Düsseldorf. Noch fünf Tage lang spielen die Genossen in Düsseldorf Reise nach Jerusalem: Noch sind für die zehn Ministerstühle rund zwei Dutzend Namen im Gespräch, jeden Tag fallen wieder einige aus dem Spiel. Erst am Donnerstag will Hannelore Kraft das Kabinett bekanntgeben - einen Tag nach ihrer wahrscheinlichen Wahl zur Ministerpräsidentin einer rot-grünen Minderheitsregierung. Kraft wolle es sich nicht mit hoffnungsvollen Kandidaten verscherzen, heißt es in der SPD. Schließlich ist sie auf alle Stimmen ihrer Fraktion und mindestens eine Enthaltung der Linken angewiesen, um zur ersten Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens gewählt zu werden.
Die Stimme von Guntram Schneider wäre Kraft wohl sicher - doch der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes in NRW sitzt bislang nicht im Landtag. Der 58-Jährige wurde schon vor der Wahl als Sozial-und Arbeitsminister vorgestellt. Der gelernte Werkzeugmacher will das Tariftreuegesetz wieder einführen, nachdem öffentliche Aufträge nur an Firmen vergeben werden, die nach Tariflohn bezahlen. Auch die Mitbestimmung im öffentlichen Dienst, die auf Druck der FDP stark eingeschränkt wurde, will Schneider wieder stärken.
Am Wochenende kann die rot-grüne Basis über den Koalitionsvertrag abstimmen. Auf den beiden Parteitagen von SPD und Grünen am Samstag wird mit einer großen Mehrheit für das 94-seitige Werk gerechnet. Schließlich hält es nur kleine Kröten für die Parteigänger bereit.
Die Grünen müssen bei der Energiepolitik schlucken: Sie wenden sich energisch gegen den Neubau von Kohlekraftwerken. Hierzu bleibt der Vertrag schwammig und will zum Beispiel die Entscheidung über das geplante Mega-Werk in Datteln den Gerichten überlassen.
Die Genossen hingegen wünschen sich, gerade an der Basis im Ruhrgebiet, ein klareres Bekenntnis zur Steinkohle und ihrer Subventionierung. Der vom Bund beschlossene Ausstieg aus der Finanzierung wird laut Vertrag "nicht in Frage gestellt." Insgesamt aber ähnelt der Koalitionsvertrag sehr den Wahlprogrammen - und auch diese wurden mit fast 100-er Mehrheit auf Parteitagen abgesegnet. (ajo)
Stimmung für Kraft gemacht
Schneider kann gut mit den Arbeitern im Ruhrgebiet, er wählt deftige Worte und kann schon einmal rot anlaufen, wenn er sich über Ungerechtigkeiten aufregt. Der Gewerkschafter hat im Wahlkampf am Tresen und auf der Straße Stimmung für die SPD gemacht.
Ralf Jäger Vizechef der SPD-Landtagsfraktion, und polternder Redner könnte Innenminister werden. Der blonde Schlaks wird intern "Jäger 90" genannt, weil er die politischen Gegner von der CDU und FDP mit Anträgen und öffentlichen Anklagen ins Visier nahm. Der Ruhrgebietler hat keine typische Biografie für diesen Posten - er ist Einzelhandelskaufmann und studierte auch Pädagogik. Seine Vorgänger waren stets Juristen.
Die Grünen-Fraktionsvorsitzende und künftige Vize-Chefin des Landes Sylvia Löhrmann wird Bildungsministerin. Die Lehrerin muss das größte Wahlversprechen von Rot-Grün, das längere gemeinsame Lernen, umsetzen.
Eine weitere Person aus dem Schattenkabinett wird es allerdings nicht nach Düsseldorf schaffen: Vorzeige-Migrantin aus Krafts Wahlkampfteam, die Deutsch-Türkin Zülfiye Kaykin. Die 41-jährige Geschäftsführerin einer Moschee-Begegnungsstätte im Duisburg war im Wahlkampf für das Thema Integration zuständig. Inzwischen wird sie aber als etwas zu unbedarft für ministerielle Aufgaben eingestuft.
Das reißt eine Lücke in den Kraft-Plan: Schließlich kommen in ihren Planspielen kaum Frauen vor. So könnte ausgerechnet die erste Ministerpräsidentin in NRW ein sehr männliches Kabinett bilden.
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