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08. Juli 2012

Krieg im Südsudan : Front statt Feier

 Von Johannes Dieterich
Frontalltag: Patrouille mit der südsudanesischen Armee auf einem Technical, einem armierten Pick-up, hart an der Grenze zum Sudan. Foto: Johannes Dieterich

Ein Jahr nach seiner Unabhängigkeit steht der Südsudan kurz vor dem Kollaps. Mit dem nördlichen Nachbarn Sudan liegt man praktisch im Krieg, und die Ölreserven halten nur noch zwei Monate.

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Ein Jahr nach seiner Unabhängigkeit steht der Südsudan kurz vor dem Kollaps. Mit dem nördlichen Nachbarn Sudan liegt man praktisch im Krieg, und die Ölreserven halten nur noch zwei Monate.

Man hatte ihnen Frieden, blühende Landschaften und regen Handel versprochen. Die Straße, die das im Norden des Südsudans gelegene Bentiu mit der nordsudanesischen Provinzhauptstadt Kadugli verbindet, sollte zu einer pulsierenden Arterie des gegenseitigen Austauschs werden – mit unter ihrer Ladung quietschenden Lastwagen, sich ausbreitenden Dörfern und belebten Tavernen am Straßenrand. „Wir sind bereit, dem jungen Staat Südsudan auf jede nur erdenkliche Weise zur Seite zu stehen“, hatte Sudans Präsident Omar al-Baschir bei der Unabhängigkeitsfeier der jüngsten Nation der Welt am 9. Juli des vergangenen Jahres verkündet: „Denn ihr Erfolg wird auch der unsere sein.“

Ein Jahr danach hat sich der Traum von der pulsierenden Arterie in den Albtraum einer blockierten Ader verkehrt. Statt überquellender Lastwagen sind auf der von Schlaglöchern übersäten Sandpiste höchstens ein paar Pick-ups mit auf der Ladefläche montierten Maschinengewehren zu sehen, und in den trostlosen Dörfern am Wegrand hausen statt lebhafter Familien ausschließlich Soldaten der 4. Division der südsudanesischen SPLA-Armee. Nahe des Dörfchens Maliah ist die Straßenverbindung schließlich sogar mit einem Wall an Sandsäcken blockiert: Wer sich zu nahe heranwagt, wird mit einem Feuerstoß aus einem Maschinengewehr der sudanesischen SAF-Streitkräfte verscheucht.

        

Öllache an der stillgelegten Produktionsanlage Unity Field.
Öllache an der stillgelegten Produktionsanlage Unity Field.

„Erst gestern haben sie unsere Stellungen wieder mit Mörsern beschossen“, sagt der Kommandant der Nashorn-Brigade der SPLA, Oberst Both Biel Nhias: „Hier kann jeden Moment wieder der Krieg ausbrechen.“
An der Frontlinie haben seine Soldaten flache Löcher in die schwarze Lehmerde gegraben und dahinter Unterschlupfe aus bloßem Gras errichtet: Sie wollen ganz offensichtlich nicht zu lange in dieser Stellung verharren. Unter Bäumen versteckt stehen am Wegrand vier Panzer: „Das nächste Mal“, sagt Oberst Nhias, „werden wir erst wieder in ihrer Hauptstadt Khartum Halt machen.“ Vor drei Monaten waren die SPLA-Truppen rund 30 Kilometer weit in die Ölfelder um das Städtchen Heglig vorgedrungen: Mit der Besetzung der wichtigsten Einnahmequelle des Erzfeindes hatten sie ihm einen bis dato unvorstellbaren Denkzettel verpasst.

Der Überraschungscoup stellte sich jedoch als Pyrrhussieg heraus. Nicht nur, dass sich die Nashorn-Brigade auf Druck der internationalen Gemeinschaft schnell wieder von den Hegliger Ölfeldern zurückziehen musste: Bei ihrem Abzug fügten ihnen die Sudanesen auch schwere Verluste zu. Obendrein wurden die ohnehin miserablen Beziehungen zwischen den Scheidungspartnern von der militärischen Konfrontation noch weiter vergiftet: Nach wie vor sind die bei der Unabhängigkeit ausgeklammerten Streitpunkte gefährlich offen – so der exakte Grenzverlauf zwischen Nord und Süd und die zum Transport des südsudanesischen Erdöls durch die nordsudanesischen Pipelines zu erhebenden Gebühren. Ein Jahr nach seinen fröhlichen Unabhängigkeitsfeiern befindet sich der jüngste Staat der Welt in einem katastrophalen Zustand: „Für die Entwicklung des Südsudans waren die vergangenen zwölf Monate völlig verschwendet“, klagt ein westlicher Beobachter in Juba.

