Kunden verschiedener Banken, deren Kreditkarten-Abrechnung von dem Finanzdienstleister Atos Worldline bearbeitet wurden, sind nach Informationen der Frankfurter Rundschau von illegalen Abbuchungen betroffen. Atos stellt für den größten Kreditkartenvergeber Deutschlands, die Berliner Landesbank LBB, regelmäßig Abrechnungen her.
Ob die Missbrauchsfälle etwas mit dem Daten-Paket zu tun haben, das der FR am Freitag zugespielt wurde, ist unklar. Die Polizei Frankfurt schließt nicht aus, dass mit den Zehntausenden Kreditkarten-Daten illegale Käufe im Internet getätigt wurden. "Wir können das im Moment nicht ausschließen", sagte Polizeisprecher Karlheinz Wagner am Sonntag. Derzeit lägen keine Anzeigen vor.
Das Paket, das am Freitag bei der FR einging, hat bundesweit Erschütterung über die Unsicherheit von Daten ausgelöst. Bald kursierten unterschiedliche Versionen über den Inhalt. Die Polizei bestätigte alle Berichte der FR, wonach sich in dem Paket auch Geheimzahlen (PIN) von Kunden befanden und widerlegte damit anderslautende Stellungnahmen der Berliner Landesbank. Die Geheimnummern waren in geöffneten Briefumschlägen, auf denen Namen und Adressen der Kunden lesbar waren. Es handelte sich um einen Stapel von Retour-Briefen, die offenbar per Post zurückkamen. Wie viele Briefe in dem Paket waren, konnte die Polizei am Sonntag nicht sagen. Zudem befanden sich in dem Paket stapelweise Mikrofiches - durchsichtige Folien, auf denen Zehntausende Daten gespeichert waren: Es waren die Namen und Adressen der Kunden, Konto- und Kreditkartennummern sowie alle getätigten Kaufaktionen mitsamt dem entsprechenden Geldbetrag.
Nach Informationen der FR ist es bereits zu kriminellen Abbuchungen bei Kunden gekommen, deren Daten vom Finanzdienstleister Atos Worldline bearbeitet wurden. Bei der FR gingen Schreiben von Kunden aus ganz Deutschland ein, von deren Konten Unbekannte Beträge bis zu 5000 Euro abgebucht hatten.
Auch ein entsprechendes Warnschreiben der Firma Atos an die betroffenen Kunden liegt der FR vor. In dem Schreiben vom 4. Dezember 2008 warnt die Firma: "Wir haben (...) Anfragen auf ihrem Kreditkartenkonto aus dem Internet festgestellt" und bittet Kunden um Rückruf. Begründung: "Zur Zeit kommt es in diesem Bereich vermehrt zu Kreditkartenmissbrauch." Der Brief ist von einem Mitarbeiter der Abteilung "Risk Control" unterschrieben. Betroffen sind nach FR-Informationen nicht nur Kunden der Berliner Landesbank, sondern Kreditkartenbesitzer quer durch die Republik. Den Kartenverkehr wickeln viele deutsche Banken über die LBB ab.
Schreiben von Kunden, von deren Konten illegal abgebucht wurde, liegen der FR vor. Betroffen sind demnach Karten von der DiBa-Bank, die Amazon-Karte der LBB, die ADAC Gold Mobile Doppel-Karte, Amazon-Visa und Amazon-Webmiles-Karte. Die DiBa werde nicht von der Landesbank Berlin betreut, sagte ein Sprecher. Inhabern der betroffenen Kreditkarten rät die Polizei, sich sehr genau die Abrechungen anzusehen und bei Unregelmäßigkeiten sofort die Bank zu kontaktieren.
Auf den Mikrofiches, die der FR zugespielt wurden, waren unter vielen anderen auch folgende Bankleitzahlen erkennbar: 760 100 85 Postbank Nürnberg, 426 501 50 Kreissparkasse Recklinghausen, 380 707 24 Deutsche Bank 24, 266 500 01 Sparkasse Emsland, 370 502 99 Kreissparkasse Köln und 250 905 00 Spardabank Hannover. Die Firma Atos gibt zu dem Fall keine Stellungnahme ab. Atos-Geschäftsführer Erik Koefoed sagte der FR: "Ich kann keine Informationen geben, da es sich um laufende Ermittlungen handelt."
Bei der Berliner Landesbank ging am Wochenende eine Flut von besorgten Anfragen ein. Call-Center mussten personell verstärkt werden. In nächtlichen Krisensitzungen versuchten die Verantwortlichen derweil, zu rekonstruieren, was passiert war.
Die Zahl der Missbrauchsfälle mit Kreditkarten sei in den letzten anderthalb Jahren deutlich gestiegen, teilte die Landesbank am Sonntag mit. In diesem Jahr habe auch das vierte Quartal eine höhere Rate von Missbrauchsfällen als das dritte. Dies sei aber ein weltweites Phänomen.
"Wir weisen darauf hin, dass aus Missbrauch resultierende Schäden bei uns nicht vom Kunden zu tragen sind", sagte Bank-Sprecher Marcus Recher der FR. Dies sei in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Landesbank Berlin geregelt.
Wegen des aktuellen Datendiebstahls habe die Landesbank zudem beschlossen, die Sicherheit ihrer Kundendaten von externen Sachverständigen prüfen zu lassen. Man arbeite eng mit den Ermittlungsbehörden und Datenschutzbeauftragten des Landes Berlin zusammen. Andere Lieferungen seien nicht abhanden gekommen, so die Bank. In der Weihnachtszeit gebe es nahezu täglich Mikrofiche-Lieferungen von Frankfurt nach Berlin. Die Polizei sucht nun den Kurier.
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