Moskau. Magomed Jewlojew wusste, dass er auf russischem Boden gefährlich lebte. Seit Jahren legte sich der Anwalt und Oppositionelle immer wieder mit dem Präsidenten der russischen Kaukasusrepublik Inguschetien an, Murat Sjasikow. Sjasikow wurde von Wladimir Putin zum Präsidenten der westlich neben dem Kriegsgebiet Tschetschenien liegenden Republik gemacht: Der ehemalige Geheimdienstgeneral sollte den Rebellen ihr Rückzugsgebiet in Inguschetien abschneiden.
Unter Sjasikow bekamen staatliche Todesschwadrone grünes Licht im angeblichen Anti-Teror-Kampf. Im Report "Lizenz zum Mord?" vom 18. August dokumentierte die Menschenrechtsorganisation Memorial in Inguschetien allein für das Jahr 2007 die Fälle von 26 vom Geheimdienst und der Polizei ermordeten angeblichen Rebellen. 2008 starben bis Anfang August weitere 26 Männer durch die Sicherheitskräfte - auch hier wurden die meisten Opfer Memorial zufolge schlicht ermordet.
Dissident Jewlojew berichtete mit seinem Internetdienst namens ingushetiya.ru als einziges Medium Inguschetiens über staatliche Morde, Korruption und Wahlfälschung. Nach der russischen Parlamentswahl vom 2. Dezember 2007, bei der offiziell 98 Prozent der Wahlberechtigten für Putin und die Kreml-Partei Geeintes Russland stimmten, startete Jewlojew die Aktion "Ich habe nicht gewählt!" Mehr als die Hälfte aller inguschetischen Wahlberechtigten erklärte schriftlich, sie hätten die Wahl boykottiert.
Anfang Juni verbot ein Moskauer Gericht ingushetiya.ru wegen angeblicher extremistischer Äußerungen. Der auf einem US-Server registrierte Dienst existierte zunächst weiter. Chefredakteurin Rosa Malsagowa floh nach Frankreich und bat um politisches Asyl.
Auch ingushetiya.ru-Besitzer Jewlojew blieb zunächst mehrere Monate lang in Europa. Am vergangenen Sonntagmorgen aber flog er aus Moskau zu einem Familienbesuch nach Inguschetien. Sein Erzfeind, Präsident Sjasikow, saß zufällig wenige Sessel von ihm entfernt, ebenfalls in der Business Class.
Auf dem Flughafen von Inguschetien bestieg Sjasikow seinen gepanzerten Mercedes. Kurz danach sahen rund 15 Freunde und Verwandte Jewlojews aus dem Flughafengebäude, wie der aus dem Flugzeug kommende Jewlojew von schwer bewaffneten Spezialkräften in Anwesenheit des inguschetischen Innenministers in ein gepanzertes Auto gezerrt wurde. Stunden später wurde Jewlojew mit einem Kopfschuss vor dem Krankenhaus der Hauptstadt Nasran aufgefunden und starb während der Operation.
Die Polizei behauptete, Jewlojew habe wegen eines Anschlags auf einen Beamten verhört werden sollen und habe im Auto versucht, einem Polizisten die Maschinenpistole zu entreißen - dabei habe sich ein Schuss gelöst. "Das ist alles erfunden", sagte Jewlojews Anwalt Kaloj Aschilgow der FR. "Es gab keinerlei Ermittlung gegen Jewlojew und keine Vorladung in einem anderen Verfahren. Seine Leiche zeigt, dass die Kugel durch die eine Schläfe ein- und durch die andere wieder austrat. Das ist keine Verletzung durch einen zufälligen Schuss, sondern die Spur einer gezielten Ermordung." Memorial nannte den Tod Jewlojews "einen weiteren Akt staatlichen Terrors".
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