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18. November 2013

Koalitionsverhandlungen Energiewende: Die Kosten der Energiewende

 Von 
Umstrittener Kurs: Umweltschützer warnen vor den Schattenseiten de Energiewende.  Foto: dpa

Während sich die Großkoalitionäre in spe noch an den Details der Energiewende abarbeiten, warnen Umweltschützer bereits vor der Fortführung des Energiewende-Programms. Dessen Effekte seien mindestens so schlimm wie die der alten Energie-Industrien.

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Berlin –  

Enoch zu Guttenberg, 1975 Mitgründer und heute arger Kritiker des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), gehen harte Worte über die Lippen. Windkraftanlagen sind für ihn keine Säulen der Energiewende, keine Garanten im Kampf gegen den Klimawandel, sondern sie sind eine „Technologie der Verheerung“. „Es sind barbarische und gigantische Vogelmordmaschinen.“

Guttenberg, eine Art Vortragsreisender gegen die längst nicht mehr an der Küste, sondern auch im Binnenland massierten Windparks, spricht im Gartensaal des Kurzentrums der Spessartkommune Bad Orb. Es ist Mitte Oktober, und rund um den Ort, auf den Ausläufern und Höhenrücken von Vogelsberg und Spessart, werden Tatsachen geschaffen. Die Planer und Baufirmen stellen 200 Meter hohe Windmaschinen in den Wald. Das erzürnt die Bürger, die sich in der Initiative Gegenwind versammelt haben. Guttenberg ist entsetzt: „Die Natur wird der Verwüstung preisgegeben“, schimpft der Franke.

Das hatten die 2500 Einwohner im nahen Flörsbachtal vor zwei Jahren so nicht gesehen, als mehr als 80 Prozent für einen Beitrag zum Klimaschutz plädierten. Doch der Zustimmung zu den Windrädern auf Heiligenküppel und Kohlplatte ist Ernüchterung gefolgt, seit Visualisierungen das Ausmaß der Türme zeigen. Seither sagen sie „Nein“, fürchten ums Landschaftsbild, um Tier- und Pflanzenwelt, dokumentieren ihr Veto mit Tafeln und Demos.

Sie schlagen im Zweifel damit auch hohe Pachtzahlungen der Windmüller aus, auf die die Kommunen aber angesichts von Abwanderung und demographischen Wandels mehr und mehr angewiesen sind. Eine Forsa-Umfrage und ein Referendum in zwei benachbarten Kommunen bestätigen: Die anfängliche Zustimmung ist umgeschlagen, erste Projekte sind gekippt.

Rückendeckung bekommen die Protestler, die die Energiewende nicht vor ihrer Haustür erleben wollen, von Wachstumskritikern wie Niko Paech. Der Volkswirt und Gastprofessor an der Uni Oldenburg warnte vor wenigen Tagen in Fulda, dass dem Land die wirklichen Opfer der Energiewende erst noch bevorstehen. Denn der nach seiner Rechnung elf Prozent große Anteil der regenerativen Power am Gesamt-Energieaufkommen sei allein mittels der „tief hängenden Früchte“ erreicht worden. Eine „brutale Landschaftszerstörung“ stehe noch bevor, wenn etwa im Schwarzwald mit dem Bau gigantischer Windparks „ein zweites Stockwerk eingezogen“ werde, um das 100-Prozent-Ziel umzusetzen.

Hochgerechnetes Massaker

„Viele glaubten“, pflichtet ihm Martin Flade, Ornithologe und Chef des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin, bei, „wenn wir schnell auf erneuerbare Energien umsteigen, können wir mit unserem Konsum und Lebensstil so weitermachen wie bisher. Ein schwerer Irrtum.“


