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13. Dezember 2012

Leben im Wohnwagen: Hartz-IV-Empfänger auf dem Campingplatz

 Von Petra Pluwatsch
"Glücklich macht dieses Leben keinen von uns", sagt Dominic. Der 28-Jährige steht vor dem Wohnwagen, den er mit seiner Mutter Elke bewohnt. Der Tod des Vaters und ein Streit um das Erbe hat die beiden aus der Bahn geworfen.  Foto: Berliner Zeitung/Petra Pluwatsch

Auf einem Campingplatz im Bergischen Land leben Dutzende Hartz-IV-Empfänger in Wohnwagen – dauerhaft. Wer hier landet, ist nicht weit entfernt von der Obdachlosigkeit.

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LOHMAR –  

Elke hat wenig mitgenommen aus ihrem ersten Leben. Den Kleiderschrank, in dem das Geschirr untergebracht ist. Die Vitrine mit dem Nippes. Ein paar Stühle. Den Glastisch und den eisernen Kerzenhalter, der etwas schief von der Decke hängt. Und den großen Fernseher natürlich.
58 Jahre alt wird Elke in wenigen Wochen, eine schwere Frau mit müden Gesichtszügen, die ihr Berufsleben damit verbracht hat, fremde Häuser zu putzen. „Stört es Sie, wenn ich rauche?“, fragt sie.

Vor dem Fenster bullert ein fahrbarer Heizofen gegen die Kälte an. Die Luft in dem 30 Quadratmeter großen Wohnwagen ist klamm. Es riecht nach Rauch und Hund und feuchter Kleidung. Die Agger, ein schmales Flüsschen, fließt nur wenige Meter entfernt von Elkes Parzelle vorbei. In den vergangenen Tagen ist der Wasserpegel gestiegen. Jeden Tag ein bisschen höher. Elke ist besorgt. „Was, wenn der Platz unter Wasser steht und wir rausmüssen? Wo sollen wir dann hin?“ Elke hat viele Häuser von innen gesehen. Die Häuser anderer Menschen. Elke lebt nicht in einem Haus. Sie haust in diesem Wohnwagen.

Vor sechs Wochen sind sie und ihr Sohn Dominik auf diesem Campingplatz untergekommen. Rhein-Sieg heißt er, liegt unweit von Lohmar, einem Städtchen in Nordrhein-Westfalen. 170 Stellplätze, fünf Duschen, fünf Toiletten, zwei Pissoirs, ein Café, wo es auch belegte Brötchen gibt. 70 der Stellplätze sind für Dauercamper wie Elke und Dominik reserviert, 65 davon derzeit belegt.

Ein Rest Stolz

Das Regenwasser der vergangenen Tage steht in tiefen Pfützen auf den Wegen, Deutschlandfahnen hängen an Stangen. Hinter Holzzäunen grinsen Gartenzwerge und Indianer aus Plastik. „Es hätte schlimmer kommen können“, sagt Dominik. Der Tod des Vaters vor elf Monaten warf Mutter und Sohn aus der Bahn. Ungeklärte Erbstreitigkeiten mit der Schwägerin kosteten sie das Haus in der Nähe von Köln, in dem sie jahrelang wohnten. „Wir sind ausgezogen, um weiteren Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen“, sagt Elke. Eine bezahlbare Wohnung, beteuert sie, fand sich trotz monatelanger intensiver Suche nicht. Mutter und Sohn beziehen inzwischen beide Hartz IV.

Ein Schufa-Eintrag – eine Erinnerung an die Schulden des verstorbenen Mannes – macht die Wohnungssuche nicht einfacher. „Wer nimmt uns denn? Und dann noch der Hund“, sagt Elke. Der gehörte dem Verstorbenen, ein Grund mehr, das Tier zu behalten. „Wenn Sie den Köter abschaffen, bekommen Sie eine Wohnung“, habe man ihr auf dem Amt gesagt, berichtet sie voller Zorn. „Da bin ich sofort gegangen.“

In eine städtische Notunterkunft, die man ihr dann anbot, wollte sie aber erst recht nicht ziehen. „Ein bisschen Würde habe ich noch“, sagt Elke. „Lieber schlafe ich im Auto, als dass ich in ein Obdachlosenheim ziehe.“ Im Internet fanden Mutter und Sohn schließlich den Campingplatz Rhein-Sieg. Er ist einer der wenigen in Deutschland, der nach amerikanischem Vorbild voll eingerichtete Wohnwagen an Dauercamper mit wenig Geld vermietet und das ganze Jahr über geöffnet hat.


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Etwa die Hälfte der ständigen Gäste beziehen Hartz IV, einige weitere erhalten „aufstockende Leistungen“ vom Amt. Gelegentlich schickt die Bundesagentur für Arbeit sogar Hartz-IV-Empfänger aus Köln und dem Ruhrgebiet in die Wagenkolonie. Menschen wie Peter, 30, der vor einigen Wochen aus dem Knast entlassen wurde und jetzt ein Vorstellungsgespräch bei einer Sicherungsfirma hat. Oder sein Kumpel Werner, 22, der in Italien Putzmittel vertickte und im vergangenen Monat ohne einen Cent in Deutschland ankam. Jetzt sucht er Arbeit. „Ich bin da nicht wählerisch.“ Andere Bewohner schlagen sich mit Minijobs und kleinen Renten durchs Leben.

