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Politik
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09. August 2012

Kommentar: Kein Mitleid mit Drygalla

 Von 
"Kein Sex mit Nazis" steht auf dem T-Shirt, mit dem sich dieser Mann in Nordhessen an einer Kundgebung gegen Rechtsradikalismus beteiligt.  Foto: picture-alliance/ dpa

Nadja Drygalla verließ wegen ihres Freundes, einem ehemaligen NPD-Mitglied, die Olympischen Spiele. Viele empfinden Mitleid mit der 23-Jährigen – und vergessen wer die effektivsten Helfer der Neonazis sind: die Untätigen.

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Die junge, blonde Frau weint in die Kamera. Mit so einem Wirbel hätte Ruderin Nadja Drygalla nicht gerechnet, sagt sie. Ganz mag man ihr die Verwunderung nicht abkaufen. Nach ihren eigenen Aussagen verließ ihr Freund, zwei Monate vor ihrem Olympia-Auftritt, die NPD nur auf ihren Druck hin. Ein äußerst passender Zeitpunkt. Mit Problemen hatte Drygalla also doch schon vorher gerechnet.

Die überschwänglichen Mitleidsbekundungen aus Politik und Medienlandschaft verwundern, denn allen voran hat Drygalla das Olympische Dorf freiwillig verlassen. So lautet ihre Aussage und die der Sportfunktionäre. Wer sich Spekulationen zu Drygallas politischer Gesinnung verbittet, sollte die gleiche Fairness auch für den DOSB gelten lassen. Möglich wäre immerhin auch, dass sich das Gewissen der jungen Sportlerin erst im Rampenlicht der Öffentlichkeit regte. Dass ihr ihr Freund und sein braunes Gedankengut letztendlich eben doch peinlich waren.

Ähnlich lief es auch bei ihrem Ausscheiden aus dem Polizeidienst. Erst nach einem Gespräch mit ihren Vorgesetzten schien Drygalla ihre zwiespältige Lage bewusst zu werden. Das muss nichts über ihre eigene Gesinnung aussagen – es sagt allerdings sehr viel über ihr Verhältnis zu Verantwortung aus.

Bemühte Vergleiche zur Linken

Nun ist von Gesinnungsschnüffelei die Rede. Aber: Nationalsozialismus ist keine Meinung, keine Gesinnung. Er ist ein Verbrechen. Nach ihm wird nicht geschnüffelt, sondern gefahndet. Er greift den Kern unserer demokratischen Werte an. Er richtet sich gegen alle sozial Schwachen. Seien es Migranten, Behinderte oder Obdachlose. Und: Er ist in aller Regel aggressiv und gewaltbereit.

Alle bemühten Vergleiche zur Linkspartei sind deshalb denkbar unangebracht. Erstens ist die NPD in Deutschland keine legitime Partei. Ihr Verbotsverfahren wurde lediglich ausgesetzt. Das bedeutet, dass es zu ihrer Existenzberechtigung nie eine Entscheidung gab – und selbst das nur, weil der Verfassungsschutz mit seinen V-Männern mal wieder eine „Glanzleistung“ vollbracht hatte.

Richtig ist, dass beide, Linkspartei und NPD, vom Verfassungsschutz überwacht werden. Wer allerdings Politiker wie Gysi mit Kriminellen wie Voigt in einen Topf wirft, verharmlost ganz gezielt. Von Lafontaine mag man halten, was man will – die Vorstellung, dass er am Wochenende mit Golfschlägern auf „Konservativen-Jagd“ geht, ist eher amüsant. Bei der NPD ist die gewalttätige Hatz Realität und sie mündete letztendlich in dem Mordtrio der NSU.


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Kein Sex mit Nazis

Beziehungen sollen Privatsache sein. Wer allerdings Neonazis in seinem Umfeld, Freundeskreis oder seiner Familie akzeptiert, unterstützt die rechte Szene mit seinem Wegsehen. Ob die betroffene Person das nun will oder nicht.

Nicht umsonst gibt es die Initiative: Kein Sex mit Nazis. Sie zielt auf einen konkreten Punkt bei der Bekämpfung von Neonazis ab – deren akuter Frauenmangel. Für junge Männer wird eine politische Einstellung nun mal unattraktiv, wenn sie ihnen den Zugang zum anderen Geschlecht verwehrt. Denn bei aller Kameradschaft – ganz unter sich wollen die Nazis dann doch nicht bleiben.

„Wo die Liebe hinfällt“, zitieren viele nun schmachtend alte Binsenweisheiten. Eine solche kindliche Bevormundung wird einer erwachsenen Sportlerin nicht gerecht. Schon gar nicht, wenn sie sich zwar die Verantwortung zutraut ganz Deutschland zu vertreten, sich aber bei der Wahl ihres Partners teenagerhaft schicksalsergeben gibt.  

Sie hat ja nichts getan, lautet eines der beliebtesten Argumente ihrer zahlreichen Verteidiger. „Alles, was für den Triumph des Bösen notwendig ist, ist dass gute Menschen nichts tun“. Das Zitat das Edmund Burke zugeschrieben wird, trifft den Kern. Als Michael Fischer Anfang des Jahres auf einer Trauerkundgebung für eines der NSU-Opfer seine Hassparolen grölte. Als er versuchte die trauernden Familienmitglieder einzuschüchtern und von der Kundgebung Videos drehte. Als er von dieser Veranstaltung als einer „Ausländerlobby“ in den Foren der Nazis schrieb – wo war Drygalla da? Saß sie in Ruhe zu Hause, bei Kaffee und Kuchen? Hatte sie wirklich keine Ahnung was der Mann mit dem sie lebt da tat?  

Als Repräsentantin untragbar

Olympioniken sollen sich zu den demokratischen Werten unseres Landes bekennen. Sie stehen nicht nur für unsere sportliche Leistung, sie sind für die Spiele die Vertreter unserer Kultur, unseres Fleiß, unseres Ehrgeiz. Eine Sportlerin, die es schafft einem Neonazi jahrelang tatenlos bei seinem Treiben zuzusehen, ist schlichtweg ungeeignet und als Repräsentantin untragbar. Denn: Es ist naiv zu glauben, dass ein Szenebekannter wie Michael Fischer seine Meinung einfach Abends an der Garderobe abgibt und Drygalla so gar keinen Kontakt zur Szene gehabt haben soll.  

Vielleicht sollte man ihr anrechnen, dass sie letztendlich doch noch den Mut zu einer Konfrontation mit ihrem Lebensgefährten gefunden hat. Vielleicht sollte man ihr aber auch nachtragen, dass sie dies erst zu einem Zeitpunkt tat, als sie – berechtigt – negative Auswirkungen für ihre Sportlerkarriere befürchtete.

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