kalaydo.de Anzeigen

Krieg in Afghanistan: Feind im Nachbarbett

In Kandahars Mirwais-Krankenhaus werden alle Verletzten behandelt - und keine Fragen gestellt. Von Willi Germund

Kandahar. Die drei Männer im Krankensaal der Intensivstation sind nicht ansprechbar. "Schädeltrauma" steht auf einer weißen Tafel über den Betten. Ein Mann wurde nach einem Verkehrsunfall eingeliefert. Die zwei anderen Patienten überlebten eine Bombenexplosion. Ob es sich um einen Anschlag handelte oder um einen Luftangriff - niemand weiß das. Und niemand will es wissen. In der südafghanischen Stadt Kandahar gilt im staatlichen Mirwais-Krankenhaus, das das Internationale Roten Kreuz (IKRK) unterstützt, eine eiserne Regel: Keiner darf die Verletzten fragen, was ihnen passiert ist.

Das gilt auch für den achtjährigen Jungen. Verkrampft liegt er auf seinem Bett. Die Augen sind voller Angst weit aufgerissen, als fürchte er immer noch, er werde nicht mehr lange weiterleben. Der schmale Bauch des Jungen ist mit Verband bedeckt, ein paar Kanülen stecken in seinem Leib. "Bauchschuss" lautet der Befund. Die Ärzte des Hospitals sind dennoch zuversichtlich, dass der kleine, schmale Kerl aus einem Vorort von Kandahar bald wieder genesen wird.

In einer Ecke der Intensivstation steht ein leeres Bett. Das kommt selten vor im Mirwais-Hospital. Das Krankenhaus ist seit Wochen so überlastet. Die Ärzte schieben sogenannte "elektive Fälle", auf die lange Bank. Wer nicht unbedingt operiert werden muss, wartet, damit Kriegsverletzte behandelt werden können.

Seit Jahren schon klettert langsam aber stetig die Zahl der Patienten, deren Beine von einer Mine weggerissen wurden oder deren Gliedmaßen nach einer Bombenexplosion einem Blutschwamm gespickt mit Tausenden von Knochensplittern gleichen. Jetzt sind die Grenzen der Möglichkeiten erreicht. "Wir werden zwei zusätzliche Operationstische in einem Zelt aufstellen", sagt der 49-jährige Kazmer Szabo, Kriegschirurg vom IKRK.

Kandahar liegt mitten im Zentrum des Kriegs am Hindukusch und das Mirwais-Krankenhaus ist eine der wenigen Kliniken in der Region, in der sich Ärzte der Opfer annehmen. Verletzte Kämpfer der radikalislamischen Talibanmilizen liegen hier im Nachbarzimmer von verletzten Soldaten der afghanischen Streitkräfte. Denn das Militärkrankenhaus der Armee in Kandahar funktioniert nicht, weil sich die Mediziner der Streitkräfte aus Kabul weigern, Posten in Kandahar zu übernehmen.

Auch aus dem riesigen Militärstützpunkt der ausländischen Truppen in der Nähe des Flughafens kamen schlechte Nachrichten. Das Feldlazarett der kanadischen Streitkräfte wird zwar von 16 auf 24 Betten vergrößert. Doch die Militärs teilten dem Mirwais-Krankenhaus bereits mit, dass man zukünftig wahrscheinlich keine Möglichkeit habe, wie bisher verletzten Afghanen eine erste Notversorgung zu geben, bevor sie ins städtische Hospital überführt wurden.

Afghanistan rüstet sich für eine Intensivierung des Kriegs. In Kandahar bereitet sich das Krankenhaus auf die Folgen vor. Manchmal haben es die Patienten nicht einmal weit bis zu den fahrbaren Plastikbahren, die in der Ambulanz des Mirwais-Hospitals bereitstehen.

Soldaten gegen Polizisten

Am Montag kamen die Verletzten plötzlich nur von der Straßenseite gegenüber. Afghanische Spezialeinheiten vom Stützpunkt "Gecko" - von US-Soldaten ausgebildet - haben versucht, einen Kumpel aus den Fängen des Staatsanwalts zu befreien. Der Ankläger rief die Polizei zu Hilfe. Bei der stundenlangen Schießerei kamen zehn Beamte ums Leben. Dem Verhafteten war vorgeworfen worden, er habe Dokumente gefälscht. Seit dem Vorfall liegt Kandahar wie ausgestorben. Viele Geschäfte blieben seit Dienstag geschlossen.

Autor:  WILLI GERMUND
Datum:  3 | 7 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!