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Landflucht: Der Provinz fehlt der Märchenprinz

Vor allem der ländliche Raum leidet dramatisch unter einem Rückgang der Bevölkerung. Eine Studie zeigt aber auch, wie sich dieser Trend stoppen lässt. Die Zukunft der Dörfer liegt vor allem in mehr Kooperation.

        

Und aus den Wiesen steiget, der Weise Nebel wunderbar. Die Menschen verlassen das flache Land. Die Infrastruktur kämpft ums Überleben.
Und aus den Wiesen steiget, der Weise Nebel wunderbar. Die Menschen verlassen das flache Land. Die Infrastruktur kämpft ums Überleben.
Foto: Imago

Seit Jahrhunderten strömen junge Menschen vom Land in die Städte, auf der Suche nach einem besseren Leben. Den Heimatdörfern ging das selten an die Substanz, weil es genug Nachwuchs gab. Das hat sich gewandelt: „In keiner einzigen ländlichen Region Deutschlands gleicht die Geburtenzahl den Bevölkerungsschwund mehr aus“, sagte Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung am Montag in Berlin.

Ganz Deutschland verliert Einwohner – im Jahr 2050 leben voraussichtlich zwölf Millionen Menschen weniger hierzulande – aber auf dem Land verläuft diese Entwicklung schneller und radikaler als bisher gedacht. Das ist ein Ergebnis der Studie „Die Zukunft der Dörfer – zwischen Stabilität und demografischem Niedergang“, die Klingholz zusammen mit Klaus Töpfer vorstellte. Der ehemalige Bundesumweltminister Töpfer ist Vorstandsvorsitzender der aus thüringischen Landesmitteln finanzierten Stiftung Schloss Ettersburg, die Strategien für eine Gesellschaft im demografischen Wandel sucht.

Vorschläge

Was zu tun ist – unter dieser Überschrift machen die Forscher des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung den Kommunen Vorschläge.

Information: Fürs Erste sei es wichtig, die Bürger ländlicher Gebiete offen über die Folgen des demografischen Wandels zu informieren.

Infrastruktur: Kostentreibende Vorschriften, etwa der obligatorische Anschluss von Dörfern an eine zentrale Kläranlage, sollten künftig unterbleiben, empfiehlt die Studie.

Zusammenschluss: Sinnvoll sei auch ein Zusammenschluss von Dörfern in Großgemeinden, um die knappen Güter sinnvoller einzusetzen. Fördermittel sollten in Regionalkontingenten gebündelt und den Regionen ohne detaillierte Zweckbindung zur Verfügung stehen.

Rückbaufonds: Die Wissenschaftler empfehlen einen Kapitalstock anzulegen, mit dem der Rückbau von Dörfern und der Abriss leerstehender Gebäuden, die die Orte verschandeln, finanziert wird.

Umzugprogramm: Für Orte mit nur noch wenigen, älteren Bewohnern sollen Programme entwickelt werden, die Umzugswillige finanziell dabei unterstützen, sich eine stadtnähere Wohnung zu suchen.

Dramatisch ist die Entwicklung in Ostdeutschland. Im Untersuchungszeitraum der Studie zwischen 2003 und 2008 verloren dort fast zwei Drittel der ländlichen Gemeinden mehr als fünf Prozent ihrer Einwohner. Zum Vergleich: Der deutsche Mittelwert, wieder bezogen auf zwei Drittel der Dörfer, lag bei gut einem Prozent Schwund. Aber auch im Westen sind einige Regionen stark betroffen. Dazu zählen Gemeinden in der Hocheifel, in der Südwestpfalz und der Oberpfalz udn im Bayerischen Wald.

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Die Dörfer haben ihre traditionelle Funktion, das Wohnen in der Nähe ländlicher Arbeitsplätze, weitgehend eingebüßt. Dazu trägt nicht nur die automatisierte landwirtschaftliche Produktion bei, sondern auch die Stilllegung von Betrieben. Exemplarisch ist die Entwicklung entlang der ehemaligen westlichen Zonengrenze: Bis zur Wende gab es dort hoch subventionierte Fabriken mit tausenden Beschäftigten. Als die Förderung entfiel, waren auch die Stellen weg. Viele Menschen verließen die Gegend auf der Suche nach Lohn und Brot.

Neue Arbeitsplätze entstehen vor allem in den Metropolen, dort, wo die welthungrigen jungen Leute bevorzugt hinströmen. Daher werden zahlreiche urbane Zentren ihre Einwohnerzahl wohl auch in Zukunft stabil halten oder sogar erhöhen können.

Von diesem Trend profitieren auch die umliegenden ländlichen Gemeinden. Solange die Fahrent-fernung zur Stadt nicht mehr als 20 Minuten beträgt, bleibt die Einwohnerzahl stabil, sind mehr als 40 Minuten zu fahren, sinkt sie rapide. Allerdings sei dieser Effekt nur im Westen Deutschlands zu beobachten, heißt es in der Studie. In Ostdeutschland schrumpfen viele Siedlungen bereits innerhalb der 20-Minuten-Zone. Dennoch sei die Geografie deutschlandweit entscheidend: Je weiter weg von einer zentralen Stadt gelegen, desto stärker bluten die kleinen Orte aus.

Es gebe allerdings auch Schutzfaktoren, sagte Reiner Klingholz: Schöne Dörfer in idyllischer Lage mit einem regen Vereinsleben seien sogar attraktiv für Zuzügler. Dies zeigt sich in der Studie bei einem detaillierten Vergleich zweier Regionen: des hessischen Vogelbergkreises und des thüringischen Landkreises Greiz.

Die grundgesetzlich verankerte Gleichheit der Lebensbedingungen könne angesichts des rapiden demografischen Wandels nicht mehr landesweit garantiert werden, heißt es in der Studie. Der Bevölkerungsschwund auf dem Land werde sich in den kommenden Jahren deutlich beschleunigen und zahlreiche Dörfer in ihrer Existenz gefährden. Die Infrastrukturkosten, etwa für Wasser, Abwasser und Müllentsorgung, müssen auf immer weniger Menschen verteilt werden, die Immobilienpreise fallen in manchen Gegenden dramatisch, immer mehr Schulen und Geschäfte schließen. „Es ist Zeit, hier und da an einen geordneten Rückzug zu denken“, sagte Klingholz. Der dürfe jedoch nicht von oben verordnet werden, das rufe nur Widerstand hervor, wichtig sei vielmehr die Bürgerbeteiligung.

Ein Abgesang auf das Dorf ist die Studie keineswegs. Im Tourismus und vor allem in der Nutzung von Biomasse, Erdwärme, Wind- und Sonnenenergie sehen die Autoren große Zukunftschancen. Nur auf dem Land gebe es die notwendigen Flächen, um regenerative Energien gewinnbringend zu nutzen. So gesehen hat das Dorf Konjunktur. Es könnte sogar ein weltweites Zukunftslabor werden, denn der demografische Wandel betrifft viele Länder.

Autor:  Lilo Berg
Datum:  29 | 11 | 2011
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