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Kolumne: Liebe Hitze!

Nachmittags in Berlin, jeder zweite Laden ist zu. "Hitzefrei" stand auf manchem Schild. Sind wir ein dermaßen verpimpeltes Volk, dass wir bei 35 Grad aufgeben?

Ich weiß, ich weiß. Nicht übers Wetter schreiben. Ich will weder jammern noch klagen, ich habe einen meteorologisch begründeten Aspekt gefunden, der entscheidend ist für wirtschaftspolitischen Erfolg oder ökonomischen Schlendrian.

Vorgestern lief ich durch Berlin Mitte. Es war später Nachmittag. Die Hälfte der Einzelhandelsläden war geschlossen. "Hitzefrei" stand auf manchem Schild. Flüchtig hingekritzelt, man sah noch den Schweißabdruck des Handgelenks auf dem Papier schimmern. Gleichzeitig sah ich Touristen aus wärmeren Zonen Europas vor den Scheiben stehen. Sie suchten das Wort "hitzefrei" in ihren Wörterbüchern. Ein dunkelhäutiger Tourist fragte mich, was das Wort bedeute. Ich antwortete, der Besitzer hätte ein lebensbedrohliches Virus. Ja, was hätte ich denn sagen können? Hätte ich antworten sollen, wir sind ein dermaßen verpimpeltes Volk, dass wir uns außerstande sehen, bei 35 Grad zu arbeiten?! Wir arbeiten keine Minute länger als acht Stunden am Tag, und wenn die Ladenöffnungszeit auf die Minute um ist, schmeißen wir den Menschen die Tür vor der Nase zu. Ich weiß auch nicht, wie wir mit dieser Moral eine Industrienation erster Güte werden konnten. Hätte ich das sagen sollen?

Die Nordeuropäer reagieren auf die veränderten klimatischen Bedingungen mit den alten Arbeitszeiten. Während vernünftige Menschen aus heißen Ländern mittags unter keinen Umständen auf die Straße gehen, schmeißen sie sich bei uns zuhauf auf die Straßen, und während es woanders abends losgeht, neigt sich bei uns Punkt acht quietschend der Sargdeckel auf unsere Erlebnismeilen.

Ja, was glauben denn unsere Bürger, wie es die Menschen in Afrika, den arabischen Ländern oder anderen subtropischen Regionen schaffen zu arbeiten? Dort findet man in den Zeitungen bestimmt keine fünf Titelblätter in Folge, die das Wetter thematisieren. Neulich las ich, ein Medizinprofessor rate: "Viel trinken, leichte Kost, Kleidung anpassen." Ach, schau!

Hat schon einmal jemand bemerkt, dass bei den G8 keine einzige subtropische Nation dabei ist? Und ist irgendeinem Wirtschaftswissenschaftler aufgefallen, dass sich seit der Veränderung des Wetters auch die Wirtschaftslage verändert hat? Erst seit wir Hitzewellen von über dreißig Grad haben, haben wir die Bankenkrise, die Immobilienkrise, die Kreditkrise, die Zeitungskrise, die Koalitionskrise, Staus auf Autobahnen, Ohnmächtige in Zügen - wir bekommen langsam eine Ahnung davon, wie es den sogenannten Schwellenländern geht. Mit dem Unterschied, dass die sich langsam ans Industrienation-Sein bei gleichbleibend langer Hitzeperiode gewöhnt haben werden und uns wirtschaftlich überholen, derweil wir gerade anfangen, auf die globale Klimaerwärmung zu reagieren und in den Baumärkten unsere ersten Einkaufserfahrungen mit propellerbetriebenen Ventilatoren machen.

Ich warne vor dem Verlust des G8-Status, weil ich sehe, wer zu den G20 gehört, und da merke ich bloß an: Das sind hitzegewohnte Schwellenländer, deren Bewohner sich jetzt schon über uns kaputtlachen, während sie durch unsere Hauptstadt laufen und von unseren Restaurantservicekräften hören: "Wasser ha´ ick nur stillet, und Eis ha´ ick jar nich, dit schafft doch keene normale Truhe bei den Temperaturen!"

Es grüßt Ihr samstäglicher Durchlauferhitzer, Mely Kiyak.

Autor:  Monika Kappus
Datum:  16 | 7 | 2010
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