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01. Februar 2013

Klinikskandal: Kardinal erlaubt „Pille danach“

 Von Joachim Frank und Steven Geyer
Kardinal Joachim Meisner, Erzbischof von Köln  Foto: dpa/Oliver Berg

Katholische Kliniken dürfen Notfallverhütung ausgeben.

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Die „Pille danach“

Medikamente zur Nachverhütung führen nicht zu Schwangerschaftsabbruch, sondern wirken wie jede hormonelle Empfängnisverhütung. In Deutschland gibt es zwei solcher Präparate: Der Wirkstoff Levonorgestrel verschiebt oder verhindert den Eisprung. Diese Pille muss bis 24 Stunden danach eingenommen werden.

Seit fünf Jahren gibt es zudem ein Produkt mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat, das bis zu fünf Tage danach eingenommen werden kann. Einer befruchteten Eizelle würde es aber ebenfalls nicht schaden.

Zum Schwangerschafts-Abbruch wird die Pille „RU-486“ eingesetzt, das in der aktuellen Debatte aber nicht im Fokus stand.

Als Folge aus dem Klinikenskandal hat der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, einen spektakulären Kurswechsel vollzogen. Die Vergabe bestimmter Arten der „Pille danach“ an vergewaltigte Frauen sei ethisch vertretbar, erklärte er am Donnerstag überraschend. Noch in der vorigen Woche hatte er für katholische Einrichtungen das strikte Verbot der „Pille danach“ bekräftigt.

Nun unterscheidet der Kardinal – nach der Konsultation von Fachleuten, wie er erläutert – zwischen Pillen mit verhütender Wirkung und zur Abtreibung. Während eine „verbrecherische Befruchtung“ verhindert werden dürfe, bleibe es verboten, menschliches Leben auch im frühesten Stadium zu töten, erläuterte das Erzbistum. Meisner bekräftigt zwar das Verbot der „Abtreibungspille“ RU-486. Es sei aber „nichts dagegen einzuwenden“, wenn katholische Kliniken auch über Medikamente und über Wege zu deren Erhalt informieren, die „nach katholischer Auffassung nicht vertretbar sind“. Damit dürfen Ärzte in katholischen Kliniken über Präparate aufklären, die möglicherweise eine Frühabtreibung zur Folge haben. Auch diese Regelung ist neu und weicht ab von bisherigen Vorgaben, bei deren Verletzung Ärzte mit fristloser Kündigung rechnen mussten.

Die Weigerung zweier katholischer Kliniken, Vergewaltigungsopfer zu behandeln, hatte zu einer heftigen Debatte geführt. Meisner entschuldigte sich persönlich für die verweigerte Hilfe. Ein solcher Fall dürfe sich nicht wiederholen. „Die Ärzte in katholischen Einrichtungen sind aufgefordert, sich rückhaltlos der Not vergewaltigter Frauen anzunehmen.“ Dabei hätten sie sich sowohl am Stand der Forschung zu orientieren, als auch am Prinzip des Lebensschutzes.

Meisners Schwenk bringt auch Bewegung in die katholische Sexualmoral und das Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung. Zwar hält er in Übereinstimmung mit dem päpstlichen Lehramt am Verbot künstlicher Empfängnisverhütung für Eheleute fest, erkennt aber eine weitere Ausnahme an.

Pro Familia lobte Meisners Entscheidung. „Es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung“, sagte die NRW-Geschäftsführerin des Beratungsvereins, Rita Kühn, dieser Zeitung. „Wir freuen uns, dass Kardinal Meisner sich endlich detailliert über die Wirkung der ,Pille danach’ informiert hat.“ Seit Bekanntwerden der Kölner Fälle war massiver öffentlichen Druck entstanden. Pro Familia und Terres de femmes fordern Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) und seine nordrhein-westfälischen Amtsollegin Barbara Steffens (Grüne) auf, die verbindliche Versorgung mit Notfallverhütung zu sichern. Die entsprechende Petition (change.org/notfallverhuetung) hatten bis Donnerstag mehr als 38.000 Menschen unterzeichnet, darunter Frauen-Bundestrainerin Silvia Neid, Piraten-Politikerin Marina Weisband und Verdi Bayern.

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