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Kolonialvergangenheit: Schädel, Schuld und Schweigegeld

100 Jahre nach dem Völkermord kämpfen Namibias Herero um die Gebeine ihrer Ahnen. Aber das ist nicht alles. Geld oder finanzielle Unterstützung sollen auch dabei sein.

        

20 Schädel aus der Berliner Charité kehren jetzt heim.
20 Schädel aus der Berliner Charité kehren jetzt heim.
Foto: dapd/Maja Hitij
WINDHUK. –  

Nach dem Interview lädt Vetaruhe Kandorozu, Bürgermeister von Okakarara, zum Mittagessen ein. Doch der Appetit ist seinen Zuhörern längst vergangen. Zu grausam waren die Schilderungen des Bürgermeisters in den vergangen 50 Minuten.

Okakarara ist eine staubige 6.000-Seelen-Gemeinde, 300 Kilometer nördlich von Windhuk. Das Städtchen ist umgeben von riesigen Farmen, dahinter beginnt die Kalahari, eintönig, flach, schier endlos. An den Rändern der Hauptstraße von Okakarara verstecken sich improvisierte Imbissstände unter behelfsmäßig aufgespannten Planen vor der unerbittlichen Sonne. Ein paar Ziegen laufen über die Straße. Im Zentrum wartet die einzige Tankstelle weit und breit auf Kundschaft, doch die meisten Einheimischen fahren Eselskarren. Die Gegend wirkt friedlich.

Vielvölkerstaat

Namibia ist mehr als doppelt so groß wie Deutschland, zählt aber nur 2,1 Millionen Einwohner. Wüsten bedecken große Teile des Landes.
Die Bevölkerung unterteilt sich in zahlreiche ethnische Gruppen. In vielen Fällen bedingt die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe auch politische Loyalitäten.
Die größte ethnische Gruppe sind mit rund einer Million Menschen die Ovambo. Rund 100 000 sind Herero, ähnlich viele Weiße leben in Namibia.

Vor etwas mehr als hundert Jahren jedoch, als Namibia noch Deutsch-Südwestafrika hieß, fand hier ein Völkermord statt. Nachdem die Kolonialbehörden den in der Gegend lebenden Herero das Land genommen, ihnen mit dubiosen Methoden das Vieh abgekauft und schließlich ihre Freiheit beschnitten hatten, erklärte deren oberster Häuptling Samuel Maharero den Eindringlingen 1904 den Krieg. Am Waterberg, der sich unweit von Okakarara wie ein überdimensionaler Tisch aus der Ebene erhebt, verloren die Herero noch im selben Jahr die entscheidende Schlacht gegen das waffentechnisch haushoch überlegene Heer des Kaiserreiches. Kommandeur Lothar von Trotha ließ die Herero in die Wüste treiben, von den Wasserstellen verjagen oder in Lager bringen. 80.000 Herero – rund 80 Prozent des Volkes – kamen dabei um.

Erste Rückgabe am Freitag

„In den Konzentrationslagern wurden hauptsächlich Männer getötet. Ihre Köpfe wurden abgeschlagen und dann den Frauen gegeben, die sie mit kochendem Wasser und Glasscherben von Fleisch und Haaren zu säubern hatten“, berichtet Kandorozu. 10.000 Schädel sollen die Deutschen so geraubt haben. Einige Soldaten nahmen gar Totenköpfe als Souvenir mit. Noch heute werden in deutschen Privathaushalten Herero-Schädel vermutet.

Der Großteil landete jedoch in Museen und Universitäten, wo vorgeblich das Wesen der Eingeborenen erforscht werden sollte. Dort lagern die Schädel bis heute. Eigentlich sollten sie längst in die Heimat zurückgebracht werden. Doch weil es Probleme bei der genauen Zuordnung gibt, wird die Rückführung immer wieder verschoben. „Die wollen das Thema Völkermord nicht in die internationale Gemeinschaft bringen“, sagt Kandorozu. Er meint mit „die“ die Bundesregierung. „Und damit es nach einer geringen Zahl von Opfern aussieht, wollen sie auch nicht alle Schädel herausgeben.“ Ganze 20 Schädel aus der Berliner Charité – neun von Angehörigen der Herero und elf, die dem seinerzeit ebenfalls verfolgten Volk der Nama zugerechnet werden – werden nun nach Namibia zurückkehren. Am Freitag werden sie einer aus Windhuk angereisten Delegation in Berlin übergeben.

