Düsseldorf. Wenn am 30. August in Nordrhein-Westfalen die Oberbürgermeister gewählt werden, schauen die Strategen besonders genau nach Duisburg: Die Stahlstadt ist so etwas wie der Prüfstein für die Sozialdemokraten in ihrem alten Stammland. Jahrzehntelang galt sie als uneinnehmbare Festung der SPD, bis 2004 der rundliche Christdemokrat Adolf Sauerland mit der Ruhrpottschnauze ins Rathaus zog.
Seitdem liebäugelt er mit grünen Themen, weiht mit Pomp Moscheen ein und hat wenig mit den gediegenen staubtrockenen CDUlern gemein, die das Münsterland beherrschen. "Die Leute sind heute netter zu mir als noch vor fünf Jahren", sagt Sauerland der FR. Sie würden zum Beispiel die großen Projekte wie die neuen Einkaufszentren gut heißen und jetzt die CDU anerkennen. "Aber die alten SPD-Seilschaften gibt es noch", so Sauerland. Die dürften bei der Wahl nicht wieder "wach geküsst" werden.
Doch Sauerlands Wiederwahl ist nach den neuesten Umfragen unsicher. Die SPD könnte ihre alte Festung zurückerobern. Wie Duisburg wackelt das gesamte Ruhrgebiet - dabei ist das Ballungsgebiet, neben dem vom Einsturz des Stadtarchivs verwirrten Köln, das wichtigste Wahlkampf-Schlachtfeld der Parteien im größten Bundesland. Das Münsterland und auch Ostwestfalen sind größtenteils sicheres CDU-Terrain. Bei den rund fünf Millionen Wählerinnen und Wählern zwischen Dortmund und Duisburg aber scheinen die alten Bindungen der Arbeiterklasse an die SPD trotz miserabler Umfragewerte im Bund zumindest teilweise noch intakt zu sein. Dies hat zuletzt die Europawahl gezeigt, bei der die SPD entgegen dem Bundestrend im Pott einen hauchdünnen Vorsprung errang.
Forsa-Chef Manfred Güllner hält die kommenden Wahlen in Nordrhein-Westfalen deshalb weiter für offen. "Die CDU hat es in NRW nicht geschafft, eine Volkspartei zu werden", sagt der Meinungsforscher. Die Christdemokraten seien "noch immer sehr stark in ihrer traditionell klerikalen Klientel verankert - haben aber nur wenig Strahlkraft über dieses Milieu hinaus entwickelt". Bei der Kommunalwahl Ende August erwartet Güllner daher auch "sehr große Unterschiede" von Stadt zu Stadt.
So wird es in Essen wohl ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben. Vor zehn Jahren wurde die zukünftige Kulturhauptstadt und größte Kommune des Reviers noch von der CDU gewonnen und der Sieg als Zeitenwende im roten Ruhrgebiet gefeiert. Eine Zeitenwende in der Politik blieb jedoch aus - die Menschen in der Ex-Zechenstadt sind genauso häufig arbeitslos wie vor einem Jahrzehnt.
Auch in Dortmund, der viel bemühten Herzkammer der Sozialdemokratie, scheinen die roten Fahnen weiter zu wehen. Dabei wurde die BVB- und Pilsstadt im vergangenen Jahr von Skandalen geschüttelt. Letztlich musste sogar der langjährige und in der Landeshauptstadt Düsseldorf einflussreiche Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer (SPD) gehen, weil eine koksende Angestellte vor seinen Augen hunderttausende Euro veruntreut hatte.
Nun tritt SPD-Stadtplaner Helmut Sierau an - doch quasi mit dem gleichen Programm. Sein Gegenkandidat Joachim Pohlmann, parteilos, aber von der CDU unterstützt, versucht sich mit den klassisch-konservativen Themen wie Sicherheit und Anti-Drogenpolitik zu profilieren. Doch aktuelle Umfragen bescheinigen ihm kaum Chancen: Er kommt auf 36 Prozent, Genosse Sierau auf 52.
CDU-Landeschef Jürgen Rüttgers schwant offenbar Böses. Der Ministerpräsident mahnte seine Konservativen, nicht zu siegesgewiss zu sein und sprach von "Elementen der Unsicherheit". Zum ersten Mal treten nämlich flächendeckend die Freien Wähler und die Linken an - auch deswegen muss der in landesweiten Umfragen führende christdemokratische Arbeiterführer den Urnengang fürchten. Sollte die SPD in Köln und im Ruhrgebiet bei den OB-Wahlen gewinnen, wird der Landesvater um seinen Sieg bei der Landtagswahl am 9. Mai 2010 hart kämpfen müssen.
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