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Politik
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09. Mai 2012

Kolumne: Von alten Brezeln und traurigen Clowns

 Von Volker Heise
Volker Heise, Filmemacher

Als am Sonntagabend die Lage wieder schwierig wurde im Abendland, saß bei Günther Jauch in der Talkshow der politische Geschäftsführer der Piraten, Johannes Ponader. Er ist nach eigenen Angaben ein Mann des Theaters, der gelegentlich von ALG 2 lebt.

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Als Regisseur hat Johannes Ponader ein Musical nach dem „Sommernachtstraum“ von Shakespeare auf die Bühne gebracht und mit dem Ensemble des Akademischen Gesangsvereins München gearbeitet, was eine nichtschlagende Studentenverbindung ist, gegründet 1861.

In der FAZ stand am Montag postwendend, Deutschland habe mit Künstlern, die sich zur Politik berufen fühlten, eher schlechte Erfahrungen gemacht, was natürlich gemein ist, denn Ponader ist genauso wenig Hitler wie ein Vergleich der Piraten mit den Grünen richtig ist oder, wie es mir an dieser Stelle vor vier Wochen passierte, mit den Liberalen.

Ich widerrufe öffentlich und habe als Entschuldigung nur auf meiner Seite, dass gesellschaftliche Entwicklungen gerne in historischen Kostümen auftreten. Heute würde ich behaupten: Die Piraten sind von der digitalen Revolution erfunden worden, um die gesellschaftlichen Widerstände gegen sie aus dem Weg zu räumen und das Ergebnis als Paradies zu verkaufen.

Doch eigentlich hatte ich mir ein Piraten-Schreib-Verbot auferlegt, ein Schweigen über das Phänomen, und wollte über die Deutsche Bahn schreiben, auch so ein Kolumnen-Dauerbrenner, und behaupten: Das Allerschlimmste an ihr, an der Bahn, sind ihre Kunden, also die Passagiere, die sich beim Einsteigen die Koffer in den Rücken rammen und schwangere Frauen mit Kleinkindern auf dem Arm vom Platz vertreiben, weil sie da reserviert haben.

Neuerdings kaufen sie sich das Essen im Bahnhof und verzehren es im Zug, was viele Waggons in stinkende Pommesbuden verwandelt. Den schlimmsten Fall von Geruchsbelästigung habe ich aber in der U-Bahn erlebt, als ein Passagier mit einem Döner Kebab in der Hand den Waggon in eine olfaktorische Zwiebel-Knoblauch-Spezialsoßenhölle verwandelte.

Am Sonntag dann, auf der Fahrt von Hannover nach Berlin, roch der Waggon nach alten Ditsch-Produkten, und ein Passagier biss in eine Laugenbrezel mit Debrecziner, während er sich am Telefon über seine letzte Darmspiegelung unterhielt. Keine schöne Sache, wissen Sie; von der Qualität und der Konsistenz seines Stuhlgangs hätte ich gern nichts erfahren.

Kaum saß ich zu Hause an meinem Computer, flimmerten die Wahlergebnisse über den Bildschirm und ich wurde wieder von dem Piraten-Virus befallen, der einen zwingt, über sie zu schreiben bzw. über Johannes Ponader, den Regisseur, Schauspieler und jetzt Politiker. Auf seiner Wikipedia-Seite ist ein Foto von ihm in der Rolle des Puck aus dem Sommernachtstraum.


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Er sieht aus wie ein trauriger Clown. In der Sendung tippte er auf sein Smartphone, während die anderen redeten, was auch eine Art ist, unhöflich zu sein, allerdings geruchslos. Neuerdings wird das mit einer zunehmenden Fähigkeit zum Multitasking entschuldigt, aber Multitasking führt ja nur dazu, nicht mehr da zu sein, wo man ist, sondern wo ganz anders, zum Beispiel in einer Talkshow.

Nun weiß ich auch nicht weiter. Bahn oder Piraten? Entscheiden Sie einfach selbst. Falls Sie Fragen haben: Sie erkennen mich am Brathähnchen auf Sitz 33.

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