Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

06. September 2013

Konjunktur, Einkommen, Armut und Reichtum, Ungleichheit: Einkommen immer ungleicher

 Von Stephan Kaufmann
Die einen haben viel im Geldbeutel, die anderen weniger - die Ungleichheit wächst.  Foto: dpa

Die Lücke zwischen den Einkommen wächst. Deutschland ist seit der Wiedervereinigung immer ungleicher geworden. Die gute Konjunktur hat diesen Trend zwar gestoppt, aber nicht aufgehalten.

Drucken per Mail

Die Schere öffnet sich: Seit der Wiedervereinigung sind die Einkommen in Deutschland auseinandergedriftet. Der jüngste Aufschwung hat den „Trend zu wachsender Ungleichheit zwar aufgehalten, aber nicht umgekehrt“, stellt das gewerkschaftsnahe Wirtschaftsforschungsinstitut IMK fest. Dass die Einkommensschere seit 1991 auseinandergegangen ist, hat laut IMK drei Gründe: Schlechter bezahlte Jobs breiten sich aus, die Kapitaleinkommen wachsen stark, und der Staat verteilt nicht mehr so viel um. 

Gemessen wird die Ungleichheit am so genannten Gini-Koeffizienten, der Werte zwischen 1 und 0 annehmen kann. Bei einem Wert von 0 haben alle das gleiche Einkommen, bei einem Wert von 1 besteht maximale Ungleichheit. Gemessen am bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen stieg der Gini-Koeffizient in Deutschland allein bis 2005 um 13 Prozent auf 0,29, so das IMK. Seither ist er um nur zwei Prozent zurückgegangen. 

Rückgang der staatlichen Umverteilung

Dass die Lücke zwischen den Einkommen größer geworden ist, liegt laut IMK erstens an den gestiegenen Kapitaleinkommen. Ihr Anteil am Gesamteinkommen habe 1991 nur 29,2 Prozent betragen. Nach der Finanzmarktkrise 2010 seien es immer noch 33,8 Prozent gewesen. Da Kapitaleinkommen vor allem an jene Personen fließen, die ohnehin mehr verdienen, werde dadurch auch die Verteilung der Markteinkommen ungleicher, erklärte das IMK. 

Zweitens nimmt die Zahl der so genannten atypischen Jobs zu. Das sind befristete Stellen, Teilzeit- oder Minijobs. Hier wird weniger verdient. Folge: Die Ungleichheit wächst. Allerdings räumt das IMK ein, dass die gute Konjunktur der letzten Jahre zu mehr besser bezahlten Normalarbeitsstellen geführt habe. „Das ist ein Grund, warum sich die Einkommen nicht noch weiter auseinander entwickelten.“ 

Als dritten Grund für die gewachsene Ungleichheit nennen die Forscher die staatliche Umverteilung – beziehungsweise ihren Rückgang. Bis Ende der 1990er Jahre hätten sich zwar die Markteinkommen auseinanderentwickelt. Dies habe der Staat jedoch durch Steuern und Sozialleistungen ausgeglichen. Diese Umverteilung in der Folgezeit dann schrittweise reduziert worden. 

Für die abnehmende Effektivität der Umverteilung macht das IMK eine Vielzahl an Faktoren verantwortlich: So seien höhere Einkommen stärker steuerlich entlastet worden als niedrige: Der Spitzensteuersatz sank zwischen 1991 und 2010 um elf Prozentpunkte, der niedrigste Einkommensteuersatz lediglich um fünf Punkte. Die Vermögensteuer wurde 1997 abgeschafft, die steuerliche Belastung von Kapitalgewinnen ging ebenfalls zurück. „Hinzu kam: Die Arbeitsmarktreformen in den 2000er-Jahren ließen mehr atypische Jobs entstehen – und reduzierten die staatlichen Leistungen für Arbeitslose massiv“, so die Ökonomen. 


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Mehrwertsteuererhöhung hart

Hart traf die ärmeren Haushalte die Mehrwertsteuererhöhung von 2007. „Da ärmere Haushalte den größten Teil ihres Einkommens konsumieren und wenig sparen können, sind sie weitaus stärker betroffen als wohlhabendere, wenn Verbrauchssteuern angehoben werden“, erklärte das IMK. Die Mehrwertsteuer-Erhöhung habe daher die Ungleichheit erhöht. 

In den vergangenen Jahren wurde der Trend zu wachsender Ungleichheit durch die gute Konjunktur und den Rückgang der Arbeitslosigkeit aufgehalten. „Aber das reicht nicht“, sagte IMK-Direktor Gustav Horn. „Es ist noch eine Menge zu tun, um den langjährigen Negativtrend zu korrigieren.“ Dafür brauche es zum Beispiel einen stärkeren Ausgleich im Steuersystem und bessere Regeln auf dem Arbeitsmarkt gehen, um den Niedriglohnsektor einzudämmen. Solche Reformen sind nach Horns Meinung nicht nur für die direkt betroffenen Arbeitnehmer nützlich, sondern für das Gesamtsystem: „Die gegenwärtige Stabilität der deutschen Wirtschaft, der relativ kräftige private Konsum und die solide Einnahmesituation der Sozialkassen wären kaum denkbar, wenn die Ungleichheit weiter anstiege.“

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Angela Merkel

Zum Weitermachen gezwungen

Von  |
Elf Jahre sitzt Angela Merkel nun schon im Kanzleramt. Werden es vier weitere?

Angela Merkel hat immer wieder über ein Ende als Kanzlerin gesprochen. Aufhören konnte sie jedoch nicht - ein Wechsel in der Regierungsspitze ist eben nicht so einfach wie eine Kabinettsumbildung. Ein taktischer Rückzug ist dennoch möglich. Der Leitartikel. Mehr...

Italien und Österreich

Steht die EU nicht zusammen, droht ihr Ende

Kein EU-Freund: In Österreich greift der Rechtspopulist Norbert Hofer nach der Macht.

Die Europäische Union hat nur eine Zukunft, wenn Österreich, Italien und Frankreich dem Populismus widerstehen. Der Leitartikel.  Mehr...

 

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung