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Kuba: Die erstarrte Revolution

Vor 50 Jahren stürzte Fidel Castro Diktator Batista. Wohin führte der kubanische Weg? Eine kritische Würdigung. Von Karl Grobe

Was ist Revolution?, fragt dieses Plakat mit dem Konterfei Fidel Castros in Havanna. Weil der Maximo Líder selten eine Antwort schuldig bleibt, folgt sie prompt - gewohnt wortreich.
"Was ist Revolution?", fragt dieses Plakat mit dem Konterfei Fidel Castros in Havanna. Weil der Maximo Líder selten eine Antwort schuldig bleibt, folgt sie prompt - gewohnt wortreich.

Fidel Castro in Havanna! Die Nachricht zündete. Die Studenten, die gerade in Westberlin über Atomrüstung und Wiedervereinigung debattierten, waren informiert. Die meisten; nur wenige fragten nach: Fidel wer? Danach war die Begeisterung groß.

Nicht so sehr bei denen in Ostberlin; es gab da 1959 noch keine Mauer, man konnte sich treffen, reden und streiten. Die skeptischen Mienen derer im FDJ-Blauhemd entsprachen ihrem Argument: Ja, natürlich, da wird es wohl ein Ende haben mit der Verwandlung Kubas in ein Bordell, eine Spielhölle, ein Schieberparadies der Yankees; aber dieser Castro ist doch kein Genosse. Muss er nicht sein, konterten wir, aber die Veränderung war längst fällig. Das wussten alle.

Dass Kuba unter Fulgencio Batista, der nun unter Mitnahme der Staatskasse retirierte, ein übler Polizeistaat war und dass es nur besser werden konnte, war Allgemeingut der Bundesrepublikaner, sofern sie sich für karibische Angelegenheiten interessierten.

Den Ansprüchen der Freunde in der DDR genügte Fidel erst anderthalb Jahre später. Da bekannte er, "schon immer" Marxist gewesen zu sein; da schmolz er seine Rebellenbewegung mit einer radikalen Partei zur Einheitsorganisation zusammen; da ließ er den umfangreichen Grundbesitz der United Fruit ("Mamita Yunai") verstaatlichen; da war Kuba also Arbeiterstaat geworden. Aber nicht die Arbeiterklasse hatte die Macht inne, sondern ein wuchernder bürokratischer Apparat. Wenn das Sozialismus war, so nun nach einem leninistisch verfremdeten Lehrbuch, dem zwei Kapitel fehlten: Jenes über Emanzipation und freie Entwicklung eines jeden und jenes über Spontaneität.

Weil das Letztere fehlte, sagte der Argentinier Ernesto Guevara ("Che") Adios. Spätere Makel des Systems hinterließen auf seinem ikonischen Bild keine Flecken.

Die Makel zu relativieren indes war eine leichte Übung, nach dem Invasionsversuch in der Schweinebucht und nach der weltkriegsschwangeren Raketenkrise von 1962. In beiden Krisen hatte sich die US-Regierung (John F. Kennedy) ins Unrecht gesetzt, so sehr sie auch das Unrecht der Enteignung amerikanischen Besitzes anprangerte, so wenig sie auch dulden konnte, dass der sowjetische Weltrivale Raketen direkt gegenüber Florida stationierte.

Folge beider Krisen war die strategische Unantastbarkeit des Castro-Staates: Cuba sí, Yanqui no. Daraus wiederum folgte die Dauer-Konfrontation mit den USA einschließlich Handels- und Reiseverboten durch Washington, an die sich weder Kanada noch die meisten europäischen und lateinamerikanischen Staaten je hielten. Und die letzte Konsequenz war eine engere, zuletzt strangulierende Bindung an die Sowjetunion und die Erstarrung des Regimes. Siempre Fidel (Castro für immer) sollte an die Permanenz der Revolution erinnern, bedeutete aber vor allem die Versteinerung des persönlichen Regimes. Es hat nicht nur neun US-Präsidenten überlebt, sondern auch dynamische Veränderungen wie bei den lateinamerikanischen Nachbarn vermieden, Militärdiktaturen, Linkswendungen und die sozial verheerenden Wirkungen der Wirtschaftspolitik nach dem Drehbuch der Chicago-Schule.

Kuba ist arm geblieben. Familieneinkommen von 15 bis 45 Euro im Monat belegen das. Subventionen gleichen vieles aus, aber sie bedeuten auch gnadenlose Rationierung der - dann spottbilligen - Nahrungsmittel und des Grundbedarfs. Andererseits: Weltbank-Präsident James Wolfensohn hat Kuba bedeutende Leistungen bescheinigt. Die Kindersterblichkeit ist fast so gering wie in Mitteleuropa. Das Bildungswesen stellt die Ergebnisse solcher Staaten wie Brasilien, Argentinien oder Chile weit in den Schatten, und das gilt selbst für die medizinische Versorgung. Freilich liegen Welten zwischen dem kubanischen und dem nordamerikanischen Niveau.

Kuba exportiert nicht nur Rohmaterial wie Zucker und Nickel, Tabak und Rum, sondern auch Lehrer und Ärzte; es hat seine Kritiker, wo nicht eingesperrt, nach Florida exportiert; es exportiert nicht, was der Traum des Che war: ein revolutionäres Modell. Es revolutioniert sich auch nicht selbst. Es bringt keine wirkliche Agrarreform, keinen vom Dollar unabhängigen Dienstleistungssektor hervor. Es erlaubt keine Offenheit; das ist die schwerste Hypothek.

Autor:  KARL GROBE
Datum:  30 | 12 | 2008
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