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27. Oktober 2010

Kriegsverbrechen : Was die Stasi gewusst haben will

 Von Andreas Förster
Adolf Hitler (l) und Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop im Führerhauptquartier.  Foto: dpa

Das bislang weitgehend unbekannt gebliebene Kriegsverbrechen an US-Gefangenen ist in einem umfassenden Forschungsvorgang des DDR-Staatssicherheitsministeriums dokumentiert. Der Bericht birgt Untaten in Ribbentrops Auftrag hervor.

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Der Vortragende Legationsrat Horst Wagner, Gruppenchef im Auswärtigen Amt, meldet seinem Minister Joachim von Ribbentrop am 31. Dezember 1944 Vollzug. „Im Zusammenhang mit der Verurteilung von 15 deutschen Kriegsgefangenen durch amerikanische Kriegsgerichte wegen ihres Vorgehens gegen Mitgefangene hat der Führer den Vorschlag des Herrn RAM (Reichsaußenminister – Anmerkung der Redaktion) genehmigt, sofort die Verurteilung einer entsprechenden Anzahl amerikanischer Kriegsgefangener zur Todesstrafe herbeizuführen“, schreibt Wagner in einem Vermerk für Ribbentrop. Zwischen dem 28. und 30. Dezember 1944 seien bereits zehn US-Soldaten zum Tode verurteilt worden, ein weiteres Todesurteil liege bereits vor. „Das OKW (Oberkommando der Wehrmacht) bemüht sich, weitere 4 Todesurteile ergehen zu lassen und wird über das Ergebnis dieser Bemühungen berichten“, schreibt Wagner weiter.

Drei Tage später ist Ribbentrops Wunsch nach Vergeltung erfüllt. Auch dank des Einsatzes der verantwortlichen Beamten, die für das Kriegsverbrechen extra ihren Weihnachtsurlaub abgebrochen haben. Legationsrat Wagner ist von solcher Einsatzbereitschaft begeistert und bittet um eine Belobigung der Beteiligten. „Bei der auf Anweisung des Herrn RAM (…) herbeigeführten Verurteilung von amerikanischen Kriegsgefangenen haben sich verschiedene Herren (…) des Kriegsgefangenenwesens und des Reichskriegsgerichts unter Zurückstellung von ursprünglichen juristischen Bedenken besondere Verdienste erworben“, schreibt er am 3. Januar 1945 an Ribbentrop.

Der Minister ist zufrieden. Den Verantwortlichen sollen „gelegentlich (…) einige anerkennende Worte (…) im Namen des Herrn RAM mündlich in geeignet erscheinender Weise“ ausgesprochen werden, lässt er Wagner mitteilen.

Akten in der DDR ausgewertet

Das vom Auswärtigen Amt (AA) in Auftrag gegebene, bislang weitgehend unbekannt gebliebene Kriegsverbrechen an US-Gefangenen ist in einem rund 20 Bände umfassenden Forschungsvorgang des DDR-Staatssicherheitsministeriums dokumentiert. Zwischen 1975 bis 1977 werteten Experten der Stasi-Hauptabteilung IX/11 einen Aktenbestand des Auswärtigen Amtes aus, den die Rote Armee nach Kriegsende erbeutet hatte. Das geht aus den in der Birthler-Behörde überlieferten und der Frankfurter Rundschau vorliegenden Unterlagen hervor.

Die überlieferte Analyse birgt eine Reihe von bislang wenig bekannten Vorgängen, die eine Verstrickung des Auswärtigen Amtes in NS-Verbrechen belegen. Offenbar ist das Material auch Historikern bislang verborgen geblieben – in der jüngsten unter dem Titel „Das Amt und seine Vergangenheit“ erschienenen Studie eines Historikerteams etwa, die heute Abend in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt wird, taucht das eingangs geschilderte Kriegsverbrechen an US-Gefangenen nicht auf.

Außenamt betrieb Sonderlager

Unerwähnt bleibt auch der Umstand, dass das AA im Jahre 1944 zwei eigene Sonderlager für britische Kriegsgefangene betrieb. Die Einrichtungen in Genshagen bei Berlin, wo bis zu 200 Soldaten untergebracht waren, und im bayerischen Steinburg, wo 40 Offiziere festgehalten wurden, waren seinerzeit „auf Wunsch und unter maßgeblicher Beteiligung des Auswärtigen Amtes eingerichtet worden“, wie es in einem im Stasi-Archiv liegenden Vermerk vom Kriegsgefangenendienst des AA vom 29. November 1944 heißt. In einem schriftlichen Abkommen, das drei Monate zuvor seitens des AA vom Gesandten Adolf von Windecker unterzeichnet worden war, sei demnach „die Unterstellung der beiden Lager unter die alleinige Führung des Auswärtigen Amtes beschlossen worden“.

Mit den Kriegsgefangenenlagern verfolgte das AA vor allem Propagandazwecke. Durch eine bevorzugte Behandlung und den persönlichen Kontakt mit den gefangenen Briten sollten deren Briefe in die Heimat positiv beeinflusst werden. Die Lager wurden zwar auf Verfügung des SS-Chefs Heinrich Himmler aufgelöst. Doch durfte das AA eigene Beauftragte in jedes Kriegsgefangenenlager entsenden, um unter ihnen politische Arbeit zu leisten.

In dem Stasi-Dossier über Ribbentrops Außenamt finden sich auch einige Protokolle der am 5. Januar 1944 gegründeten „Antijüdischen Aktionsstelle“, einer Propagandaabteilung, die später die Bezeichnung „Informationsstelle XIV“ trug. Erster Chef der auf Führerwunsch gebildeten Abteilung war Ribbentrops Vertrauter, der Vortragende Legationsrat Horst Wagner. Aufgabe der „Aktionsstelle“ war die antisemitische Propaganda im Ausland – die mediale Begleitung des Holocaust.

Wagner gehörte ursprünglich zu den Mitangeklagten im „Wilhelmstraßenprozess“ von 1947, wurde dann aber von der Liste gestrichen. Erst 1967 kam er doch noch vor Gericht, wegen Beihilfe zum Mord an 356624 Juden. Die restlichen leitenden Mitarbeiter der „Antijüdischen Aktionsstelle“ blieben unbehelligt. Mindestens zwei von ihnen fanden auch nach Kriegsende noch Verwendung im AA: Adolf Hezinger, der 1957 als Konsulatssekretär in das Bonner Auswärtige Amt kam, und Paulus von Stolzmann, der unter anderem bis 1964 Bonner Botschafter in Luxemburg war.

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