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21. Juni 2015

Klimaschutz-Gegner: Die Adelung der Klima-Leugner

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Wenn Klimaskeptiker anfangen zu „argumentieren“, tauchen Eisbäre auf jeden Fall ab. Menschen sollten das auch.  Foto: REUTERS

Die Bundeszentrale für politische Bildung gibt einem Wissenschaftsgegner das Wort. Zur Erinnerung: Dass der CO2-Ausstoß des Menschen den aktuellen Klimawandel verursacht, ist durch Tausende abgesicherter Studien verschiedener Fachbereiche belegt.

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Amerika, du hast es besser! Jedenfalls aus Sicht der Klimaschutz-Gegner: Wird etwa ein republikanischer Präsidentschaftsanwärter gefragt, was er gegen den Klimawandel tun will, sagt er: „Ich bin kein Wissenschaftler! Warten wir, bis die Wissenschaft sich einig ist.“ Da kann Obama beim G7-Gipfel den CO2-Ausstieg versprechen, wie er will – gegen Öl- und Kohlelobby ist kein Ankommen.

Aber auch hierzulande wehrt sich mancher gegen Klimaschutz – bisweilen, wie ein Termin am Montag zeigt, sogar mit staatlicher Unterstützung. Dann veranstaltet die Bundeszentrale für politische Bildung – jene renommierte Behörde des Bundesinnenministeriums – eine Podiumsrunde in Berlin. Thema: „Energiewende und Klimawandel“, Zielgruppe: „Multiplikatoren der politischen Bildung“.

Doch anstatt zu debattieren, wie auf den Klimawandel zu reagieren ist und ob die Energiewende gelingt, stellt auch die Bundesbehörde die menschengemachte Erderwärmung zur Diskussion: Man wolle über den „Klimawandel, den es immer gab“ sprechen, heißt es in der Ankündigung, „unabhängig (davon), ob er von Menschen verursacht oder durch andere Einflüsse erzeugt“ sei.

Zur Erinnerung: Dass der CO2-Ausstoß des Menschen den aktuellen Klimawandel verursacht, ist durch Tausende abgesicherter Studien verschiedener Fachbereiche belegt. Mehr als 97 Prozent aller Untersuchungen zum Thema lassen keinen Zweifel daran. Und doch sitzt auf dem Podium der Bundeszentrale zwischen einem Grünen, einer Umweltjournalistin und dem Vertreter eines Energiekonzerns ein ausgewiesener Leugner des Klimawandels: Michael Limburg, „Dipl.-Ing.“, Vizepräsident des „Europäischen Instituts für Klima und Energie“ (EIKE) – ein virtuelles Institut, ein „Zusammenschluss einer wachsenden Zahl von Natur-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaftlern, die die Behauptung eines menschengemachten Klimawandels als Schwindel ansehen“ – und die jede Klimapolitik als Bevormundung von Volk und Wirtschaft verdammen.

EIKE hat von den großen US-Vorbilder gelernt und tritt mit Fachbeirat, Grundsatzpapieren, Publikationen sowie immer wieder bei Debattenrunden auf – auch wenn es gar kein Institut, sondern ein Verein ohne Büro ist, mit einer Postfachadresse in Jena. Geführt wird es vom Jenaer CDU-Lokalpolitiker Holger Thuss, ein Verleger konservativer Bücher. Der Pressesprecher Horst-Joachim Lüdecke, ein pensionierter Professor für Strömungsmechanik, erklärte einst, das Institut, „braucht keine Klimaforscher“, weil es ja keinen wissenschaftlichen Beweis gebe, dass CO2 die Erde aufheizt. Im Fachbeirat sitzen denn auch ein Materialforscher, ein Radiologe und ein Elektronikspezialist.

EIKE pflegt nicht nur Kontakte zur Szene der US-Klimaskeptiker, die von der Ölindustrie mitfinanziert werden, es nutzt auch deren Taktik: Man deklariert Fakten zu Meinungen um – und reklamiert dann, im Sinne der Meinungsfreiheit müsse ihre Weltsicht gleichberechtigt daneben stehen. In den USA investieren Öl-, Kohle- und Stromlobby seit Jahren Millionen in die Diskreditierung der Klimaforschung – so wie zuvor die Tabakindustrie gegen Krebsforscher und christliche Fundamentalisten gegen die Evolutionslehre: Es werden Denkfabriken gegründet, Studien bezahlt – und schon ist der Klimaschutz infrage gestellt.

Eike-Präsident Thuss ist auch zugleich Gründer des Europa-Ablegers vom „Committee for a constructive tomorrow“, das vom Ölkonzern ExxonMobil mitfinanziert wurde. Ob auch EIKE Industrie-Geld erhält oder nur ein Bund von Querulanten, Wichtigtuern und Gegnern von Grünen und Gutmenschen ist, ist unklar: Deutsche Denkfabriken müssen ihre Geldgeber nicht offenlegen.

Eike selbst bestreitet externe Einflüsse – jedoch nicht, dass es gut vernetzt mit großen klimaskeptischen US-Vereinen wie dem „Heartland Institute“ ist, einer konservativen Denkfabrik, die seit Jahren große Konferenzen gegen Klimaschutz abhält und auch mit der rechtskonservativen bis rechtsnationalen angelsächsischen Szene paktiert.

Die Bundeszentrale begründet ihre Einladung damit, „auch skeptische Stimmen gegenüber dem Mainstream“ hören zu wollen. „Durch die Visibilität von Gegenargumenten kann die Meinungsbildung unterstützt werden“, sagte eine Sprecherin.

Echte Klimaforscher sind entsetzt über die staatliche Adelung für die Eike-Klimaskeptiker. „Skeptizismus gehört zwar zur Wissenschaft ebenso wie die unterschiedliche Interpretation von Fakten, etwa mit Blick auf die Handlungsrelevanz des Klimawandels“, sagt etwa Brigitte Knopf, die Generalsekretärin des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change, an dem etliche Forscher Details des Klimawandels untersuchen.

Sie halte es für eine große Errungenschaft des Rechtsstaates, dass auch wissenschaftlich abwegige Äußerungen durch das Recht auf freie Meinungsäußerung geschützt sind. „Aber es ist mir nicht verständlich, dass die Bundeszentrale für politische Bildung dem selbst ernannten Experten Michael Limburg auf ihrem Podium ein Forum bietet, obwohl er den wissenschaftlichen Fakt nicht anerkennt, dass der Klimawandel im Wesentlichen menschengemacht ist.“

Tatsächlich sei er selbst überrascht gewesen über die Einladung, schreibt EIKE-Vize Limburg auf seiner Homepage – und kritisiert, die Veranstaltung gehe von „kühnen, fast immer unbestätigten Behauptungen“ aus und ignoriere „kritische“ Stimmen wie seine. „Dann wird es in der Diskussion sicher stärker zur Sache gehen“, freut er sich und ruft seine Fans zu zahlreichem Erscheinen auf. Läuft die Sache für ihn gut, könnten die unbedarfteren unter den „Multiplikatoren“ den Eindruck gewinnen, es sei doch nicht alles so klar mit dem Klimawandel. Zumindest aber werden Klimaschutz-Gegner sich bald darauf berufen, dass sogar die Bundeszentrale EIKE als Experten anerkennt. Die Debatte, wie die G7 den Kohleausstieg schaffen, wird das sicher bremsen.

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