Das lange Leiden
Ein Mann schwenkt die südsudanesische Flagge.

Der Südsudan (Nationalfahne links) brauchte zwei gesamtsudanesische Bürgerkriege – von 1955 bis 1972 und von 1983 bis 2005 –, um schließlich am 9. Juli 2011 gegründet zu werden. Der Hauptunterschied zwischen den beiden Staaten ist die Religion, der Süden ist eher christlich, der Norden eher muslimisch.

De facto geht es stets um Geld: bei den beiden Sudans um harte Petrodollar.

„Sie haben uns mit ihren verbrecherischen Forderungen an die Wand gedrückt“

Ein wesentlicher Grund für den Stillstand findet sich auf der blockierten Ader auf halbem Weg zwischen Bentiu und der inzwischen bloß noch „Front“ genannten Grenze. Hier erstreckt sich das Ölfeld „Unity“, auf dem mit täglich 160000 Barrel ein erheblicher Teil des südsudanesischen Staatseinkommens erwirtschaftet wurde – die junge, von Afrikas längstem Bürgerkrieg gezeichnete Nation pflegte ihren Haushalt zu 98 Prozent aus dem Export des schwarzen Goldes zu speisen.

Die Produktionsanlage liegt heute wie ein Industriekadaver da: Wo einst mehrere hundert Ölarbeiter aus aller Welt tätig waren, schiebt heute nur noch ein einsamer Wachmann Dienst. Über das mit silbern glänzenden Tanks, Rohrleitungen, Generatoren und Türmen bestückte Gelände jagt ein Rudel verwilderter Hunde, Kletterpflanzen ranken sich um Messgeräte, ein pechschwarzes Erdöl-Wasser-Gemisch tropft in ein ungesichertes Auffangbecken, während am Himmel arglose Fischadler kreisen.

Die Anlage ist bereits seit einem halben Jahr abgeschaltet: Weil sich die beiden Sudans über den Preis für den Transport durch die Pipelines des Nordens nicht einigen konnten, und Khartum dazu überging, Millionen Fässer südsudanesischen Öls zu konfiszieren, stellte Juba seine gesamte Produktion von täglich 350.000 Barrel im Januar kurzerhand ein. „Sie haben uns mit ihren verbrecherischen Forderungen an die Wand gedrückt“, erklärt Südsudans Informationsminister Barnaba Marial Benjamin den drastischen Schritt: „Uns blieb gar nichts anderes übrig, als uns der Erpressung mit radikalen Mitteln zu erwehren.“ Tatsächlich verlangte Khartum als Pipeline-Gebühr 36 Dollar pro Fass, in anderen Teilen der Welt wird da höchstens ein Dollar erhoben.

Die Konsequenzen des Boykotts haben den Südsudan wie eine biblische Plage heimgesucht. In der ohnehin trostlosen ehemaligen Garnissonsstadt Bentiu sind – außer den Karossen von Hilfswerken und Militärfahrzeugen – kaum noch Autos auszumachen, was bei einem Sprit-Preis von mehr als vier US-Dollar pro Liter auch kein Wunder ist. Der Treibstoff muss über tausend Kilometer aus den Nachbarstaaten Kenia und Uganda ins Herz der Erdölregion befördert werden – sämtliche Grenzen zum kaum hundert Kilometer entfernten Norden sind nun ein Jahr blockiert. „Sie wollen uns erdrosseln“, sagt der Gouverneur der Unity-Provinz, Taban Deng Gai, der sich selbst noch eine vierradgetriebene amerikanische Spritschleuder leistet. „Doch wir sind Kummer gewohnt.“

