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04. Januar 2013

Kritik an Pharmaindustrie: „Wellness als Fortbildung getarnt“

Nicht jeder Arzt ist bestechlich. Foto: dpa

Pharma-Kritiker Nikolaus Koneczny, Mediziner und Mitglied der Initiative unbestechlicher Ärzte „Mein Essen zahl’ ich selbst“ spricht im Interview über die Tricks der Industrie.

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Herr Koneczny, wie übt die Pharmaindustrie Einfluss auf Ärzte aus?

Wenn man gegen Mittag mit den Patienten fertig ist, sitzen fast jeden Tag im Wartezimmer noch zwei bis drei Pharmavertreter. Sie haben neue Medikamente im Gepäck und beeindruckende Grafiken, die den Nutzen dieser Medikamente nachweisen sollen. Die Vertreter sind gut informiert über den Arzt, den sie besuchen. Sie kennen seine Probleme, sie schaffen es, eine sehr freundliche und persönliche Atmosphäre aufzubauen. Und dann lassen sie Musterpackungen da.

Davon hat der Arzt ja erst einmal noch nichts.

Scheinbar. Hier fängt die Kette aber erst an. Die Muster sind dazu da, Ärzte und Patienten anzufixen. Wenn ich einen Patienten auf das Medikament eingestellt habe und die Muster alle sind, macht es ja keinen Sinn, wieder umzusteigen. Also verschreibe ich weiter das neue Präparat.

Möglicherweise wirkt es auch besser.

Wir haben schon mehrfach erlebt, dass heftig beworbene Produkte schon kurz nach der Einführung den versprochenen Nutzen vermissen ließen oder gar Schaden anrichteten. So stellte sich bei einem Cholesterinsenker heraus, dass er Muskelerkrankungen auslöste und sogar mit Todesfällen in Zusammenhang gebracht werden musste. Der langfristige Nutzen für den Patienten ist bei Neuentwicklungen häufig noch nicht bewiesen. Und die Kosten sind in der Regel höher als bei bewährten Präparaten.

Nikolaus Koneczny.
Nikolaus Koneczny.
Foto: uni-wh

Was hat nun aber der Arzt davon, wenn er das Präparat verschreibt?

Da gibt zum Beispiel das Mittel der sogenannten Anwendungsbeobachtung. Dazu muss der Arzt nur harmlose Fragebögen zum Einsatz des Medikamentes ausfüllen und dafür bekommt er Geld. Das Ganze ist pseudo-wissenschaftlich und hat nur den Zweck, die Verschreibung zu fördern und eine finanzielle Vergütung zu rechtfertigen.

Sie haben auch einmal ein Wellnesswochenende von einer Pharmafirma geschenkt bekommen.

Da war natürlich auch meine Frau eingeladen. Getarnt wurde das als Fortbildungsseminar. Das waren dann aber nur 20 Minuten vor dem Mittagessen am Samstag. Ansonsten gab es gutes Essen, Sauna und Pool, alles kostenlos. Das sorgt für eine gewisse Bringschuld seitens des Arztes.

Fortbildungsseminare gelten ohnehin als Einfallstor für die Pharmaindustrie.

In mehrfacher Hinsicht. Da geht es nicht nur um bezahlte Luxusreisen. Das geht subtiler. So lassen sich Kollegen dafür bezahlen, auf diesen Seminaren Produkte bestimmter Hersteller zu loben. Das kommt wissenschaftlich daher, ist jedoch nur Werbung. Aber sie wirkt natürlich viel besser, wenn sie von einem Kollegen kommt, dem man vertraut. Ein Hausarzt aus unserer Gegend macht so etwas. Er hält Vorträge über Zuckerkrankheit, aber es geht immer nur um ein bestimmtes Präparat.

Welche Tricks gibt es noch?

Wir bekommen dutzende Zeitschriften in die Praxis, die alle einen unabhängigen, wissenschaftlichen Eindruck machen. Aber in Wirklichkeit sind das Werbeschriften. Da gibt ist dann im angeblich redaktionellen Teil einen Bericht über eine bestimmte Behandlungsmethode und zwei Seiten weiter wird dann das Präparat beworben. Oder die Praxissoftware: Suche ich nach einem Arzneimittel, poppt plötzlich Werbung für ein Präparat eines bestimmten Herstellers auf. Das kann ich zwar wegklicken. Aber der Name des Präparats setzt sich doch irgendwann bei einem fest.

Viele Ihrer Kollegen würden das bestreiten. Sie behaupten, die Methoden der pharmazeutischen Industrie zu kennen und damit nicht käuflich zu sein.

Das ist ein Trugschluss. Es gibt wissenschaftliche Studien aus den USA und Kanada die belegen, dass sich das Verordnungsverhalten durch das Wirken von Pharmavertretern verändert. Wenn es nicht so wäre, dann würde die Industrie auch nicht so viel Zeit und Geld für die Beeinflussung der Ärzte aufbringen. Aber Sie haben Recht, viele Kollegen äußern Unverständnis über die Ziele unseres Vereins, weil sie sich für nicht korrumpierbar halten.

Ihre Praxis ist für Pharmavertreter geschlossen. Vermissen Sie etwas?

Die Muster fehlen mir schon für Patienten, die wenig Geld haben oder nicht richtig versichert sind. Und ich stelle fest, dass ich über neue Präparate nicht mehr so gut informiert bin. Aber das lässt sich durch das Lesen von wissenschaftlichen Publikationen ausgleichen. Das ist ohnehin sinnvoller.

Brauchen wir neue Strafnormen?

Ich finde, wir haben genug Vorschriften und Gesetze. Letztlich lässt sich das auf diesem Wege nicht regeln, denn es wird immer Möglichkeiten zur Umgehung geben. Jeder Arzt muss sich selber fragen, wem er sich verpflichtet fühlt. Das sollte ja wohl der Patient sein. Der Arzt muss Medikamente und Behandlungsmethoden auswählen, deren Nutzen wissenschaftlich bewiesen ist. Geht es mir um das Wohl der Patienten, ist völlig klar, dass ich mich nicht bestechen lassen darf.

Das Gespräch führte T. Szent-Ivanyi.

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