BERLIN. Zum Glück gibt es die Schlitze. Eigentlich sollen die Jalousien den Raum "Düsseldorf" vor neugierigen Blicken abschirmen. Aber die Lamellen schließen nicht dicht. Auch eine eilig hergeschobene Zimmerpflanze gibt kaum Deckung. So kann man am späten Abend von der Hiroshimastraße aus beobachten, wie die Parteichefs von CDU, CSU und FDP in der ersten Etage der Nordrhein-Westfalen-Vertretung am Gesundheitskompromiss feilen.
Es ist ein Film ohne Ton, den man mit zusammengekniffenen Augen verfolgen kann. Mal sitzen sechs, mal neun Leute um ein Geviert von Bürotischen. Am linken Ende erkennt man Kanzlerin Angela Merkel im cremefarbenen Sakko. Ihr gegenüber sitzt gefühlte zehn Meter entfernt kerzengerade FDP-Chef Guido Westerwelle.
Leider wendet CSU-Chef Horst Seehofer dem Volk den Rücken zu. Merkel redet und gestikuliert ruhig. Während beide Männer an Erkältungen herumlaborieren, scheint sie von dem Verhandlungsmarathon unbeeindruckt. Um 23.30 Uhr wird Rotwein ausgeschenkt. Es wirkt, als habe Merkel die Sache im Griff.
Eine Etage tiefer kann man einen anderen Eindruck gewinnen. Erst beerdigt Kanzleramtsminister Thomas de Maizière mit einem kurzen Statement den seit Tagen diskutierten Schattenhaushalt. Dann dementieren Gesprächsteilnehmer, dass die Müllgebühren steigen werden, wie es zuvor aus der Runde herausgedrungen war. Und die von CDU-Leuten verkündete Einigung bei der Wehrpflicht? Nein, heißt es bei der FDP, auch die gebe es nicht. Das Thema sei nicht abgeschlossen.
Für die wartenden Journalisten sind die Koalitionsverhandlungen wahrlich kein Vergnügen. Zwar gibt es Suppe und heiße Getränke, aber drei Wochen lang praktisch keine belastbaren Informationen. So sprießen Indiskretionen und Gerüchte. Auch Mitglieder des CDU-Präsidiums zweifeln inzwischen, ob es nicht besser gewesen wäre, zumindest Teilergebnisse zu veröffentlichen.
Es riecht nach Einigung
Immerhin: "Wir kommen zum Endspurt", kündigt FDP-Generalsekretär Dirk Niebel am Freitag ein Ende des Wartens an. Und grinst die Kanzlerin beim Hereingehen heute nicht besonders zufrieden in die Kameras? Sie trägt ein feierliches anthrazitfarbenes Kostüm. Das riecht nach Einigung, auch wenn Noch-Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg betont lässig im schwarzen Cordsakko und Jeans aufgelaufen ist. Für Samstagvormittag haben Union und FDP den Saal der Bundespressekonferenz geblockt. Dann soll der Koalitionsvertrag präsentiert werden.
Einen kleinen Appetithappen sollen am Freitagvormittag bereits die Gesundheits-Unterhändler bieten. Doch so richtig harmonisch wirkt die Präsentation nicht: Ursula von der Leyen kann sich einen Seitenhieb gegen den FDP-Kollegen Philipp Rösler nicht verkneifen. Der Gesundheitsfonds bleibe erhalten, wie sie immer erklärt habe: "Es hat nur drei Tage gedauert, bis es noch einmal sackte." Rösler lächelt und betont, es werde einen "einkommensunabhängigen Beitrag" geben. Im Volksmund heißt so etwas Kopfpauschale. Nach sechs Minuten sind alle Klarheiten beseitigt. Das wird kaum besser, als CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt später behauptet, es bleibe bei den "lohnbezogenen Beiträgen".
Auch beim zentralen Steuerthema gibt es noch erheblichen Abstimmungsbedarf in der nächtlichen Sitzung. Vor Mitternacht solle niemand mit Ergebnissen rechen, hat CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer schon gewarnt. Bis dahin heißt es warten.
In der Hiroshimastraße ist es im Laufe der Wochen Herbst geworden. Die Blätter sind verwelkt, und der Regen hat selbst die Dauer-Demonstranten vertrieben. Hinter den Jalousien aber steigt die Stimmung. "Ich freue mich", sagt Unions-Fraktionschef Volker Kauder, "dass die Regierung des Aufbruchs und der bürgerlichen Mitte nun endlich zeigen kann, was in ihr steckt."
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