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Biologen wie Flade warnen seit Jahren vor Kollateralschäden der Energiewende, wie sie von der Windkraft, aber auch von der Biogaserzeugung ausgehen. Zwar werden hier und da Windparks verschoben oder gar nicht erst gebaut, weil sie Schwarzstorch oder Rotmilan zu nahe kommen. Doch am Ausmaß der Folgen hat das wenig geändert. Torsten Langgemach, Chef der staatliche Vogelschutzwarte Brandenburg, sammelt seit 2002 bundesweit die Daten von verunglückten Vögeln und auch Fledermäusen. Zwar sind die absoluten Zahlen nicht sehr hoch. Was sind schon 1843 unter den Rotoren gefundene tote Vögel und 1982 tote Fledermäuse? Doch solche Zahlen basieren sehr oft auf Zufallsfunden, nicht auf systematischer Nachsuche. „Was bleibt auch schon übrig von hundert Goldhähnchen, wenn die gegen die Rotoren geklatscht sind?“, fragt Langemach. Auch findet man die perfekt getarnte Feldlerche kaum, wenn sie, äußerlich unversehrt, tot am Boden liegt. Dann ist die Todesursache erst in der Pathologie zu klären: Tod durch Hirn- oder Lungenblutung könnte die Anamnese lauten. Eine Folge des Unterdrucks an den Rotoren oder der Luftwirbel, in die Vögel geraten und weggeschleudert werden.

Die Zahlen sehen ganz anders aus, schauen die Biologen gezielt nach und rechnen ihr Ergebnis hoch. Dann ergibt sich: An jeder der 25 000 deutschen Windmühlen sterben jedes Jahr mindestens vier Vögel und vier Fledermäuse. An der Leibniz-Universität Hannover haben Forscher jüngst die Zahl der an den Masten krepierten Fledermäuse sogar auf je zwölf und damit auf eine Viertelmillion im Jahr kalkuliert. Die fehlen dann auf den Äckern und in den Gärten, um lästige Insekten zu vertilgen.

Langgemach differenziert. 213 tote Rotmilane seien viel schlimmer als 245 tote Mäusebussarde. Denn es gibt fünfmal mehr Bussarde, und zugleich lebt die halbe Weltpopulation des Rotmilans in Deutschland. Längst ist der Vogelschlag am Windrad die Todesursache Nummer eins für den Rotmilan, sein Bestand sinkt. Einer der Hauptgründe: Kaum ein Greifvogel ist derart viel in der Luft wie er, ein Zusammenstoß mit den Mühlen wahrscheinlicher als bei anderen. Der Rotmilan leidet überdies wie fast alle anderen Vögel der Agrarlandschaft auch an den Folgen der Industrialisierung der Landwirtschaft. Sie bietet ihm keine Nahrung mehr. Die Folge, so Tobias Dürr von der Vogelschutzwarte Brandenburg: Er sucht Nahrung auf den Brachflächen unter den Rotoren. Eine tödliche Suche.

Hohe Nitratwerte im Grundwasser sind gefährlich

30 Jahre währt der Sinkflug der Agrarvögel, bilanziert Flade. Während einzelne, ehedem fast ausgestorbene Arten – Seeadler, Wanderfalke, Großtrappe – per „Einzelnest-Betreuung“ erfolgreich über die Runden gebracht wurden, geht den Allerweltsarten wie Feldlerche, Kiebitz, Grau- und Goldammer die Nahrung aus auf den Maiswüsten, angesät, um Biogasanlagen zu füttern. Und es wird noch schlimmer: Der Gießener Biologe Ralf Sauerbrei prognostiziert in einer neuen Studie, dass die Zahl der neun untersuchten Feldvogelarten um 420 000 Paare und damit um weitere zehn Prozent sinken werde, geht der Ausbau der Biogaswerke wie von der Bundesregierung bisher geplant weiter.

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Der Schaden, den die Biogasfermenter anrichten, macht sich aber auch für Menschen wie Fische negativ bemerkbar. Denn anders als bei Gülle können Bauern Gärreste in beliebiger Menge auf die Äcker ausfahren. Die Folge: Zu hohe Nitratwerte in Bächen und Grundwasser, was nicht nur das Trinkwasser gefährdet, sondern auch die Wiederansiedlungen von Lachs und Stör zunichte machen kann. Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundsamtes: „Das ist ein gravierendes Problem.“ Er fordert deshalb Höchstmengen für die Verteilung des Substrats.

Im Wald von Flörsbachtal, dort, wo sich bald Windrad an Windrad reiht, haben derweil Naturschützer in diesem Sommer einen sensationellen Fund gemacht. Sie orteten einige Tiere der überaus raren Mopsfledermaus. Wird sie ein Opfer der Energiewende?

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