Rudi Gems hat Rosen verteilt und Plakate geklebt, er ging von Haustür zu Haustür und zu jeder Ortsvereinssitzung. "Aber meine Liebe zur Partei wurde bitter enttäuscht", sagt der 58-Jährige. Seine Partei - das war jahrzehntelang die SPD. Am 27. September hat der Schnurrbartträger aus dem münsterländischen Bocholt nahe der holländischen Grenze die Piratenpartei gewählt.
Gems ist einer von zehn Millionen ehemaligen Sozialdemokraten, die die SPD seit der Wahl 1998 verloren hat. Er hat eine klassische Arbeiterbiografie. Ein Werkzeugmacher wie er schien beinahe dazu geboren, die SPD zu wählen.
"Ich habe gehofft, die SPD würde die Arbeitszeit verkürzen", sagt er heute. Er glaubte, Kanzler Gerhard Schröder könne gute Arbeit für alle schaffen. Stattdessen kam die Agenda 2010 mit allerlei Auflagen für Arbeitslose. Gems hat selbst zweimal darunter gelitten. Zweimal wurde er entlassen, weil in seinem Betrieb Roboter die Arbeit übernahmen. In der Nacht, als die Hartz-Gesetze beschlossen wurden, trat Gems aus der SPD aus und kurz darauf in die Wahlalternative WASG ein, die später Teil der Linken wurde.
"Wir haben viel Vertrauen verspielt"
Die Agenda 2010. Noch heute stößt der technokratische Titel der rot-grünen Reformen in den SPD-Ortsverbänden auf Verachtung. Aus ihrer Sicht hat sie die meisten Wähler vergrault. Die Partei weiß nicht, wo sie nach den ehemaligen Wählern suchen soll. Die Ex-Fans ausfindig zu machen, sei ihm nun nicht auch noch zuzumuten, sagt der Duisburger SPD-Geschäftsführer, Jörg Lorenz. Dabei müssten sie in der Stahlstadt leicht zu finden sein. Seit 1998 hat die SPD hier Zehntausende ihrer Wähler eingebüßt.
Die Ruhrgebietskommune war zuvor eine sichere Bank für die Genossen. "Wir haben viel Vertrauen verspielt", sagt Lorenz. Da sind sie wieder, die heiklen Themen, Agenda 2010 und Rente mit 67. Aber Lorenz ist optimistisch. "Die Nichtwähler sind leichter zurückzugewinnen als die, die wir an andere Parteien verloren haben", glaubt er.
In Nordrhein-Westfalen müssen sich die Genossen beeilen: Hier findet im Mai 2010 die Landtagswahl statt. Im Augenblick liegen das schwarz-gelbe und das rot-rot-grüne Lager gleichauf. Nur wenn die alten SPD-Sympathisanten an die Urne gehen, hat die Partei eine Chance. Wo waren sie bei der Bundestagswahl? "Bei der Kommunalwahl waren sie noch alle da", sagt die Herner Schatzmeisterin Anke Hildenbrand. Tatsächlich haben bei der Wahl der Oberbürgermeister vier Wochen vor der Bundestagswahl 13 Prozent mehr Wähler für die SPD gestimmt als am 27. September. "Wir waren richtig schockiert über die Zahl", sagt Hildenbrand.
Die Genossen, das waren die Guten
Früher waren die Genossen im Ruhrgebiet beliebt. Die SPD war in Vereinen aktiv, in der Arbeiterwohlfahrt, in Seniorenheimen. Geschlossen gingen ganze Straßenzüge zur Wahl. Die Genossen, das waren die Guten, die, die sich um die Bergmänner und Arbeiterfamilien an Rhein und Ruhr kümmerten. Heute sind die SPDler neidisch auf die Gewinne der Linken. "Ich kann auch Freibier für alle versprechen", sagt Hildenbrand aufgebracht. Aber sie, die Sozialdemokraten, hätten eben echte Politik zu vertreten.
Klaus Strehl sieht seine Verluste gelassen. Der neu gewählte Bürgermeister von Bottrop glaubt, die SPD-Wähler seien einfach auf der Couch sitzen geblieben. "Aus Verärgerung", sagt der Mittsechziger frei heraus. Es seien rein emotionale Entscheidungen gewesen. Der pensionierte Verwaltungswirt hat seit Jahren den Niedergang seiner Partei verfolgen können.
Die Partei hatte in der gut 100.000 Einwohner starken Stadt am nördlichen Rand des Ruhrgebiets einmal mehr als 4000 Mitglieder. Heute sind es noch 1800. Kamen früher zu jeder kleinen Ortsverbandssitzung 120 Leute, muss heute schon ein interessantes Thema geboten werden, damit sich 30 Menschen einfinden. Strehl denkt deswegen pragmatisch, will Ortsverbände zusammenlegen. "Wir könne uns diesen großen Apparat doch nicht mehr leisten", sagt er nüchtern.
Eine herausragende Persönlichkeit gibt es nicht in der SPD
Es gibt aber auch neue Anhänger. In vielen Städten hat das niederschmetternde Ergebnis der SPD bei der Bundestagswahl der Partei neue Mitglieder beschert. Allein in Nordrhein-Westfalen sind seit dem Wahldebakel mehr als 500 neue Genossinnen und Genossen beigetreten. Aus Trotz, aus Solidarität mit der ältesten deutschen Partei. Auch Marion Petry hat sich nach der ersten Hochrechnung an den Computer gesetzt und im Internet das Beitrittsformular ausgefüllt.
"Ich komme ja aus einer alten SPD-Familie", sagt die Duisburgerin. Der Großvater, der Vater, alle seien sie Mitglied gewesen. Über das Wahlergebnis am 27. September sei sie schockiert gewesen - obwohl sie selbst die Linke gewählt hat. "Es war eine Protestwahl", sagt sie. Außerdem sei sie dem "großen Sozialdemokraten" Oskar Lafontaine gefolgt. So eine herausragende Persönlichkeit gebe es in der SPD nicht.
Doch im Grunde, da ist sich die 46-jährige Sekretärin sicher, brauche Deutschland eine starke SPD, die dafür sorgt, dass privat Versicherte nicht besser behandelt werden als gesetzlich Versicherte und die für eine gute Schule für Kinder aus allen Schichten sorgt. "Die Partei hat diese große Historie", sagt Petry. "Ich möchte sie nicht untergehen sehen."
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