Das Fach "Reli" fehlte auf Carolin Asisa Hammads Stundenplan. Als Schülerin habe sie sich deshalb "ausgeschlossen und benachteiligt gefühlt", sagt die muslimische Studentin heute. Als sie erfuhr, dass sie an der Universität Münster islamische Theologie auf Lehramt studieren könne, sei sie daher "total begeistert" gewesen. Die 27-Jährige belegte das Fach und macht im Herbst ihr Examen. Damit geht ihr Berufswunsch in Erfüllung: muslimischen Schülern den Glauben fachlich kompetent näher zu bringen.
Hammad rechnet sich gute Berufschancen aus - zu Recht: Lehrer für islamische Religion sind bisher rar, weil es an Ausbildungsmöglichkeiten fehlt. Der Bedarf wird auf etwa 2000 Lehrer geschätzt, da die Zahl muslimischer Schüler steigt. Die Uni Münster war 2004 bundesweit die erste Hochschule, die einen Lehrstuhl für die Ausbildung islamischer Religionslehrer einrichtete.
Die Erwartungen waren riesig, als mit dem Konvertiten Mohammed Sven Kalisch der erste Professor für die Religion des Islam berufen wurde. Der Lehramtsstudiengang ist angesiedelt am Centrum für Religiöse Studien (CRS).
Von der anfänglichen Euphorie blieb indes nicht viel übrig, als Kalisch im Herbst 2008 die Existenz des Propheten Mohammed in Frage stellte. Kalisch, der sich inzwischen ganz vom Islam abwandte, verunsicherte damit nicht nur die Studenten, denn eine Prüfungsberechtigung hatte nur er. Sein Fall zeigt auch, wie schwierig es ist, einen strukturellen Rahmen für universitäre islamische Theologie zu schaffen.
Verbände halten sich bedeckt
Der Koordinierungsrat der Muslime (KRM) in Deutschland verließ aus Protest gegen Kalisch den CRS-Beirat und rief junge Muslime auf, nicht mehr in Münster zu studieren. Kalisch, der nicht als einziger den Verbänden ein unzeitgemäßes Islamverständnis vorhält, berief sich auf die Freiheit der Forschung - doch das nutzte ihm nichts: Er verlor den Lehrstuhl. Denn das Düsseldorfer Wissenschaftsministerium fürchtete um die Anerkennung der Münsteraner Ausbildung bei den Islamverbänden.
Die Uni schrieb daraufhin eilig die unbesetzte Professur für islamische Religionspädagogik neu aus und hielt den Lehrbetrieb mit Vertretungsdozenten aufrecht. Seit April nun hat Münster einen neuen Islamprofessor: Mouhanad Khorchide gilt als liberaler Moslem und ist als Vertretungsprofessor nun für die Lehrerausbildung zuständig.
Die islamischen Verbände sind aber noch nicht in den CRS-Beirat zurückgekehrt und haben sich trotz Frist bis Mitte März noch nicht zur Stellenbesetzung geäußert.
Für den Lehrbetrieb mit derzeit 35 Studierenden spielt das zunächst keine Rolle. Die zeitgemäße Interpretation des Islam sieht der 39-jährige Khorchide als zentrale Herausforderung an seinen Lehrstuhl. Er wolle Lehrer ausbilden, die den Schülern keine vorgefertigten Antworten zu Glaubensfragen liefern, sondern sie zu eigenem Nachdenken anregen.
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