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20. März 2016

Kuba: „Willkommen, Imperium!“

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Die Fahnen von Kuba und den USA können bereits harmonisch nebeneinander existieren – die Menschen brauchen noch etwas Zeit.  Foto: REUTERS

US-Präsident Barack Obama besucht bis Dienstag das restsozialistische Kuba. Viele verbinden mit seinem Besuch den Traum von einer besseren Zukunft.

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Havanna –  

Im Gran Teatro steht Tannhäuser auf dem Programm. Premiere ist nächstes Wochenende. Vor der Kasse des gerade frisch renovierten Schauspielhauses der kubanischen Hauptstadt stehen ein paar Opernliebhaber für Karten an. Manchmal fragt auch jemand nach Billets für eine andere Veranstaltung – in gewisser Weise auch eine Premiere: Dienstag, 22. März, 10.10 Uhr, „Bemerkungen an das kubanische Volk“. Der Vortragende ist ein eher selten gesehener Gast auf der kommunistischen Karibikinsel: US-Präsident Barack Obama. Karten gibt es für seinen Vortrag übrigens nicht zu kaufen.

Historischer Besuch: Obama in Kuba

Vor dem Theater stehen Joel, 30, und seine Freundin Beatriz, 21. „Wenn ich dabei sein könnte, hätte ich ein paar Wünsche an Obama“, sagt Joel. „Dass er das Embargo aufhebt, wäre das Wichtigste. Dass er für politische Veränderungen sorgt“ – dann hält er einen Moment inne und fügt hinzu: „Bei sich und bei uns“.

Joel, schwere Goldkette, Ray-Ban-Sonnenbrille und Muskelpakete unterm knappen T-Shirt, arbeitet in einem Fitness-Studio ganz in der Nähe des Gran Teatro. Seine Kunden sind Touristen, Kuba-Liebhaber, Hängengebliebene und Ausländer, die in hier arbeiten. Sie alle haben, was Joel nicht hat: Devisen. CUC – konvertible Peso, die Währung also, die den Menschen in Kuba Zugang zu den Dingen eröffnet, die es weder auf Bezugsheft noch in staatlichen Geschäften gibt, wo man mit CUP zahlen kann, den kubanischen Peso. Mit denen werden die mehr als drei Millionen Staatsdiener bezahlt. 24 CUP werden für einen CUC getauscht. Also bekommt ein Chirurg umgerechnet 53 Euro im Monat. Joel sagt, er verdiene „ein Vielfaches“ davon. Seine Kunden zahlen in Devisen, also geht es ihm gut, besser als jedem hochqualifizierten Akademiker.

Die Obamas bei ihrer Ankuft am Flughafen in Havanna.  Foto: rtr

Die doppelte Währung ist nur eine der Besonderheiten dieses Tropensozialismus. Aber sie geht den Kubanern besonders auf den Geist, vor allem weil sie in ihr eine Diskriminierung sehen. Ausländer können fast alles kaufen auf der Insel. Ein Kubaner ohne Verwandtschaft in Miami, ohne Kontakt zu Touristen, der in einem Staatsbetrieb arbeitet, weiß nicht, wie er sich und seine Familie satt bekommen soll.

Wenn man in diesen Tagen in Havanna die Menschen zu Obama befragt, hört man immer wieder einen Satz: Er soll Veränderung bringen – „para bien“ – zum Guten. „Zum Schlechten geht ja auch nicht mehr“ – sagt ein junger Mann, der aussieht wie eine lebende US-Flagge: Stars- und Stripes-T-Shirt, Leggings mit demselben Motiv. „Je mehr USA wir haben, desto besser“, sagt er – und lacht: „Willkommen dem Imperium!“ Die Anspielung geht auf Revolutionspensionär Fidel Castro zurück: Der hat die USA wiederholt als „mächtigstes und reichstes Imperiums in der Geschichte der Menschheit“ bezeichnet. Was für Fidel verachtenswert war, ist für den jungen Mann ein Lebenstraum: Internet, freie Jobwahl und eine würdige Bezahlung sind Millionen jungen Kubanern mehr wert als die Parolen von „Sozialismus oder Tod“.

