Poznan - auch wenn Nachfolger Barack Obama nur eine Beobachter-Truppe schicken wird. Als "aktive Zuhörer" werden die Mitglieder der Delegation in Polen mit Spannung erwartet. Man wird erste inoffizielle Gespräche führen. Noch, so beobachtet man auf deutscher Seite, halte sich der designierte Präsident mit seiner Informationspolitik in Sachen Klima bedeckt. Er wolle sich offenbar zuerst zu Hause eine Basis für seine Vorstöße schaffen. Und auch unter Obama würde das Wort Klimaschutz in den USA stark unter dem Blickwinkel der nationalen Sicherheit und der ökonomischen Krisenbewältigung buchstabiert. Klar ist: Obama will, dass die USA wieder international mitverhandeln, und er hat nationale CO2- Ziele für 2020 und 2050 avisiert. Bis Mitte des Jahrhunderts soll eine Reduktion der Klimagase um 80 Prozent erreicht sein - genau das, was Klimaforscher für nötig halten. Er will Wind, Solar, Biomasse und Energieeffizienz fördern und einen Emissionshandel einführen.

Niemand erwartet, dass Poznan schon zum Durchbruch für das Kyoto-Nachfolge-Protokoll wird. Dazu ist die Materie zu komplex, und die Vorarbeiten waren zu dürftig. Seit dem letzten Klimagipfel in Bali gab es kaum Forschritte. Das Misstrauen zwischen den Industriestaaten und dem Rest der Welt war zu groß. So gibt es nicht mal einen Textentwurf, über den im Detail gesprochen werden kann. Die Zeit bis zum nächsten Gipfel 2009 in Kopenhagen, auf dem das Kyoto-II-Abkommen stehen soll, ist knapp. Spätestens bis Juni muss ein Vertragstext vorliegen, den die Vertragsstaaten dann zunächst in ihren eigenen Ländern bis zum Gipfel abstimmen werden. In Poznan aber muss wenigstens die "Nuss" geknackt werden, damit man zum Kern der Sache vorstoßen kann.

Autor:  JOACHIM WILLE
Datum:  1 | 12 | 2008
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