Herr Lafontaine, die erste Frage klingt banal, aber sie hat einen ernsten Hintergrund: Wie geht es Ihnen?
Mir geht es gut. Ich habe Glück gehabt und bin mit der Genesung sehr zufrieden.
Aber es ist zu früh, um sagen zu können, der Krebs ist besiegt?
Ja, Es stehen noch die üblichen Nachuntersuchungen aus. Aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der Krebs nicht gestreut hat, und das ist die entscheidende Frage.
Sind Sie froh, dass Sie mit dieser Krankheit jetzt einen zwingenden Grund hatten, zu sagen: Ich höre auf?
Nein, das kann ich so nicht sagen. Ich bin nun mal ein politisches Tier, und das Aufhören fällt mir nicht leicht. Aber wenn solch eine existenzielle Situation eintritt, muss man sich entscheiden. Und das habe ich getan.
Auftritte auf Wahlkundgebungen werden Sie nicht vermissen?
Ich werde bestimmt auch künftig noch auf Wahlveranstaltungen sprechen, nur nicht mehr auf so vielen wie bisher.
Aber Sie haben sich doch sehr wohl gefühlt auf der großen politischen Bühne, die Sie nun verlassen. Ist da keine Wehmut im Spiel?
Ich war ja schon einmal sechs Jahre weg von dieser Bühne und kenne die Situation. Ich glaube, in der Öffentlichkeit ist immer nur eine Seite meiner Person wahrgenommen worden, das politische Tier. Die andere Seite ist, dass ich mich sehr interessiere für Literatur, für die Natur. Ich glaube nicht, dass die Bühne so entscheidend für mich ist. Jeder Mensch ist eitel und freut sich, wenn er Zuspruch hat. Menschsein heißt ja auch, um den Zuspruch anderer zu werben. Aber letztendlich darf es auch in der Politik nie so weit kommen, dass man, wenn man ein politisches Amt verliert, mit leeren Händen dasteht und nichts mehr mit sich anzufangen weiß.
Aber Ihre letzte Auszeit hat Sie ja am Ende zurück auf die Bühne geführt ...
Das stimmt. Aber jetzt ist es definitiv so: Ich will nicht mehr in die erste Reihe.
Wenn man sich den Erfolg der Linken ansieht, wenn man hört, wie nun alle Welt einschließlich der Kanzlerin eine Kontrolle der Finanzmärkte fordert - dann können Sie doch genüsslich sagen: Ich habe recht behalten.
Ja, das kann ich sagen. Aber dafür kann ich mir nichts kaufen. Wir hätten mehr davon, wenn unsere politischen Gegner zugeben würden, dass all diese Vorschläge: Keynesianismus, Europäische Wirtschaftsregierung, Finanzmarktregulierung, von der Börsenumsatzsteuer bis zum Verbot des Handels mit Giftpapieren, die jetzt in aller Munde sind, lange Zeit allein von der Linken gegen heftige Widerstände vertreten wurden. Gerade wegen dieser Vorschläge sagten die Neoliberalen: Die Linke versteht nichts von Wirtschaft.
Also, halten wir fest: Sie haben in vielem recht behalten. Haben Sie auch Fehler gemacht?
Natürlich. Es war zum Beispiel ein Fehler, dass ich 1998 das Finanzministerium übernommen habe. Ich habe da meine Möglichkeiten überschätzt. Mein Rücktritt, der auch auf die gewaltigen Widerstände gegen die Finanzmarktregulierung zurückzuführen war, hat ja auch dazu geführt, dass der Sozialabbau in der Bundesrepublik sich immer weiter verschärft hat. Ich bin nicht so vermessen zu sagen, ich hätte das alles verhindern können. Aber ich muss mir schon die Frage stellen, ob die Politik nicht teilweise einen anderen Verlauf genommen hätte...
... wenn Sie statt Gerhard Schröder Kanzler geworden wären. Das heißt, schon das Abtreten der Kanzlerkandidatur an Schröder war ein Fehler?
Ja, in der Rückschau schon. Aber dafür gab es ein politisches Motiv. Schröder hatte damals die größeren Zustimmungswerte in der Öffentlichkeit. Ich wollte sicherstellen, dass wir die Wahl gewinnen, und nicht aus Eitelkeit darauf bestehen, der Parteivorsitzende, also ich, muss das machen. Aber das war falsch. Ich musste dann feststellen, dass Schröder politisch-inhaltlich einen Weg gegangen ist, den ich für nicht vertretbar halte.
War es aber dann nicht auch ein Fehler, den Posten des SPD-Vorsitzenden zu räumen? Da hätten Sie doch den Widerstand der Partei organisieren können, wie es einst Willy Brandt gegen den Nachrüstungs-Kanzler Helmut Schmidt getan hat?
Entscheidend für mich war, dass nach unserer Verfassung der Kanzler die Richtlinien der Politik bestimmt. Es hätte zu keinem guten Ergebnis geführt, wenn da ein SPD-Vorsitzender gewesen wäre, der dem Kanzler ständig hineinregiert hätte. Das war damals meine Überlegung. Ob man aus heutiger Sicht sagen kann, ich hätte das auf mich nehmen sollen, ist eine andere Frage.
Es gab ja das Beispiel Brandt und Schmidt ...
Aber die hatten nie so gravierende inhaltliche Konflikte wie Schröder und ich. Dessen Politik war eben vor allem eine Anpassung an den neoliberalen Zeitgeist.
Haben Sie tatsächlich seit diesem Bruch vor elf Jahren nie wieder mit Gerhard Schröder gesprochen?
Das stimmt.
Würden Sie gern?
Ich habe ja schon mal gesagt, dass ich damit kein Problem habe. Als im vergangenen Jahr meine Erkrankung publik wurde, hat mir Doris Schröder-Köpf gute Besserung gewünscht. Das zeigt schon, dass das Verhältnis sich etwas entspannt hat.
Aber daraus hat sich nicht mehr entwickelt? Dass zum Beispiel Ihre Frau und Frau Schröder, die ja auch befreundet waren, wieder Kontakt zueinander haben?
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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