Seit Raúl Castro vor bald zehn Jahren die Macht von seinem kranken Bruder Fidel übernommen hat, hat sich Kuba schneller verändert als das irgendwer für möglich gehalten hätte: Reisefreiheit, wirtschaftliche Selbstständigkeit, Internetcafés, ideologische Abrüstung, mehr Freiheiten. Es kommen US-Touristen trotz Verbots zu Tausenden, es können wieder Briefe zwischen beiden Staaten versendet und Telefonate ohne Umwege über Drittstaaten geführt werden. Bald legen wieder wie einst die Fähren an und landen Linienflüge. Vielen auf der Insel geht der Wechsel dennoch nicht schnell genug.

"Den Yanquis nicht zuviel Spielraum geben"

Anderen geht er wiederum viel zu schnell. Es werde bald alles wieder so wie vor der Revolution von 1959, sagen manche in Havanna schon halb mit Schaudern. Zum Beispiel der 94 Jahre alte Alejandro Ferrás. Er stürmte 1953 mit Raúl und Fidel die Moncada-Kaserne, nach kubanischer Lesart der Beginn der Revolution. Die „Moncadistas“ genießen Heldenstatus. Ferrás sieht die Annäherung skeptisch: „Du darfst den Yanquis nicht so viel Spielraum geben.“ Er hält Daumen und Zeigefinger eng zusammen.

Das junge Kuba: Fitnesstrainer Joel und Beatriz.  Foto: Ehringfeld

Solange aber Fidel lebt und sein Bruder Raúl regiert, bleibt die Annäherung begrenzt. Die Regierung will zwar von den USA profitieren, aber politisch sollen sich die Gringos bitte nicht einmischen. Zur Normalisierung der Beziehungen müsse noch ein „langer und komplexer Weg“ zurückgelegt werden, unterstrich die kommunistische Parteizeitung „Granma“ schon vor gut einer Woche. Dafür müsse zum Beispiel das Embargo beendet werden und Washington die Militärbasis Guantánamo räumen.

Aber im Schatten der Rhetorik passiert schon mehr, als jahrzentelang denkbar war. So genehmigte das US-Finanzministerium vor einem Monat einem kleinen Start-up aus Alabama, in der Freihandelszone Mariel in Kuba künftig Traktoren zusammenzubauen. Horace Clemmons und Saul Berenthal investieren rund zehn Millionen Dollar, das ist die erste einer US-Unternehmung seit 1959 auf Kuba. Nächstes Jahr wollen die beiden mit dem Bau der ersten 300 leichten Landmaschinen beginnen.

Das alte Kuba: Alejandro Ferrás mit seinen Kameraden.  Foto: Ehringfeld

Die Traktoren werden ausschließlich an selbstständige und regierungsunabhängige Kleinbauern verkauft. Das war Bedingung für die Genehmigung, für die Obama ein Schlupfloch im Embargo nutzte, das Investitionen in Bereichen ermöglicht, die unabhängige Aktivitäten zur ländlichen Entwicklung fördern. Langfristig sollen 300 Kubaner bei Clemmons und Berenthal Arbeit finden: „Kuba muss 70 Prozent seiner Nahrungsmittel importieren“, sagte Berenthal dem Wirtschaftsmagazin „Forbes“. „Wir wollen den Bauern helfen, produktiver zu sein,“ betonte der 72-Jährige, der in Kuba geboren wurde und die Insel als Teenager 1960 verließ. „Handel und Gewerbe können Kubaner und US-Amerikaner näher zusammenbringen“, ist er sich sicher.

Mit Obamas Besuch in Havanna bis Dienstag endet nun vorerst ein rasanter Annäherungsprozess, der vor erst 15 Monaten mit der überraschenden Verkündung am 17. Dezember 2014 begann. Kaum ein Kubaner, der dieses Datum nicht im Schlaf aufsagen könnte. Die Diplomatie hat die Demagogie besiegt. Obamas Besuch sei ohne Zweifel historisch, sagt Michael Shifter, Lateinamerika-Experte des Thinktank „Interamerican Dialogue“ in Washington. „Die Zeiten gegenseitiger Feindschaft sind vorbei.“

Den Fitnesstrainer Joel freut das: „Ich will das Beste von beiden Systemen“, sagt er: „Wir haben freie und gute Gesundheitsversorgung und auch eine gute Ausbildung. Aber ich bin Anhänger der Konsumgesellschaft“ – sagt er und prustet los.

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