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03. Juni 2012

Konfliktforscher: Eliten sind Teil des Problems

Wilhelm Heitmeyer ist Soziologe und Konfliktforscher  Foto: Imago

Der Bielefelder Soziologe und Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer über Leben in der Krise als Dauerzustand, die Abschaffung von Kindheit und Jugend und seine Skepsis gegenüber den Stimmungs-Patrioten bei der Fußball-Europameisterschaft.

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Der Bielefelder Soziologe und Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer über Leben in der Krise als Dauerzustand, die Abschaffung von Kindheit und Jugend und seine Skepsis gegenüber den Stimmungs-Patrioten bei der Fußball-Europameisterschaft.

Irgendwas stimmt nicht in Wilhelm Heitmeyers Büro. Wände voller Bücher, klar. Ein voller Schreibtisch, der vor der Fensterfront steht, auch okay. Das alles ist so, wie sich das für einen ordentlichen Professor gehört. Nein, was fehlt, ist der Computer. Kein leises Surren eines Desktops oder wenigstens eines Notebooks. Nicht einmal ein Tablet-PC auf dem Besuchertisch.

Wilhelm Heitmeyer ist bekennender Offliner. „Meine Schreibwerkzeuge sind Füllfederhalter und Diktiergerät“, sagt der Soziologe, der für seine empirischen Untersuchungen insbesondere zu Gewaltbereitschaft junger Menschen oder zum Rechtsextremismus bekannt ist. Einst hat er an einer elektronischen Olivetti-Schreibmaschine, „einem wahren Monstrum“, gearbeitet – Zehn-Finger-System, immerhin.

Eines Tages stellten ihm seine Mitarbeiter einen großen, grauen Kasten ins Büro: Dem Computer gehöre die Zukunft. Aber Heitmeyer befand: Texte formatieren, Briefe tippen – das sollten mal ruhig andere übernehmen. „Also kam das Ding raus und ich habe seitdem nie wieder einen Computer angerührt.“ Dass er in einer „privilegierten Lage“ ist, weiß Heitmeyer: Zwei Sekretärinnen und ein ganzer Schwarm von Hilfskräften garantieren ihm, dass er seine Zeit „zum Nachdenken nutzen“ kann, wie es der drahtige 66-Jährige forsch formuliert.

Professor Heitmeyer, in Ihrer Langzeitstudie über die „Deutschen Zustände“ haben Sie alarmierende Fakten darüber zusammengetragen, wie die Gesellschaft mit schwachen Gruppen umgeht. Vieles davon ist aktuell wie nie. Gilt für Sie als Soziologe der Satz: Krisenzeiten sind gute Zeiten?

Ich gehe mit dem Begriff der Krise zurückhaltend um, weil er sonst inflationär wird und sich abnutzt. Er ist dann angebracht, wenn bei nachlassendem Druck der vorherige Zustand nicht wieder hergestellt werden kann. Und das ist im Hinblick auf die Finanzkrise der Fall. Sie hat den Druck im gesellschaftlichen Gefüge verstärkt. Zugleich sind die Auswirkungen nicht sofort sichtbar, weil es sich um schleichende Prozesse handelt wie die Ökonomisierung des Sozialen, die Demokratie-Entleerung und auch eine spezifische Orientierungslosigkeit, wohin sich die Gesellschaft entwickelt.

Wilhelm Heitmeyer

am 28. Juni 1945 im ostwestfälischen Nettelstadt geboren, ist Soziologe und Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konfliktforschung an der Universität Bielefeld, das er 1996 gegründet hat. Seit Anfang der 80er hat er sich in zahlreichen Publikationen und Studien mit den Themen Rechtsextremismus, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit sowie mit ethnisch-kulturellen Konflikten beschäftigt. 2001 begann er, unterstützt von einem Team von Soziologen, seine Langzeitstudie „Deutsche Zustände“, die unter dem gleichnamigen Titel in zehn Bänden im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Seine Forschungen ergaben unter anderem, dass mit der Krise auch Hass und Gewaltbereitschaft zugenommen haben. Heitmeyer ist verheiratet und hat zwei Töchter. Im März wurde er mit dem Göttinger Friedenspreis ausgezeichnet.

Ist es denn nicht das Wesen jeder Veränderung, dass die Dinge hinterher anders sind als vorher?

Schon. Aber Sie blenden bei dieser lapidaren Betrachtung aus, dass es Gewinner und Verlierer der Veränderungen gibt. Die OECD bescheinigt gerade dem reichen Deutschland seit längerem eine massive Zunahme sozialer Spaltung durch eine immer größere Ungleichheit der Einkommen. Wachsende Ungleichheit aber ist für jede Gesellschaft auf Dauer zerstörerisch. Ich kann nicht erkennen, dass die Politik dieser Entwicklung aktiv begegnet. Sonst müsste es zum Beispiel eine andere Steuerpolitik geben. Zudem haben wir Glück gehabt, dass die verschiedenen Krisen zeitlich „gestaffelt“ und nicht kumulativ aufgetreten sind.

Kommt die Wucht der Finanzkrise an Zäsuren wie den 11. September heran?

9/11 hatte – zynisch gesagt – den Vorteil einer klaren Zuordnung: Islamistische Terroristen attackierten die USA und die westliche Zivilisation. Das ist nachvollziehbar, personalisierbar und auch optisch einprägsam: Da brachen in New York die zwei Türme ein. Und jeder kann bis heute sagen, wo er sich zu diesem Zeitpunkt aufgehalten hat. Wenn hingegen eine Bank wie Lehman Brothers „einbricht“, weiß ich eigentlich gar nicht, was das bedeuten soll. Die Wirtschafts- und Finanzkrise ist in diesem Sinne optisch und physisch unbegreiflich. Die Erschütterungen sind abstrakt. Das Gemeinsame mit 9/11 ist aber, dass beide Krisen Spuren im Bewusstsein der Menschen hinterlassen und dass die Menschen verschiedene Strategien entwickeln, um Situationen zu verarbeiten, die sie als bedrohlich empfinden.

Was können Sie über diese Strategien sagen?

Ganz typisch ist erstens eine Aufspaltung der Realität. Viele Befragte sagten: „Der Gesellschaft geht es schlecht, aber mir persönlich geht es gut.“ Man errichtet also ein Schutzschild positiver Gefühle und Selbstbeschreibungen um sich. Zweitens gibt es eine gegenteilige Strategie, das sind kollektive Schuldzuweisungen. So ist es kein Zufall, dass in der Finanzkrise plötzlich wieder die „jüdischen Banker von der US-Ostküste“ als Drahtzieher ausgemacht wurden. Und drittens ist da die immunisierende Fiktion, selbst zu den Gewinnern zu gehören – in einer Siegergesellschaft auf der Seite der Verlierer zu stehen oder sich selbst als Loser zu sehen, ja, das ist das Schlimmste, was einem passieren kann, das darf man nicht zulassen. Schon allein wegen des Ansehens in der nahen sozialen Umgebung.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum eine Entmoralisierung um sich greift

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