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12. März 2013

Konklave: Im Namen des Vaters

 Von Joachim Frank
Gern betonen Vertreter der katholischen Kirche den Einfluss des Heiligen Geistes auf die Wahl des Pontifex. Die Loyalitäten der Kardinäle untereinander dürften jedoch ähnlich großen Einfluss haben. Foto: reuters/Stefano Rellandini

An diesem Dienstag beginnt die Wahl des neuen Papstes. 115 Kardinäle haben sich dazu im Vatikan versammelt. Es wird mit einer raschen Entscheidung gerechnet – sobald bestimmte Kardinäle ihren Einfluss geltend machen.

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Den Höllenschlund vor Augen, die entsetzten Gesichter der Verdammten im Blick – dieses Szenario dürfte auch einen abgebrühten Zeitgenossen nicht gänzlich unberührt lassen. Umso mehr werden die 115 Kardinäle einen frommen Schauder spüren, wenn sie von Dienstagnachmittag an zur Wahl des neuen Papstes vor Michelangelos Monumentalfresko mit dem „Jüngsten Gericht“ treten und ihren Stimmzettel in den als Wahlurne fungierenden Kelch werfen. Sie schwören dabei einen heiligen Eid, dass sie denjenigen Kandidaten wählen, den sie nach bestem Wissen und Gewissen für das optimale Oberhaupt von mehr als einer Milliarde Katholiken halten.

Der Ablauf des Konklaves ist eher gestaltet als eine große Liturgie, ein Gottesdienst, denn als technischer Vorgang. Dabei wird ein neuer Papst in einem vergleichsweise demokratischen Verfahren bestimmt: Es gilt das Prinzip „one man, one vote“ und die Wahlmänner repräsentieren den weltweiten Katholizismus, auch wenn ihre Herkunft längst nicht die Zahlenverhältnisse in den Kontinenten und Regionen wiedergibt. Und auch wenn seitens der Kirche gern der Einfluss des Heiligen Geistes auf die Auswahl des Pontifex betont wird, so ist der Beitrag des Bodenpersonals im Kardinalspurpur unbestritten.

So borden nun – nach dem Ende der gut einwöchigen Beratungen im Kardinalskollegium – die Prognosen und Gerüchte über die Interessengruppen im Konklave, die Machtverhältnisse und die Favoriten hoch. Einer der am besten informierten journalistischen Beobachter ist der „Vatikanist“ des italienischen Magazins Il fatto quotidiano, Marco Politi. In seinem Buch „Benedikt. Krise eines Pontifikats“ beschrieb Politi schon vor Monaten recht präzise das Szenario eines Rücktritts Benedikts XVI.

Heute sieht Politi zwei Kardinäle mit etwa gleichen Chancen als „papabili“ ins Konklave gehen: Für den Mailänder Erzbischof Angelo Scola verbucht er 37 Stimmen, acht weniger für seinen Gegenspieler Odilo Scherer, Erzbischof von São Paulo.

„Scolas Unterstützer setzen auf einen Lawineneffekt in den ersten Wahlgängen“, erläutert Politi. Dabei würden sich die Unentschlossenen und Unsicheren nach einer ersten Probeabstimmung zügig auf die Seite des meistgenannten Kandidaten schlagen, um ihn mit einem breiten Konsensvotum zu versehen. Bleibt diese Dynamik aus und blockieren sich die Interessengruppen, heißt es „neues Spiel, neues Glück“. Dann rechnet Politi mit einem mindestens dreitägigen Konklave. Und es schlägt die Stunde der „Großwähler“ – einflussreicher Kardinäle, die den Wahlausgang maßgeblich bestimmen. So war es zum Beispiel bei der Wahl 1978, als der Wiener Kardinal Franz König den Blick seiner Mitbrüder im Konklave auf den Polen Karol Wojtyla lenkte.

„Scola hat einen Teil der Italiener hinter sich, auch der Franzosen, Amerikaner und eine Gruppe von Kardinälen aus der Dritten Welt, die in der Auseinandersetzung mit dem Islam stehen“, sagt Politi. Dieses Themas nimmt sich Scola seit Jahren auf hohem intellektuellem Niveau an. Gegen den 71-Jährigen spricht aus Politis Sicht seine Herkunft aus der Berlusconi-nahen Bewegung „Comunione e Liberazione“, die in die Finanzaffäre verwickelt ist. Auch der Ärger über die Vatileaks-Affäre, die als Sache der Italiener gesehen werde, könnte die Wahl Scolas verhindern. Zudem sei er bei keinem der Reformthemen wie Sexualmoral oder Öffnung der Ämter für Frauen je von der unnachgiebigen Linie Benedikts XVI. abgewichen.

Reformer ohne Kandidaten

Freilich habe die reformorientierte Minderheit, zu der Politi auch die deutschen Kardinäle Karl Lehmann und Walter Kasper zählt, keinen eigenen Kandidaten. „Die Reformer werden abwarten, ob Scola gestoppt wird, und schauen, ob sie ihre Chance bekommen“, vermutet Politi.

Immerhin haben sich im „Präkonklave“, bei dem sich mehr als 130 Kardinäle zu Wort meldeten, mehrere zentrale Erwartungen an den neuen Papst herauskristallisiert: Reform und straffere Lenkung der vatikanischen Behörden, mehr Gehör für die Weltkirche in der römischen Zentrale, stärkere Verwirklichung des Kollegialitätsprinzips. „Diese Themen prägten die Beratungen an allen Tagen, und ganz bestimmt wird jeder Kandidat, der sich Chancen auf eine Wahl ausrechnet, hier Signale gesetzt oder Zusicherungen gemacht haben“, sagt Politi. Allerdings sei davon nichts Belastbares in die Öffentlichkeit gedrungen.

„Der Unmut über die Vatileaks-Affäre ist groß unter den Bischöfen der Welt“, sagt Politi. Und auch das Unbehagen darüber, dass das 300-seitige Ergebnis einer vom Papst eingesetzten Untersuchungskommission unter Verschluss geblieben ist. Mit Blick auf Verantwortung und Verstrickung kurialer Spitzen-Geistlicher in die Affäre hätte die Wahl eines Kurienkardinals zum neuen Papst daher auch etwas von einem Vabanque-Spiel. Gerade das spricht für einen Papst „von außen“, unbelastet durch Affären, Intrigen und kuriale Seilschaften.

Eigentlich, sagt Politi, gibt es sogar den perfekten Kandidaten: der Kardinal von Manila, Luis Antonio Tagle, ist hoch gebildet, seelsorgerisch begabt, auf der Linie des Zweiten Vatikanischen Konzils. Allein, mit 55 Jahren gilt er als zu jung. Für Politi ist das ein Paradox: „Wenn der Heilige Geist doch den derzeit Besten umweht, warum sollten dann noch Zeitrechnung und Dauer des Pontifikats eine Rolle spielen dürfen?“

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