Das Problem der Herero ist, dass sie keine rechtliche Grundlage haben, selbst mit der Bundesregierung zu verhandeln. Die eigene Regierung wiederum tut wenig, den Prozess zu beschleunigen. Die zuletzt für Mai geplante Übergabe der Schädel aus der Charité ließ sie platzen, indem sie plötzlich die Zusammensetzung der namibischen Delegation infrage stellte. Das Motiv ist denkbar banal: Die Regierungspartei Swapo wird dominiert von den Ovambo, die seit dem Völkermord an den Herero die größte ethnische Gruppe im Land bilden. Und sie sind an einer einseitigen Entschädigung für die Herero nicht interessiert.

Denn es geht auch um Geld. Die Nachkommen der Überlebenden des Völkermordes verlangen von der Bundesrepublik nicht nur die Gebeine und eine offizielle Entschuldigung Deutschlands für den Genozid. „Eine Entschuldigung kann nicht allein kommen, eine Entschuldigung kann nur mit Reparationszahlungen kommen“, sagt Kandorozu. „Schließlich wurden uns unser Land und unser Vieh genommen.“

Dazu ist die Bundesregierung jedoch nicht bereit, wie aus ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervorgeht. Sie verschanzt sich hinter dem Argument, Deutschland sei der UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes erst 1954 beigetreten, und eine rückwirkende Anwendung der Konvention sei nicht möglich. Das Auswärtige Amt verwies am Dienstag zudem noch einmal auf die umfangreiche deutsche Entwicklungsförderung in Namibia. In der Tat: Das dünn besiedelte Land im Südwesten Afrikas ist pro Kopf der Bevölkerung der größte Empfänger deutscher Entwicklungshilfe.

Geschichte begräbt man nicht

Genau darin vermuten nun die Herero den Grund für die mangelnde Unterstützung durch ihre eigenen Volksvertreter. „Vielleicht hat die Regierung Angst, Deutschland könnte Entwicklungshilfegeld zurückhalten, um die Reparationszahlungen zu bedienen“, empört sich Utjiua Muinjangue, Vorsitzende des Ovaherero Genocide Committee (OGC). „Bestechungszahlungen“ nennt sie es: „Die Deutschen geben der Regierung Namibias Geld, damit sie ruhig bleibt.“

Noch wütender wird sie, als sie auf einen Bericht zu sprechen kommt, der in der in Windhuk erscheinenden Zeitung Namibian Sun erschien. Das Boulevardblatt zitierte einen namentlich nicht genannten Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes mit der Aussage, die Übernahme der Kosten für die Repatriierung der Schädel sei daran geknüpft, dass die Zeremonie „nicht im Kontext von Gräueltaten“ stehe. „Ich würde lieber hungern, als darüber zu schweigen, was unseren Vorfahren angetan worden ist“, sagt auch Okakararas Bürgermeister Kandorozu, und der Herero-Historiker Festus Muundjua spricht von „Erpressung“. Die Bundesregierung beschränkt sich darauf, die zitierten Aussagen als „unzutreffend“ zu dementieren.

Die letzte Ruhe für die Toten wird es ohnehin nur bedingt geben. Nach Plänen der Herero-Organisationen sollen die Schädel nach ihrer Rückkehr nämlich in Museen ausgestellt werden. Nach einem Jahrhundert, in dem der Völkermord immer wieder geleugnet wurde, klingt Kandorozus Begründung plausibel: „Wir wollen die Schädel nicht beisetzen, denn wir wollen die Geschichte nicht begraben.“

Autor:  Christian Selz
Datum:  29 | 9 | 2011
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