Warschau. Geplant war ein prächtiges Freiheitsfest mit viel internationaler Prominenz: Am 4. Juni soll in Danzig an der polnischen Ostsee-Küste das Ende der kommunistischen Diktatur in Mitteleuropa vor 20 Jahren gefeiert werden. Doch nun, zwei Monate vor dem Treffen, zu dem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel eingeladen ist, überschattet ein Skandal die Vorbereitungen. Die Ikone der polnischen Freiheitsbewegung Lech Walesa will den Termin aus Protest gegen persönliche Attacken boykottieren.
Er werde der Veranstaltung fernbleiben, es sei denn, der Chef des Instituts des Nationalen Gedenkens (IPN), Janusz Kurtyka, trete von seinem Amt zurück, erklärte Walesa in mehreren Interviews in dieser Woche.
Historiker des IPN, des polnischen Gegenstücks zur deutschen Stasi-Unterlagenbehörde, forcierten seit Jahren die These, der spätere Arbeiterheld habe Anfang der 70er Jahre als Agent "Bolek" mit dem kommunistischen Geheimdienst zusammengearbeitet und seine Arbeitskollegen von der Danziger Werft verraten. Das Fass zum Überlaufen brachte allerdings eine vor kurzem erschienene Publikation aus der Feder des 24-jährigen Historikers Pawel Zyzak.
Darin wiederholte der Autor nicht nur die alten Spitzelvorwürfe, sondern nahm auch das private Leben des jungen Walesas unter die Lupe. In seiner Jugendzeit soll sich der spätere Held wie ein Raufbold benommen, ein uneheliches Kind gezeugt haben und als Jugendlicher ins Weihwasser seiner Heimatkirche gepinkelt haben, schrieb der Mitarbeiter der Krakauer Abteilung von IPN.
Institut der Lüge
"Alles Lügen", reagierte Walesa mit Empörung auf die Publikation. Außer Boykottdrohung kündigte er an, seine Orden, samt des Friedensnobelpreises, zurückgeben zu wollen. Wenn das nichts bewirke, bleibe ihm wohl nur noch die Auswanderung, sagte Ex-Präsident.
Regierungschef Donald Tusk drohte, dem IPN die Finanzmittel zu kürzen. Wissenschaftsministerin Barbara Kudrycka hatte zunächst eine Qualitätskontrolle der Krakauer Universität, wo das umstrittene Buch als Diplomarbeit entstanden war, angeordnet. Nach Vorwürfen, sie gefährde die Forschungsfreiheit, machte sie allerdings einen Rückzieher. Der linke Ex-Präsident Aleksander Kwasniewski nannte das IPN "Institut der Nationalen Lüge". Das Institut missbrauche Geheimdienst-Dokumente für innenpolitische Grabenkämpfe.
Unter die Arme griff den IPN-Historikern dagegen Präsident Lech Kaczynski, der größte Widersacher Walesas. Er verlieh demonstrativ Kurtyka und seinen 21 Mitarbeitern kurzfristig hohe Staatsorden. Seit tapfer, macht weiter so, ermunterte sie Kaczynski. Sie hätten Mut bewiesen, weil sie sich eines "Untastbaren" angenommen hätten, so Staatsoberhaupt.
Lech Kaczynski und sein Zwillingsbruder Jaroslaw hatten mit Walesa im antikommunistischen Untergrund sehr eng zusammengearbeitet.
Nachdem Walesa 1990 zum Staatspräsidenten gewählt worden war, übernahmen die Kaczynski-Zwillinge zunächst hohe Ämter in seiner Kanzlei. Doch bald zerstritten sie sich mit ihrem Vorgesetzten und wurden zu seinen erbitterten Feinden.
Tusks Regierungspartei Bürgerplattform PO will nun per Gesetzesänderung den Einfluss der Politiker auf das seit zehn Jahren bestehende IPN einschränken. Seit 2005 befindet sich das Institut in der Hand der Kaczynski-Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Linke Politiker fordern sogar die Abschaffung der Behörde. Die Abwesenheit des Solidarnosc-Gründers am Danziger Treffen wäre für Polens Prestige eine Katastrophe. Walesa reagiere spontan, er sei wütend, würde sich aber in einigen Wochen beruhigen und doch noch kommen, tröstete sich und seine Landsleute ein Mitarbeiter von Tusk. (dpa)
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