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Kritik der Weisen: Einig nur im Ziel

Die Wirtschaftsweisen nehmen die Politik der neuen Bundesregierung auseinander. Wir vollziehen die Kritik der Fachmänner an einzelnen Vereinbarungen des Koalitionsvertrags für Sie nach. Von Markus Sievers

Auf dem Tisch des Hauses: Die Bibel der fünf  Weisen.
Auf dem Tisch des Hauses: Die Bibel der fünf Weisen.
Foto: rtr

Berlin. Die schwarz-gelbe Koalition hält trotz der massiven Kritik des Sachverständigenrates an ihren Plänen für Steuersenkungen auf Pump fest. Die Regierung stütze sich auf andere Annahmen als die Wirtschaftsweisen und verfolge eine andere Strategie, um schnell wieder zurück zu Wachstum und damit einem Defizitabbau zu kommen, stellte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm klar. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte aber bei der Übergabe des Gutachtens, man sei sich ja im Ziel einig.

Dagegen wertete die Opposition das Gutachten als Unterstützung. "Die Sachverständigen bestätigen die von uns in der Debatte zur Regierungserklärung der Bundeskanzlerin mehrfach geäußerte Kritik", erklärte SPD-Fraktionsvize Joachim Poß. Auch werde die Vorhersage bestätigt, dass "harte Einschnitte bei den öffentlichen Ausgaben und Steuer- und Abgabenerhöhungen" kommen werden. Die Grünen warfen der Koalition "Beratungsresistenz" vor. "Selbst der geballte wissenschaftliche Sachverstand reicht nicht, um die wirtschaftspolitische Geisterfahrt von Union und FDP zu stoppen", heißt es in einer Erklärung der grünen Bundestagsfraktion. Statt Steuergeschenke auf Pump zu machen, müssten Mittel in Bildung und Innovationen gelenkt werden.

Die Wirtschaftsweisen

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) - so heißen die "fünf Wirtschaftsweisen" offiziell - soll die Politik wissenschaftlich beraten.

Der unabhängige Rat wurde 1963 per Gesetz eingerichtet. Er verfasst und

veröffentlicht seinem gesetzlichen

Auftrag zufolge jedes Jahr Mitte

November ein Jahresgutachten. Darüber hinaus fertigt er Sondergutachten zu

besonderen Problemen an.

Die fünf Mitglieder des Rates werden jeweils für einen Zeitraum von fünf

Jahren vom Bundespräsidenten auf

Vorschlag der Bundesregierung berufen.

Vorsitzender des Gremiums ist der Mannheimer Professor Wolfgang Franz. Mitglieder sind die Professoren Peter

Bofinger (Universität Würzburg),

Christoph M. Schmidt (Ruhr-Universität Bochum), Beatrice Weder di Mauro

(Universität Mainz) und Wolfgang

Wiegard (Universität Regensburg). (ddp)

Die fünf Wirtschaftsprofessoren hatten sich bereits Anfang Oktober während der Koalitionsverhandlungen in einem ungewöhnlichen Schritt mit einer Erklärung zu Wort gemeldet und eindringlich vor Steuersenkungen gewarnt. Damals nahmen sie die Berichte über die laufenden Gespräche zum Anlass, "eine entschlossene Konsolidierung der öffentlichen Haushalte anzumahnen" und für Steuererhöhungen zu werben. In diesem Sinne gaben sie ihrem aktuellen Jahresgutachten den Titel "Die Zukunft nicht aufs Spiel setzen".

Bei Merkels Reaktion spielt ihre Erfahrung mit den Ratschlägen der Regierungsberater aus ihrer ersten Amtszeit eine große Rolle. Schon damals hatten die Sachverständigen einen rascheren Defizitabbau angemahnt. Schwarz-Rot wählte einen anderen Fahrplan, ließ sich mit der Haushaltskonsolidierung Zeit. Dann allerdings betrieb sie diese um so entschlossener und erhöhte - gegen den geballten Widerstand der Ökonomen - die Mehrwertsteuer.

Merkel folgert offenbar daraus, dass sie auch in Zukunft die Hinweise der Wirtschaftsweisen nicht allzu ernst nehmen muss, weil sie damit in der Vergangenheit gut gefahren ist. Ökonomen erklären dagegen den Aufschwung in der ersten Regierung Merkel mit dem ungewöhnlich starken Anziehen der Weltwirtschaft, der hausgemachte Fehler überdeckt habe.

Die Spitzenverbände der Wirtschaft gaben den Sachverständigen Rückendeckung. BDA und BDI forderten gemeinsam die Regierung auf, "eine glaubwürdige und realistische Finanzplanung" vorzulegen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund lobte die Kritik an Steuersenkungen, wies aber die Vorschläge für eine Lockerung des Kündigungsschutzes und die Absage an Mindestlöhne als ideologisch zurück.

Lesen Sie auf den folgenden Seiten, was die fünf Weisen zum Thema Bildung, Banken, Gesundheit und anderen sagen.

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Autor:  Markus Sievers
Datum:  14 | 11 | 2009
Seiten:  1 2 3 4 5 6 7 8
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