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15. Januar 2016

Köln und die Folgen: Gefühlte Bedrohung

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Nach den Übergriffen in Köln wurde in Nordrhein-Westfalen ein Karnevalsumzug abgesagt (Symbolbild).  Foto: dpa

Nach den Übergriffen am Silvesterabend mehren sich in Nordrhein-Westfalen die Angstreaktionen: Die Stadt Bornheim untersagt Flüchtlingen den Zutritt zum Schwimmbad, in Rheinberg wird ein Karnevalsumzug abgesagt.

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Köln –  

Das sind starke Worte. „Nach Köln ist nichts, wie es vorher war“, sagt Markus Schnapka, Sozialdezernent im nordrhein-westfälischen Bornheim, und begründet mit den Übergriffen aus der Silvesternacht rund um den Dom und den Hauptbahnhof die Sperrung des Bornheimer Hallenbads für männliche Flüchtlinge über 18 Jahre. Immer mehr Besucherinnen und Angestellte hätten sich über sexuelle Belästigungen durch Männer aus dem nahen Flüchtlingsheim beschwert, die sich in „chauvinistischer Weise“ gezeigt hätten, berichtet der Grünen-Politiker. Dabei habe es sich aber nicht um Straftaten gehandelt. Die Stadt zwischen Köln und Bonn mit 48 500 Einwohnern beherbergt derzeit rund 800 Asylbewerber.

Das Schwimmbad-Verbot ist der Stadt nicht leichtgefallen. Die Flüchtlinge haben Ausweise, mit denen ihnen verbilligter Eintritt gewährt wird. Auf diese Weise lasse sich das Verbot kontrollieren, heißt es. Bevor es ausgesprochen wurde, hat Schnapka die Flüchtlinge bei einer Veranstaltung darüber informiert und bedauert, dass für das Fehlverhalten Einzelner alle bestraft würden. Man sei mit der Entscheidung auf Verständnis gestoßen. Noch am Freitag erklärte Bornheims Bürgermeister, das Schwimmbadverbot für Flüchtlinge solle kommende Woche wieder aufgehoben werden.

Hat die Stadt mit dieser Entscheidung überzogen? Stehen in Bornheim und anderswo alle Zuwanderer nach Köln unter Generalverdacht? Bisher gab es in Bornheim, wo sich 500 ehrenamtliche Helfer um die Zuwanderer kümmern, lediglich einen Vorfall, der zu einer Strafanzeige geführt hat. Ein 18-jähriger Flüchtling aus Syrien hatte eine Spaziergängerin (54) belästigt und sie unsittlich berührt. Die Vorfälle im Schwimmbad seien nicht zur Anzeige gebracht worden, weil es sich dabei lediglich um „verbale Attacken“ gehandelt habe, sagte eine Sprecherin der Bonner Polizei.

Bornheims Sozialdezernent geht nach Auffassung des grünen Landesvorsitzenden Sven Lehmann „den richtigen Weg, wenn er jetzt den direkten Dialog mit Flüchtlingen sucht, um ein Bewusstsein für sexualisierte Übergriffe und Regeln in öffentlichen Schwimmbädern zu schärfen“. Ein Badeverbot für ganze Gruppen gehe aber deutlich zu weit.

Klartext in Bornheim

Immerhin: In Bornheim redet man Klartext. Das sieht in Rheinberg im Kreis Wesel, ebenfalls NRW, schon anders aus. Der Umzug, den der Karnevalsverein im Stadtteils Orsoy wegen seines 33-jährigen Bestehens statt am Tulpensonntag erstmals für Rosenmontag geplant hatte, fällt aus. Der Verein habe es nicht geschafft, das von der Stadt erstmals geforderte Sicherheitskonzept vorzulegen. „Eine Absage des Rosenmontagszugs durch die Stadt Rheinberg hat es nicht gegeben.“ Das Orsoyer Karnevals-Komitee habe den Antrag auf Genehmigung zurückgezogen. „Binnen drei Wochen können wir das nicht schaffen. Dazu brauchen wir ein halbes Jahr“, sagt dessen Präsident Paul van Holt.

Nach den Übergriffen in Köln wurde in Nordrhein-Westfalen ein Karnevalsumzug abgesagt (Symbolbild).  Foto: dpa

Die Silvester-Übergriffe von Köln seien nur ein Aspekt gewesen, beschwichtigt ein Stadtsprecher. Weil es in Orsoy mit seinen 3000 Einwohnern in einem ehemaligen Krankenhaus eine Flüchtlingseinrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen gibt, in der zurzeit 200 Menschen leben und Anfang Februar weitere 300 hinzukommen, könne man nicht ausschließen, dass es zu Szenen wie in Köln komme.


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Den Flüchtlingen sei der Karneval unbekannt. „Letztlich ist die Verlegung der Zugs auf den Rosenmontag das eigentliche Problem. Wir müssen damit rechnen, dass von den traditionellen Rosenmontagszügen aus Kamp-Lintfort und Veen vor allem das sehr problematische Publikum sich den Orsoyer Zug aussucht, weil der vermeintlich nicht so ganz stark kontrolliert wird.“ Zudem lebten viele Nordafrikaner in Orsoy.

Problemgruppen könnten auf Flüchtlinge treffen? Muss man deshalb den Karneval absagen? Das alles also hätte ein kleiner Karnevalsverein berücksichtigen müssen? „Für uns ist die Absage ein Schock“, sagt der Präsident. „Das Wurfmaterial ist bestellt. Es kommen hohe Kosten auf uns zu.“

Die angespannte Sicherheitslage hat auch in Köln weitere Folgen. Die Geschäftsleute im Hauptbahnhof klagen über Besucher- und Umsatzverluste am Abend, und die Veranstalter des Kölsch-Festes am Südstadion kapitulieren vor Fußball-Hooligans. Auf dringendes Anraten der Polizei haben sie die Jugendparty „Jung und jeck“ am 22. Januar abgesagt, weil am gleichen Tag das Drittliga-Spiel von Fortuna Köln gegen Hansa Rostock stattfindet. Die Polizei hat Erkenntnisse, dass eine große Anzahl von Hooligans von Rostock nach Köln reisen wird. Das sei zu riskant, sagt der Veranstalter. Die Sicherheit der Besucher habe Vorrang. Vermutlich hat Bornheims Sozialdezernent doch recht. Nach der Silvesternacht von Köln ist nichts mehr so, wie es vorher war.

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