Wie viele solcher Campingplätze es in Deutschland gibt, weiß niemand. Auch die Arbeitsagentur hat keine Zahlen. Sicher ist nur: Wer hier landet, der ist unter den Armen der Ärmste, nur einen Schritt entfernt von Obdachlosigkeit. Geld hat hier keiner. Nur noch einen Rest an Stolz. Und so ist der Platz hier draußen auch ein Symbol für eine Gesellschaft, in der sich die ganz oben immer weiter von denen ganz unten entfernen. Etwas, das früher in diesem Land unvorstellbar war.

„Jeder hat seine Gründe, warum er hier lebt“, sagt Dominik. Darüber sprechen wollen die wenigsten. „Glücklich macht dieses Leben keinen von uns.“ 28 ist Dominik am Tag zuvor geworden, kein Anlass, groß zu feiern angesichts der Umstände. Er hat mit dem Vater, der selbstständig war, auf dem Bau zusammengearbeitet. Nach dessen Tod bleiben die guten Aufträge aus. Eine Berufsausbildung hat Dominik nicht. Nun wurstelt er Tag für Tag auf dem gemieteten Stückchen Land herum, baut einen Pavillon, damit sie es schön haben im Sommer. „Du musst dich um einen Job kümmern“, sagt Elke. „Tue ich ja“, antwortet Dominik. „Es gibt nur nichts.“

"Ich sehe das hier als Sprungbrett"

800 Euro hat ihr 30 Jahre alter Wohnwagen gekostet. Die hatten die beiden noch übrig. 205 Euro beträgt die monatliche Pacht für die Parzelle. Das Geld übernimmt das Jobcenter. Hinzu kommen im Winter rund 150 Euro pro Monat für das Gas, das sie zum Heizen brauchen. „Ich sehe das hier als Sprungbrett“, sagt Elke. Sie zieht an ihrer Zigarette. Der Aschenbecher vor ihr auf dem Tisch ist randvoll. „Als Zeit, mich neu zu orientieren und Arbeit zu suchen.“ Viel Hoffnung, etwas zu finden, hat sie nicht. „Aber es gibt ja immer wieder Glücksfälle.“

„Viele unserer Dauergäste haben irgendwann einen Schicksalsschlag erlitten und sind immer weiter runtergerutscht auf der sozialen Leiter“, sagt Sandra Horn. „Die Mieten hier können sie sich so gerade leisten und dabei ihre Würde und Eigenständigkeit bewahren. Abrutschen kann jeder. Aber jeder verdient auch eine zweite Chance.“ „Die Chefin“ nennen die Camper die 26-jährige Sandra Horn mit den langen braunen Haaren. Seit Anfang 2011 sitzt sie an der Rezeption und führt die Geschäfte. Früher gehörte die Freizeitanlage ihrem Vater, doch der musste 2010 Insolvenz anmelden. Jetzt stehen der Platz und die beiden Gebäude darauf zum Verkauf. Es gebe Gerüchte, dass die Stadt Lohmar den Platz kaufe wolle, um an den Ufern der Agger ein Naturschutzgebiet einzurichten, sagt Sandra Horn. Nun geht die Angst um unter den Campern.

In hohen Stiefeln und wetterfester Jacke wandert die Chefin über das Areal, auf Wegen, die Lindenstraße, Büttgen Allee und Tulpenweg heißen. Hinter einer Plastikplane brutzelt eine Frau Zwiebeln, einen Schal fest um den Hals gewickelt. Nein, mit uns reden möchte sie nicht. Sandra Horn weist auf eine verlassenen Wohnwagen, vor dem sich Plastikstühle und leere Blumentöpfe türmen. Die beiden Bewohner sind vor einigen Wochen ins Krankenhaus gekommen. Keiner weiß, warum. Nun muss der Wagen geräumt werden. Schön sei das nicht, sagt sie. Aber noch hat sich niemand für die Arbeit gefunden.

