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23. Januar 2013

Kolumne: Der tiefgefrorene Mann

 Von Bascha Mika
Der starke Mann hat ausgedient.  Foto: dpa

Männer verharren. Sind irritiert. Warten ab. Und sie hoffen, dass die Welle der Geschichte über sie hinweg schwappt.

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Ist der Mann ein Saurier? Ein prähistorisches Geschöpf wie einst der Archäopteryx, nicht anpassungsfähig an seine Umwelt? Glaubt man der israelisch-amerikanischen Autorin Hanna Rosin, wird der Mann zur bedrohten Art. Seine gruppenspezifischen Merkmale: schlechter Schüler, mieser Absolvent, Loser im Job und in der Familie nicht zu gebrauchen. Weder als Ernährer noch als Vater und schon gar nicht als autoritätsverwöhntes Oberhaupt. „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“ heißt Rosins frisch erschienenes Buch, das für erfreulich viel Ärger sorgt.

Denn natürlich hat sie recht! Quatsch, unrecht! Oder tatsächlich beides? Hanna Rosin beschreibt, wie die amerikanischen Männer in den Wirtschaftskrisen des vergangenen Jahrzehnts erst ihre Arbeit und dann ihre männliche Identität verloren. Und weil ihre Machtposition zerbröselt ist, nicht aber ihr traditionelles Rollenbild, verfallen sie in Schockstarre.

Die Frauen hingegen erobern sich durch bessere Bildung, höhere Flexibilität und einen grandiosen Rollenwandel zunehmend die Welt. Bedauerlicherweise müssen sie dabei sehr oft allein zurechtkommen, denn der tiefgefrorene Mann wird zum Klotz am Bein. Sagt Hanna Rosin. Männer dominieren die Wirtschaft, die Gesellschaft, das Politische, das Private. Drastisch, effektiv und weltweit. Die Prognose ihres baldigen Niedergangs scheint da, sagen wir mal, gewagt.

Und irgendwie von dem Glauben beseelt, dass sich im historischen Wettbewerb der – in diesem Fall die – Bessere durchsetzt. Frauen haben mehr drauf, also werden sie siegen! Funktionieren so Menschen, Zeitläufe oder gar die Strukturen der Macht? Zum Beispiel hierzulande, wo sich jeder Veränderungswille im ideologischen Gestrüpp von Herdprämie, Ehegatten-Splitting, Quotenfrage und fehlenden Kita-Plätzen verheddert?

Zweifellos sind Rosins Thesen auf US-amerikanische Verhältnisse zugeschnitten. Auf ein Land, in dem Frauen genau so viel im Job arbeiten wie Männer. Schon deshalb können sie umstandsloser die Familie ernähren, wenn der Mann dazu nicht mehr taugt. Ihr Einkommen macht sie ökonomisch weit unabhängiger als deutsche Frauen mit ihrem gebrochenen Verhältnis zur Berufsarbeit.

Schade, dass dies nicht reicht. Denn wie überall wird auch in den USA das angestammte Rollenmuster noch allzu gerne gelebt. Von Männern und Frauen. Die Tradition ist ein Zombie, sie lässt sich nicht einfach totmachen. Da quält sich eine Frau doch lieber mit der absurden Übung, sowohl einem modernen als auch einem antiquierten Anforderungsprofil zu entsprechen, als für sich eine neue Weiblichkeit zu definieren. Das weiß auch Hanna Rosin.

Und doch – wer sich die letzten fünfzig Jahre anschaut, stellt fest: Frauen haben sich aufgemacht und dabei wahrscheinlich die Erde schon mehrfach umrundet. Männer verharren. Sind irritiert. Warten ab. Wie Einsiedlerkrebse verkriechen sie sich ins Muschelhaus und hoffen, dass die Welle der Geschichte unbeschadet über sie hinweg schwappt. Anschließend wollen sie die Welt gefälligst in alter Ordnung vorfinden. Vielleicht sollte man ihnen mal sagen, dass sie sich in einem fatalen Irrtum befinden?

Denn das ist die eigentliche Botschaft von Hanna Rosin: Männer, hört die Signale. Wollt ihr nicht untergehen – bewegt Euch!

Bascha Mika ist Publizistin.

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