Immer mehr katholische Bischöfe in Deutschland stellen sich offen gegen die Entscheidung von Papst Benedikt XVI., einen Holocaust-Leugner zu rehabilitieren. Der im Vatikan für die Beziehungen zum Judentum zuständige Kurienkardinal Walter Kasper räumte jetzt Fehler seitens des Vatikans ein.
"Es sind mit Sicherheit Fehler im Management der Kurie gemacht worden", sagte Kasper in einem Interview von Radio Vatikan. "Man hat da vorher im Vatikan zu wenig miteinander gesprochen und nicht mehr abgecheckt, wo die Probleme auftreten können."
Der Kardinal zeigte sich zutiefst besorgt über die durch die Aufhebung der Exkommunikation gegen die Traditionalisten ausgelöste Debatte und sprach von einem entscheidenden "Mangel an Kommunikation im Vatikan". Dabei nahm er auch Bezug auf ähnliche "Betriebsunfälle" des deutschen Pontifex - wie etwa die Regensburger Rede, die 2006 durch ein Zitat über den Islam heftige Proteste in der islamischen Welt ausgelöst hatte.
Im Fall der Traditionalisten betonte der Kardinal, dass es sich gewissermaßen um eine "Teil-Rehabilitierung" handele. In der Substanz bedeute die Aufhebung der Exkommunikation nur, "dass man sozusagen ein Hindernis weggenommen hat, um in das Gespräch mit der Lefebvre-Bewegung eintreten zu können - über eine ganze Reihe von theologischen Fragen".
Auch in seiner Gemeinde herrsche viel Unmut über das Vorgehen des Vatikans, sagte der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode dem Sender NDR info. Ein Holocaust-Leugner dürfe in der katholischen Kirche nicht geduldet werden. Bode nahm den Papst jedoch auch in Schutz: Benedikt habe die Hand ausstrecken wollen. Dabei sei er aber schlecht beraten gewesen.
Hamburgs Erzbischof Werner Thissen hatte dem Vatikan bereits gestern Schlamperei vorgeworfen. "Einen Holocaust-Leugner zu rehabilitieren, ist immer eine schlechte Entscheidung", sagte Thissen dem Hamburger Abendblatt über die Rücknahme der Exkommunikation des erzkonservativen britischen Traditionalisten-Bischofs Richard Williamson. Dieser hatte die Ermordung von sechs Millionen Juden durch die Nazis bestritten und die Existenz von Gaskammern geleugnet.
Zuvor hatten auch der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst und der Bischofskonferenz-Vorsitzende Robert Zollitsch das Vorgehen des Vatikans gerügt. Erzbischof Thissen kritisierte am Montag: "Es hätte geklärt werden müssen, was die Meinung Williamsons ist. Es hätte auf jeden Fall besser recherchiert werden müssen", betonte er. Es sei schlampig gearbeitet worden, nun sei der Schaden groß. Der Erzbischof verlangte Konsequenzen: "Dass in Hinblick auf Williamson nachgearbeitet werden muss, halte ich für sicher."
Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) sieht die "Glaubwürdigkeit der Kirche infrage gestellt". Auch der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) beklagte: "Unter den jüngsten Entscheidungen von Papst Benedikt XVI. leidet das Ansehen der Kirche in Deutschland."
Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, forderte von Papst Benedikt eine Klarstellung. Dessen Entscheidung zugunsten von Williamson stelle alle Äußerungen des Vatikans in Frage, die die Verbindungen zur jüdischen Gemeinschaft verbessert hätten. "Wir stehen jetzt im Prinzip vor einem Scherbenhaufen", sagte Kramer den Sender N24. Für den Zentralrat ist auch die Teilnahme an der "Woche der Brüderlichkeit" in Hamburg fraglich geworden. "Ich kann nicht ausschließen, dass unsere Gremien die Veranstaltungen der "Woche der Brüderlichkeit" infrage stellen", sagte Kramer der Zeitung "Die Welt".
Die Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth appellierte an den Papst, die Rehabilitierung zurückzunehmen. Es gebe überhaupt keine andere Möglichkeit, sagte Roth am Montag in Berlin. Benedikt XVI. hatte die Exkommunikation von vier Bischöfen der traditionalistischen Piusbruderschaft aufgehoben. Unter ihnen ist auch Williamson.
Inzwischen machte der ebenfalls rehabilitierte Traditionalistenbischof Bernard Tissier de Mallerais deutlich, dass er und seine Anhänger sich nicht mit der Wiederaufnahme in die Kirche Roms zufriedengeben wollen. "Wir werden unsere Positionen nicht ändern, sondern Rom bekehren", sagte er der Turiner Tageszeitung La Stampa. Die Verbannung der Piusbruderschaft habe 20 Jahre gedauert, und nun wollten die Bischöfe "den Vatikan in ihre Richtung führen". Im Übrigen seien sie für den Papst noch keine Bischöfe im eigentlichen Sinne: "Wir haben ja noch kein Bistum."
Für den renommierten Grazer Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann war die Entscheidung des Papstes zur Rehabilitation Williamsons und anderer Traditionalisten Teil einer "wohlüberlegten Strategie". "Dies war kein Unfall aufgrund mangelnder Kommunikation." (dpa/ap/ddp/kna)
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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