In einem anderen Caravan wohnt seit einigen Wochen ein Transvestit. Selbst auf dem Campingplatz gilt er als „bunter Vogel“. Dennoch – man habe den Mann herzlich aufgenommen, sagt Sandra Horn. „Die Menschen hier achten aufeinander und gucken, dass es ihnen gut geht.“ Als kürzlich ein Bewohner im Suff randalierte, da seien zehn, fünfzehn Leute angerannt gekommen. „Die sagten dann: So nicht!“ Das war noch vor zwei, drei Jahren anders, erinnert sich Sandra Horn. „Da rückte hier regelmäßig die Polizei an.“ Heute guckt sie sich die Menschen genau an und fragt nach ihrer Vorgeschichte, bevor die eine Parzelle bekommen. „Ich achte darauf, dass sie in den Kreis reinpassen. Sie müssen bereit sein, Verantwortung zu übernehmen und sich anzupassen.“

"Wie in einem Hochhaus"

„Es geht hier zu wie in einem kleinen Dorf. Jeder kennt jeden“, bestätigt Jennifer, eine blasse junge Frau mit zarten Zügen, um sich gleich darauf selbst zu korrigieren. Nein, es sei nicht wie in einem Dorf. „Eher wie in einem Hochhaus, nur, dass wir alle verteilt wohnen und jeder seine eigenen vier Wände hat“. Vor Kurzem hat sie, gemeinsam mit vier weiteren Dauergästen „Die Chaoscamper“ gegründet. Jennifer ist die Schriftführerin „Wir wollen den Platz verschönern“, sagt sie. „Wenn wir die Sache alle zusammen in die Hand nehmen, kann daraus etwas Schönes entstehen.“ Am Martinstag ist sie mit einigen anderen in der Abenddämmerung um den Platz gezogen. Sie war der Heilige Martin. Es gab Glühwein für die Erwachsenen und Weckmänner für die Kleinen.

Die 31-Jährige in dem grauen Trainingsanzug wohnt seit zwei Jahren auf dem Campingplatz, zusammen mit zwei Katzen und ihrem Lebensgefährten. Bis vor einem Monat hat sie von Hartz IV gelebt. Inzwischen verzichtet sie freiwillig auf die Bezüge. „Ich will endlich wieder arbeiten“, sagt die gelernte Fachkraft für Lagerwirtschaft. Zwei Bandscheibenoperationen liegen hinter ihr, schwer zu heben ist ihr bis heute verboten.

Vor zwei Jahren floh Jennifer aus ihrer damaligen Beziehung. Es ging um Gewalt, mehr möchte sie nicht sagen. Nur so viel noch: „Ich stand plötzlich auf der Straße und wusste nicht wohin.“ Der Wohnwagen war die letzte Rettung.

Der Caravan, den sie vor einiger Zeit mit ihrem jetzigen Freund gekauft hat, wird von einem großen Fernseher dominiert. Die Polster der Sitzbänke sind braun gemustert, die Vorhänge lindgrün und aus imitiertem Samt – das Gefährt stammt aus den Siebzigerjahren. Jennifer rümpft angewidert die Nase. „Einfach aua, diese Farbe!“ Irgendwann wird sie die alten Vorhänge durch neue ersetzen. Das Schlafzimmer soll umgebaut, der Vorbau erweitert werden. Noch fehlt das Geld dafür. Auch Jennifer hat sich, wie die meisten hier, dauerhaft eingerichtet im Provisorium. „Ich habe alles, was ich brauche“, sagt sie. „Ich habe meine vier Wände, meine Ruhe, und ich muss nicht frieren.“

Kalt pfeift der Wind

Die Rückkehr in die Normalität ist schwierig, und manchen gelingt sie nie. Gabriel, 64, hat schon Menschen sterben sehen auf dem Platz, nachdem sie hier 20, 30 Jahre gelebt hatten. Das soll ihm nicht passieren. Er hat sich eine Neubauwohnung in Lohmar reservieren lassen. 50 Quadratmeter für 325 Euro kalt. Ein Zimmer, Küche, Diele, Bad, Terrasse, Stellplatz. „Im Mai 2013 bin ich hier raus“, sagt er. „Ich habe genug Freiheit gehabt in meinem Leben.“ Im November 2013 bekommt er seine erste Rente. Mit diesem Geld, so hofft er, wird er sein neues Leben finanzieren können. Gabriels Finger sind braun von Tabak. Wie bei vielen hier auf dem Platz. Die meisten sind starke Raucher. Was sonst bleibt zu tun?

Anfang 40 war Gabriel, als er seinen Job als Buchhalter verlor und in Panik seine Wohnung in Köln kündigte. „Ich wollte die Kosten senken“, erinnert er sich – eine Schnapsidee, wie er heute weiß. Eine billige Wohnung fand sich ebenso wenig wie eine neue Arbeitsstelle. „Mich wollte keiner mehr. Ich war zu alt.“ Ein paar Wochen kam er beim Bruder unter, bis der ihn vor die Tür setzte. Warum, weiß Gabriel bis heute nicht genau. Vier weitere Wochen schlief er in einem Zelt auf dem Campingplatz. Dann kaufte er sich für 2 000 Mark seinen ersten Wohnwagen. Der war damals schon fast 20 Jahre alt und ist inzwischen verschrottet. Gabriel lebt seit einigen Jahren in seinem nunmehr dritten Wagen.

Wird er sein altes Leben vermissen? Der 64-Jährige überlegt. Durch die Ritzen des Vorbaus pfeift ein kalter Wind. Der Himmel sieht nach Schnee aus. Gabriel sagt: „In einem Winter vor ein paar Jahren hatten wir 20 Grad minus.“ Für ihn reicht das als Antwort.

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