Mittenwald. Für die 80-jährige Pensionswirtin gibt es keinen Zweifel, wer dahinter steckt. Jeder Demonstrant, verkündet die Frau, bekomme 50 Euro Handgeld. Und zwar von Jan Philipp Reemtsma, dem Chef des Hamburger Instituts für Sozialforschung und Organisator der Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht. "Das ist ein Jude!", geifert die Mittenwalderin.
Für sie ist es reine "Hetzerei", dass das Traditionstreffen von Gebirgssoldaten aus nationalsozialistischer Wehrmacht und Bundeswehr in ihrer oberbayerischen Heimat seit Jahren von Protesten begleitet wird. Im Jahr 2002 kamen erstmals Demonstranten nach Mittenwald, um gegen den unkritischen Schulterschluss von Alt und Jung zu protestieren und die Soldaten mit den ungesühnten Kriegsverbrechen der NS-Gebirgstruppe zu konfrontieren. Am Pfingstsamstag endete die Kampagne des Arbeitskreises "Angreifbare Traditionspflege" mit einem letzten Besuch von rund 200 Demonstranten, die die Bestrafung der Täter und die Entschädigung der Opfer forderten.
"Was man politisch erreichen konnte, ist erreicht", sagte ein Sprecher des Arbeitskreises. Mittenwald und die Gebirgsjäger seien jetzt besetzt mit dem Thema Kriegsverbrechen. "Das ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen." Außerdem nahm die Besucherzahl des einst größten Soldatentreffens in Deutschland - wohl auch unter dem Eindruck der Proteste - kontinuierlich ab: Hatten sich in den 90er Jahren noch bis zu 12.000 Menschen am Ehrenmal der Gebirgstruppe auf dem Hohen Brendten eingefunden, kamen nun zur Gefallenenehrung vor zwei Wochen gerade einmal noch 300.
"Dass die Tage der Gedenkfeier gezählt sind, äußern mittlerweile auch die Repräsentanten des veranstaltenden Kameradenkreises der Gebirgstruppe", sagte Jennifer Gronau der FR. Die Bremer Politikwissenschaftlerin hat die Kampagne gegen die fragwürdige Traditionspflege untersucht. Mit einem "Brennglas" vergleicht sie die oberbayerische Gemeinde: "Die Ergebnisse der Wissenschaft in Bezug auf den Umgang mit der NS-Vergangenheit finden wir hier alle gebündelt wieder." Aussparen, Verharmlosen, Umdeuten, Reduzieren der Kriegserinnerung auf die "soldatischen Tugenden": Diese bequeme Haltung der Mittenwalder sei von den Protesten erstmals angekratzt worden. "Sie sind plötzlich gezwungen, sich zu rechtfertigen."
Und sie sollen das auch nach dem Ende der alljährlichen Demonstrationen weiter tun müssen: Als "Stein des Anstoßes" stellte der Arbeitskreis am Samstag eine fast zwei Meter hohe Gedenkstele auf dem Bahnhofsvorplatz auf - als "Geschenk" an die Gemeinde. Das Denkmal soll an die Opfer der NS-Kriegsverbrechen und an die Juden, die von Wehrmachtsgebirgsjägern deportiert wurden, ebenso erinnern wie an den Todesmarsch vom KZ Dachau: Er endete im April 1945 ausgerechnet in Mittenwald. In einem Glasaufsatz enthält die Säule Steine aus den Ruinen des italienischen Dorfes Falzano di Cortona, das am 27. Juni 1944 von deutschen Gebirgssoldaten zerstört wurde. Wegen der Ermordung von 14 Bewohnern dieses Dorfes steht der ehemalige Kommandant Josef Scheungraber (90) aus Ottobrunn - bis heute Mitglied im Kameradenkreis - seit fast neun Monaten vor dem Landgericht München. Anfang Juli wird ein Urteil erwartet.
"Ich bin hier auch für diejenigen, die gestorben sind", sagte der französische Jude Maurice Cling. Sichtlich bewegt enthüllte der 80-jährige Überlebende des Dachauer Todesmarschs das Denkmal. Von der Gemeinde war niemand zur Übergabe der Gedenkstele gekommen. Bürgermeister Adolf Hornsteiner (CSU) hatte auf die Einladung nicht einmal reagiert. Über die Lokalpresse ließ er verlauten, er sei im Pfingsturlaub.
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