Bentius Bevölkerung stöhnt unterdessen unter einer Inflationsrate, die nach Angaben der Weltbank im Mai bereits 80 Prozent erreichte. Mit seinem Monatsgehalt von 500 Südsudanesischen Pfund könnte sich Lehrer John Deng heute gerade noch 35 Liter Diesel kaufen, im vergangenen Monat blieb die Gehaltszahlung sogar ganz aus. Wenn bald die Regenzeit mit voller Wucht einsetzt, wird Bentiu auch aus dem Süden nicht mehr zu erreichen sein: Was dann passiert, wagt sich Lehrer Deng nicht auszumalen. „Wir waren auch früher immer wieder mal von der Außenwelt abgeschnitten“, redet sich Gouverneur Gai Mut zu. „Wir werden auch das überleben.“

In der über 600 matschige Straßenkilometer entfernten Hauptstadt Juba scheint die Welt noch in besserer Ordnung zu sein. Zähflüssig quält sich der Verkehr über zumindest teilweise geteerte Straßen, zig Kräne zeugen von reger Bautätigkeit, in einem Festzelt wird eine Hochzeit gefeiert, zu der die Gäste in fast hundert SUVs angerückt sind. Bis vor kurzem sei es noch vorgekommen, dass Angehörige der Oberschicht zu ihren Festen Köche aus den USA einflogen, erzählt ein Hauptstadtbewohner: Seit der Unterzeichnung des Friedensvertrags und der Einsetzung einer autonomen Regierung im Jahr 2005 nahm der Südsudan immerhin 14 Milliarden Petrodollar sein. Doch jeder dritte Dollar verschwand in den Taschen der Elite.

Das ist kein bloßes Gerücht – Präsident Salva Kiir räumt das höchstpersönlich ein. Der Staatschef mit Bart und Cowboy-Hut sorgte kürzlich für internationales Aufsehen, als er einen Brief an 75 führende Politiker seines Landes versandte, indem er sie zur sofortigen Rückgabe von ihnen entwendeten Geldes aufforderte. „Schätzungsweise vier Milliarden Dollar sind verschwunden“, schrieb er, „oder, um es einfacher zu sagen, sie sind von Staatsdienern gestohlen worden.“ Vier Milliarden sind zwei Jahreshaushalte des Aufbaustaats: Jedem einzelnen der 4,5 Millionen Südsudanesen hätte man davon ein Motorrad kaufen können. Kiir forderte die Verdächtigen auf, das Geld auf ein Konto zu überweisen, zu dem lediglich er und einer seiner Minister Zugang hätten: Dann könnten die reuigen Sünder mit Straffreiheit rechnen – was andernfalls geschehe, vergaß der Staatschef zu erwähnen. Hätte Kiir das ganze ernst gemeint, wenden westliche Beobachter in Juba ein, hätte er neben der kompletten Regierung auch sich selbst entlassen müssen.

Mancherorts steigt die Angst, das Land könnte der nächste „failed state“ werden

Dass der Regierungschef überhaupt so weit ging, wird einerseits auf den zunehmenden Druck der Geberländer zurückgeführt, denen offenbar die Geduld im südsudanesischen Sumpf ausging – andererseits aber auch auf den selbstauferlegten Ölproduktionsstopp der Regierung, der sie zu radikalem Sparen gezwungen habe. Der im Ausland weithin als Selbstmordaktion kritisierte Boykott habe sich so als „Segen“ erwiesen, meint Mou Ambrose Thiik, der für die Friedrich-Ebert-Stiftung in Juba ist: Der junge Staat habe der Korruption den Kampf ansagen müssen, sonst hätte er bereits in seinem ersten Jahr den Konkurs anmelden müssen.

Peter Adwok Nyaba sitzt auf einer Hotelterrasse in Juba und trinkt mit Bier gemischten Whiskey. Der gut 60-jährige Minister für Höhere Bildung ist auf der Stirn von der Tradition – den unter seinem Volk der Schilluks üblichen Tätowierungen – und unter der Hüfte vom fast 50 Jahre lang tobenden Bürgerkrieg gezeichnet: Als SPLA-Kommandant verlor er sein linkes Bein. Auch Nyaba hat einen Brief vom Präsidenten erhalten – er nimmt das aber gelassen hin: Für ihn eine Gelegenheit, seine Unschuld zu beweisen, sagt er lachend. Der Präsident habe Recht gesteht er und fügt hinzu: „Wir haben doch tatsächlich nicht dafür gekämpft, damit wir nach unserem Sieg das Volk ausrauben können.“

