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13. Februar 2012

Kolumne Weltstadt : Beschneidung - nur von Religion redet keiner

 Von Dilek Güngör
Vor dem Schnitt: Ein Junge wartet auf die Beschneidungszeremonie in der Eyüp-Sultan-Moschee in Istanbul.  Foto: dapd

Wenn über Beschneidung gesprochen wird, dann ist die Rede von der Beschneidungsfeier und den Geschenken. Davon, dass es alle, aber auch wirklich alle türkischen Jungs tun. Die Amerikaner auch. Die Juden. Die mit Vorhautverengung. Bloß von der Religion redet keiner.

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Berlin –  

Jedes Mal, wenn ich meinen damals einjährigen Sohn vor den Augen meiner Großmutter wickelte, fragte sie: „Wollt ihr ihn nicht beschneiden lassen?“ Meine Tante fragte, die Pensionswirtin auch. „Soll der nicht beschnitten werden?“ Ich zuckte mit den Schultern, einmal sagte ich „doch, irgendwann schon“, ein andermal „später“, „nein“ und dann „ja, mal sehen“. Die Wirtin riet, es so bald wie möglich machen zu lassen. „Wenn sie noch so klein sind, merken sie es nicht so sehr.“

Die Tante, bei der wir die meiste Zeit während der Türkeireise wohnten, fragte: „Will es dein Mann nicht?“ Auf den Gedanken war ich noch gar nicht gekommen. Ich hätte alles auf ihn schieben können. Den Christen, der nichts von Beschneidung weiß. Sie hätte es eher akzeptiert als meine Gleichgültigkeit.

Meine Eltern kümmert es wenig, ob ihr Enkel beschnitten ist oder nicht. So stellte sich bei der Geburt unseres Sohnes die Frage gar nicht, was mit seiner Vorhaut geschehen soll. Hätten sie großen Wert auf eine Beschneidung gelegt, wäre es wahrscheinlich längst um sie geschehen gewesen. Ich war, ehrlich gesagt, ganz erleichtert, dass alles an ihm so bleiben konnte, wie es war.

Dilek Güngör, Kolumnistin dieser Zeitung.
Dilek Güngör, Kolumnistin dieser Zeitung.
 Foto: Markus Wächter

Eine Freundin hatte auf dem Weg zum Beschneidungstermin im Krankenhaus auf halbem Weg kehrt gemacht und war mit dem Baby nach Hause gefahren. „Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wieso wir das eigentlich machen lassen“, sagte sie.

Eine andere Freundin erzählte, dass sie Riesenstreit mit ihren Eltern und dem Vater ihres Sohnes habe. Sie ist geschieden, der Zehnjährige lebt bei ihr. Nun finden der Vater und alle Großeltern des Jungen, es sei allerhöchste Zeit, dass er beschnitten werde.

Der Junge will aber nicht. Meine Freundin will nicht, weil ihr Kind nicht will. Die Familie versteht nicht, warum sie so lange gewartet hat und findet, dass Beschneidung keine Frage des Wollens oder nicht Wollens sei.

„Soll er der Einzige sein, der nicht beschnitten ist?“, fragen sie. „Soll er so rumlaufen? Er wird sich sein Leben lang dafür rechtfertigen müssen.“ Der Vater sagt: „Beschneidung ist die normalste Sache der Welt. Ich bin beschnitten, deine Onkel, deine Cousins, deine Großväter. Außerdem ist es eine Frage der Hygiene.“

Von der großen Beschneidungsfeier und den Geschenken ist die Rede. Davon, dass es alle, aber auch wirklich alle türkischen Jungs tun. Die Amerikaner auch. Die Juden. Die mit Vorhautverengung. Bloß von der Religion redet keiner.

Dilek Güngör ist Kolumnistin dieser Zeitung.

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