Die große Veränderung war dem kubanischen Staatsfernsehen am Montagabend nur eine kleine Meldung wert. "Die US-Regierung hat die Beschränkungen für Reisen und Geldüberweisungen von Bürgern kubanischer Abstammung aufgehoben", meldeten die Spätnachrichten.
Hätten die Redakteure die wahren Ausmaße der US-Entscheidung für die kommunistische Karibikinsel realistisch bewertet, sie hätten ihr eine Sondersendung widmen müssen. Obamas Dialog- und Umarmungspolitik könnte das Castro-Kuba schneller in die Krise kuscheln als es ein halbes Jahrhundert Droh-, Isolations- und Sanktionspolitik sowie Dutzende Attentatsversuche gegen Revolutionsführer Fidel Castro je vermocht haben. Kubas Führung warnte schon vor Tagen vor der "ideologischen Herausforderung", die mit der Aufhebung jeglicher Restriktionen für die 1,5 Millionen Kubano-Amerikaner einhergehen könnten.
1961: US-Geheimdienst CIA organisiert die Invasion der Schweinebucht auf Kuba durch Exil-Kubaner. Diese werden von kubanischen Truppen besiegt. 1962: Die USA verhängen ein Wirtschafts-Embargo gegen Kuba. Washington entdeckt sowjetische Raketen auf der Insel - die Kuba-Krise bringt die USA und die Sowjetunion an den Rand eines Atomkrieges. Der sowjetische Regierungschef Chruschtschow zieht die Raketen ab. Bedingung: USA marschieren nicht auf Kuba ein. 1963: Reisebeschränkungen für US-Bürger, die nach Kuba wollen. Kubanische Guthaben werden eingefroren. 1965: Havanna erlaubt Hunderten Kubanern, in die USA zu segeln. Bis 1973 verlassen 250.000 Menschen die Insel. 1977: Der demokratische US-Präsident Carter lockert Reisebeschränkungen. 1982: Der republikanische US-Präsident Ronald Reagan verschärft sie. 2004: Der republikanische US-Präsident Bush verschärft Beschränkungen.
Angst vorm Verlust des Feindes
Es geht um politische und wirtschaftliche Herausforderungen. Zum einen droht den Machthabern in Havanna ein wichtiges Argument abhanden zu kommen, mit dem sie im vergangenen halben Jahrhundert manch eine harte politische Maßnahme begründet haben: der Aggressor USA. Das Embargo und die vielen Sanktionen der zehn US-Regierungen seit Ende der fünfziger Jahre haben Kuba als "Vorwand für Autoritarismus gedient", sagt der kubanische Exil-Ökonom Carmelo Mesa-Lago. Die Vereinigten Staaten seien immer als Feind dargestellt worden, gegenüber dem man stets auf den Verteidigungsfall vorbereitet sein müsse. Dies war einerseits richtig, diente andererseits aber dazu, gegen Oppositionelle vorzugehen, indem man ihnen vorwarf, US-Spitzel zu sein. Das traf aber nur auf einen Teil der Dissidenten zu.
Kommt Miami nach Havanna?
Eine größere Gefahr für die Stabilität des Systems Castro stellen die ökonomischen Veränderungen dar, die mit der Aufhebung der Restriktionen einhergehen. Nach Berechnungen von Wirtschaftsexperten auf Kuba könnten sich nach der Aufhebung der Reisebeschränkungen die Besuche der US-Bürger kubanischer Abstammung auf 400 000 jährlich verdreifachen.
Dies bedeutet einen Zufluss an dringend benötigten Devisen, weil die Verwandten aus Miami und Umgebung nicht nur eine Menge Geld ausgeben, sondern Hunderttausende von Dollar bei ihren Verwandten lassen. Es könnte aber auch eine Dynamik entstehen, vor der sich die kubanischen Machthaber fürchten. Wenn Miami praktisch nach Havanna getragen wird, wird mehr und mehr Kubanern bewusst, was sie entbehren müssen. Dies könnte einen stärkeren Veränderungsdruck auslösen. Dabei geht es nicht in erster Linie um Luxusgüter wie Mobiltelefone, sondern um banale Dinge wie Windeln und Waschmittel.
Dennoch muss Havanna jeder Dollar willkommen sein. Denn wenn 2008 ein schlechtes Jahr für die kubanische Wirtschaft war mit einem Waschstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von nur noch 4,3 Prozent (2007: 7,3 Prozent), so wird 2009 erst recht schwierig: Der Weltmarktpreis für Nickel, der 56 Prozent der kubanischen Exporte ausmacht, sackte um 80 Prozent ab. Ähnlich sieht es beim Zuckerpreis aus. Die größte Gefahr droht aber durch den Einbruch des Ölpreises. Kubas Hauptsponsor Venezuela könnte gezwungen sein, die Lieferungen von 90 000 Fass täglich zu reduzieren oder den Preis zu verteuern.
Zu diesen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise kommen noch die Schäden in Milliarden-Höhe, die von den beiden Wirbelstürmen "Gustav" und "Ike" vergangenes Jahr verursacht wurden. Die Auswirkungen des "Hurrikan Obama", wie manche in Havanna die diplomatische Offensive des US-Präsidenten nennen, könnte noch weitaus größer sein.
Trotz all dieser Gefahren besteht dennoch ein Interesse in der Führung in Havanna an einer Normalisierung der Beziehungen zu den USA. Die Väter der Revolution, die ihr Leben lang nur im Konflikt mit Washington gelebt haben, wollen auch diejenigen sein, die das Ende der Eiszeit einleiten.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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