Wenn es nach Nyaba ginge, würde für alle Ewigkeit kein Tropfen schwarzes Gold mehr aus Südsudans Boden gepumpt. „Das Erdöl ist für uns kein Segen sondern ein Fluch“, meint der über zwei Meter lange Hüne: „Es macht uns abhängig, korrumpiert die Politik und verführt die Bevölkerung zur Faulheit.“ Was die Nation brauche, sei ein „Paradigmenwechsel“ vom parasitären Erdöl- zum sich selbst versorgenden Agrarstaat. „Die Fortsetzung unseres Befreiungskampfs müssen wir mit Hacken statt mit Gewehren führen.“ Der Geologe Nyaba hätte nichts dagegen, wenn Hunderttausende von Südsudanesen, die ihr Glück in den Städten suchten, wieder aufs Land zurückkehren müssten – auch wenn das, zugegeben, etwas nach Maos Kulturrevolution aus den 60ern klinge.

Europäische Experten in Juba halten den womöglich gut gemeinten Vorschlag für naiv, wenn nicht sogar für selbstmörderisch. Tatsächlich ist der Südsudan fruchtbar, doch von einem blühenden Agrarstaat ist die bis zu den Wurzeln zerstörte Bürgerkriegsregion unendlich weit entfernt. Derzeit produziert das Land nicht mal die Hälfte seines Nahrungsmittelbedarfs; außer Bier und Mineralwasser wird hier kein einziges verarbeitetes Agrarprodukt hergestellt.

Willige Entrepreneure wie der Agro-Ingenieur Justin Miteng, der aus den allgegenwärtigen Mangos Saft herstellen wollte, scheitern, weil sie weder vom Staat noch von den Banken Kredite erhalten. Stattdessen schlittert der Südsudan nach Auffassung der Weltbank auf einen Totalkollaps zu: Die Entwicklungsexperten geben dem Staat noch zwei Monate, bis auch die letzten Reserven aufgebraucht seien. Dann werden weder Beamte noch Soldaten Löhnung erhalten. „Man muss kein Prophet sein“, sagt der Sicherheitsberater einer Hilfsorganisation, „um zu wissen, was das heißt.“ In der Provinzstadt Torit haben sich bereits hoffnungslose junge Männer in Banden zusammengeschlossen, um sich ihren Lebensunterhalt gewaltsam zu sichern: Das Gespenst eines afrikanischen „failed state“, einer Staatsruine à la Somalia, geht um.

In seinem stattlich möblierten und mit Blumengebinden aus Plastik geschmückten Kabinett erhofft sich Informationsminister Benjamin Abhilfe von einer neuen Erdöl-Rohrleitung, die durch Kenia oder Äthiopien zum Meer führen soll. Solche „pipeline dreams“ seien in Wahrheit „pipe dreams“ (Hirngespinste), meint ein deutscher Experte: Das gigantische Projekt sei viel zu aufwendig und teuer, um in absehbarer Zeit verwirklicht werden zu können.

Als einziger Ausweg aus der Krise wird unter den Diplomaten vor Ort eine Einigung mit dem Norden am Verhandlungstisch betrachtet: Doch sowohl die Mentalität des vom Internationalen Strafgerichtshofs wegen Kriegsverbrechen angeklagten sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir wie das abgrundtiefe Misstrauen der Südsudanesen haben zumindest bislang jeden auch noch so kleinen Fortschritt bei den Gesprächen verhindert. „Von ihrer Einstellung her sind die noch gar nicht aus dem Busch zurückgekehrt“, sagt ein in Juba lebender Kenianer.

Wenige Tage vor den geplanten Feierlichkeiten zum ersten Jahrestag der Unabhängigkeit sitzt Ash Hartwell im Flieger, der ihn zurück in seine amerikanische Heimat bringen soll – dem 72-jährigen Professor und langjährigen Sudankenner ist nicht nach Feiern zu Mute. Die Gitarre, die den seit einem halben Jahrhundert durch den Kontinent tourenden Entwicklungsexperten treu begleitet, gebe derzeit nur traurige Töne von sich, sagt Hartwell leise. „Man hätte den Südsudanesen etwas sehr anderes gewünscht.“

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