Im Regen erscheinen die grauen Betonburgen in den Vororten von Seoul noch trister als sonst. Der Han-Fluss führt braunen Schlamm mit sich. An seinem Ufer hocken Späher auf ihren Hochsitzen. Sie halten Ausschau nach Spionen. Dreißig Kilometer weiter nordwestlich, kurz bevor der Fluss ins Gelbe Meer mündet, fängt schon Nordkorea an, und in der Vergangenheit ist es immer wieder vorgekommen, dass Spione über den Han nach Südkorea einsickerten. Da ist Wachsamkeit geboten.
Je weiter man aus Seoul in Richtung Norden fährt, desto stärker rückt der Konflikt zwischen Nord- und Südkorea ins Blickfeld. Die Autobahn – sie trägt den plakativen Namen „Freiheitsstraße“ – wird von Stacheldrahtzäunen und Wachposten flankiert. Schwerbewaffnete Soldaten patrouillieren am Straßenrand. Über einen Streckenabschnitt wölbt sich eine Brückenkonstruktion, die im Falle eines nordkoreanischen Angriffs Betonpfeiler in den Boden rammen soll, um die Verbindungswege nach Süden zu blockieren. Der Kalte Krieg ist hier noch nicht zu Ende.
Südkorea ist also für alle Eventualitäten gewappnet – und will doch Normalität vorspielen. An der Grenze bei Panmundschom gibt es Parkplätze wie bei einer Touristenattraktion, auf einem Plakat lächelt ein Popsänger. Sein Gruß wirkt wie eine Propagandabotschaft: Seht her, wie frei unser Land ist! Die doppelten Stacheldrahtzäune und die Mauern, mit denen sich der Süden vor einer Invasion aus dem Norden zu schützen trachtet, sprechen indes eine andere Sprache.
Die Kornkammer verödet
Auf der Aussichtsplattform weht ein rauer Wind, es ist ungemütlich. Über den Han-Fluss kann man zum nordkoreanischen Ufer hinüberblicken. Auf den sandigen Dünen stehen verlassene Häuser. Die Luft ist diesig, doch es lässt sich erkennen, wie karg und ausgelaugt die Landschaft ist. „Die Nordkoreaner haben die Wälder gerodet, um Brennstoff zu gewinnen“, sagt Maria Shin. Sie war fast noch ein Baby, als im Korea-Krieg hier die Panzer zur Front rollten und die US-Bombenflugzeuge aufstiegen. „Das war schlimm“, sagt sie nur kurz.
Heute blickt sie mit Wehmut auf die Grenze. „Früher war hier fruchtbares Ackerland. Es ist traurig, mit ansehen zu müssen, wie alles verkommt“, sagt die 63-Jährige. Das heutige Grenzgebiet sei immer die Kornkammer Koreas gewesen, die nährstoffreichen Böden und das feuchte Klima böten dafür beste Voraussetzungen. Doch der Konflikt mache alles kaputt. „Es ist ein Jammer“, seufzt Shin.
Wie es jenseits der militärischen Sperrzone drüben aussieht, darüber gibt es viele Berichte, von denen sich die wenigsten nachprüfen lassen. Nordkorea hat sich vom Rest der Welt abgeschottet wie kein zweites Land. Niemand soll sehen, unter welchen Bedingungen die Menschen dort leben. Ein Dokumentationszentrum hier auf der Südseite der Grenze zeigt Filmaufnahmen, wie nordkoreanische Bauern mit Pflügen und Harken Ackerbau betreiben. Die Menschen leben von der Hand in den Mund.
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