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22. April 2010

Kosovo-Flüchtlinge: Endstation Lager

 Von Norbert Mappes-Niediek
Der Kosovokrieg 1999 trieb viele Menschen auf die Flucht.  Foto: dpa

Das Kosovo muss Tausende Roma aus Deutschland zurücknehmen. Roma sind im Kosovo eine verdrängte Minderheit. Ihnen droht ein Leben in Elendsquartieren. Von Norbert Mappes-Niediek

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Besuchern im Flüchtlingslager Cesmin Lug pflegt Latif Masurica ein riesiges Gurkenglas voller Visitenkarten zu zeigen: "Die waren alle schon hier", sagt der Lagersprecher. "Passiert ist nichts." Auf den Karten stehen illustre Namen von Politikern, Diplomaten, Journalisten aus aller Welt. Alle waren hier und haben mit Masurica geredet, sind zwischen den Hütten umhergelaufen, waren bestürzt und haben rasche Abhilfe versprochen. Aber auch in diesem Jahr wieder trägt der Frühjahrswind die Asche von den Abraumhalden, die drohend über dem Lager stehen, und bläst sie zwischen den Unterkünften her. Noch immer leben hier um die 560 Menschen - die Hälfte Kinder, viele in zerlumpten Kleidern.

Jetzt droht dem schaurigen Ort Zuwachs: Nach dem Rückführungsabkommen, das beide Staaten jetzt unterzeichnet haben, muss die Republik Kosovo ihre Staatsbürger aus Deutschland zurücknehmen. Den großen Teil von ihnen machen geschätzte 10.000 Roma aus. Sie sollen nun zurück, pro Jahr bis zu 2500.

Die Deutschland-Rückkehrer werden, wenn sie am Flughafen Prishtina angekommen sind, von der Kosovo-Regierung erst einmal für eine Woche in einem Hotel untergebracht. "Wo sie dann bleiben, ist aber völlig ungewiss", sagt Hil Nrecaj, ein kosovarischer Anwalt, der Roma-Rückkehrer berät. Ein halbes Jahr lang gibt es von der deutschen Regierung um die 150 Euro pro Kopf. Er habe aber noch niemanden getroffen, der nach dem halben Jahr einen Arbeitsplatz oder ein Einkommen gehabt hätte, sagt der Anwalt. Wanda Troszczynska von Human Rights Watch vermutet, dass sie in den kleinen Ghettos der Städte landen - vor allem in Prizren. Nrecaj fürchtet, dass für viele eines der Lager die Endstation wird.

Die Probleme beginnen schon nach einer Woche. "Die meisten haben kein Haus", so Troszczynska, "und rufen Verwandte an" - die alle selbst in Elendsvierteln wohnen. "Die Roma-Gemeinschaften sind jetzt schon um das Zehnfache überlastet", erzählt Troszczynska, die im Winter 80 Familien im Kosovo besucht hat. Als sie vor bald 20 Jahren flohen, haben die Roma ihre Häuschen in der Regel verkauft.

Sozialhilfe gibt es im Kosovo nur für Familien mit einem Kind unter fünf Jahren - eine Bestimmung im übrigen, die auf einen deutschen Regierungsberater zurückgeführt wird.

Verdrängte Minderheit

Kinder sind die Hauptbetroffenen. "Sie sind alle in Deutschland geboren", sagt Nrecaj, "und verstehen in kosovarischen Schulen kein Wort." Eingliederungshilfen gibt es nicht - oder nur auf dem Papier. Hierzulande bekannt wurde der Fall von Elvira Gashi, einer mittlerweile 21-jährigen Mutter von Kindern im Alter von drei und vier Jahren, die selbst als Einjährige nach Wolfenbüttel gekommen war - und 2009 zusammen mit ihrem gewalttätigen Ehemann ins Kosovo abgeschoben wurde. Also nicht einmal sie selbst hat eine Erinnerung an die Heimat ihrer Vorfahren.

Roma im Kosovo sind eine verdrängte Minderheit. Vor dem Krieg machten sie mit 120.000 an die sieben Prozent der Kosovo-Bevölkerung aus. Die Mehrheit spricht Serbisch, ein etwas kleinerer Teil, Aschkali genannt, Albanisch. Einige Tausend deklarieren sich als "Ägypter" - der Legende nach sind ihre Vorfahren am Nil einst vor den Arabern geflüchtet und auf dem Balkan hängengeblieben.

Im Kosovo-Krieg gerieten sie zwischen die Fronten: Belgrad brauchte die "kleinen" Minderheiten, um sie gegen die albanische Mehrheit in Stellung zu bringen. Hass ernteten sie, als sich manche Roma 1999 an den Vertreibungen und Plünderungen der Albaner durch die jugoslawische Armee beteiligten. "Verbale Belästigungen von Roma sind heute noch an der Tagesordnung", berichtet Troszczynska.

Nach dem Nato-Einmarsch zündeten albanische Veteranen in den Städten Mitrovica und Vushtrri die Zigeunerviertel an. Die Roma flohen in den serbisch kontrollierten Norden. Als Unterkunft wurden ihnen zwei Gelände über dem großen Bergwerk von Trepca zugewiesen - mit extrem bleiverseuchtem Boden. "Unerträglich und eines der schlimmsten Gesundheitsrisiken in diesem Teil Europas", konstatierte die UN-Mission im Lande.

Trotzdem blieb das Problem ungelöst: Die UN wollten die Flüchtlinge wieder in ihre alten Häuser im albanisch dominierten Teil des Kosovo bringen. Aus Furcht vor Übergriffen weigerten sich viele, die sichere serbische Umgebung zu verlassen. Im serbischen Norden aber mochten die UN nicht mit den von Belgrad bezahlten Parallelbehörden zusammenarbeiten. So fielen die Roma durch den Rost.

Volle sieben Jahre vergingen, bis die Flüchtlinge endlich die schlimmsten Giftdeponien räumen konnten. Seither leben sie in drei anderen, ebenso provisorischen Lagern.

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