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30. Dezember 2012

Leitartikel : Das war's, Herr Steinbrück

 Von Christian Bommarius
Steinbrück: Wie ein Organist, der einer Trauergemeinde mit gedämpften Tönen aufspielen soll, aber nur frivole Marschmusik anzubieten hat.  Foto: dpa

Der sogenannte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück macht scheinbar entschlossen Werbung gegen sich selbst. Seine einmalige Leistung: Noch ehe der Wahlkampf so richtig losgeht, ist er zur Spottfigur geschrumpft.

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Der sogenannte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück macht scheinbar entschlossen Werbung gegen sich selbst. Seine einmalige Leistung: Noch ehe der Wahlkampf so richtig losgeht, ist er zur Spottfigur geschrumpft.

Peer Steinbrück hat am Wochenende seinen Rücktritt als Kanzlerkandidat der SPD erklärt. Das hat er zwar – entgegen seiner Gewohnheit, mit der Kavallerie ins Haus zu fallen – nur indirekt gesagt, aber doch unmissverständlich. Niemand, der die einschlägigen Äußerungen Steinbrücks gelesen hat, wird daran zweifeln, dass der Mann entschlossen ist, eher Sparkassendirektor beispielsweise in Schwerte zu werden als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Nicht nur verdiene nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen mehr als die Kanzlerin. Noch schlimmer ist für Steinbrück: „Ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin verdient in Deutschland zu wenig...“ Das „zu wenig“ kann nach Lage der Dinge nur bedeuten, dass es zu wenig ist, um das Interesse Steinbrücks zu finden und er deshalb – vorbildlich altruistisch - eine Verbesserung der Einkommenslage der Kanzlerin für ihre nächste Amtszeit erbittet (siehe Kommentar).

Und was seine Zukunft als Sparkassenchef in Schwerte betrifft: Die Sparkasse der Ruhrgebietsstadt im Kreis Unna hat die Gehälter ihres Vorstands vor zwei Jahren offengelegt. Danach bezieht der Sparkassenchef 241.000 p.a. (ohne Boni), also rund 25.000 Euro mehr als die Bundeskanzlerin. Da das Gehalt des Schwerter Sparkassenchefs jedoch abhängig ist vom Volumen des Kundengeschäfts, könnte ein Sparkassendirektor Steinbrück seine Einkünfte durch Eröffnung eines Kontos deutlich steigern, auf dem er die Millionenerträge aus seinen Nebentätigkeiten als Bundestagsabgeordneter zinsgünstig anlegt.

Entschlossen von Fettnapf zu Fettnapf

Dazu müsste allerdings der derzeitige Sparkassenchef seinen Platz räumen und seine Zukunft beispielsweise als Kanzlerkandidat der SPD suchen. Das ist angesichts der miserablen Dotierung als Bundeskanzler jedoch eher unwahrscheinlich. Armer Steinbrück!

Es ist nicht nur schwer, es ist unmöglich, über den so genannten SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück keine Satire zu schreiben. Er wird zu recht als Redner geschätzt, niemand bezweifelt seine Intelligenz, seine persönliche Integrität ist unbestritten, und doch ist Steinbrück gelungen, was noch keinem Kanzlerkandidaten in der Geschichte der Republik gelang – noch ehe der Wahlkampf begonnen hat, zur Spottfigur zu schrumpfen. Als hätte er sich und der SPD versprochen, nur ja keinen Fettnapf auszulassen, mit dem er sich bekleckern kann, tappt er seit Monaten entschlossen von Napf zu Napf.

Den größten, den ergiebigsten aber hatte Steinbrück sich offensichtlich für das Jahresende aufgehoben: Von einem Sozialdemokraten wäre früher zu erwarten gewesen, dass er die hohen Gehälter in der Bankenbranche beklagt und die Bescheidenheit staatlicher Repräsentanten lobt. Von einem Sozialdemokraten der Gegenwart wäre immerhin zu erwarten, dass er Rücksicht auf die Einkommenslage der Wählerschaft nimmt, die – bei einem Durchschnitteinkommen von brutto 28.300 Euro im Jahr die Einkünfte der Kanzlerin nicht unbedingt als spärlich empfindet. Von einem sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten aber, der weder zu dem einen noch zu dem anderen willens oder in der Lage ist, sollte zumindest eines zu erwarten sein: dass er die Klappe hält und schweigt.

Kanzler wird so einer sicher nicht

Dazu ist Steinbrück außerstande. Er redet unverdrossen, unermüdlich, unbelehrbar, und fast jedes Wort, das er beim Betreten des nächsten Fettnapfs fallen lässt, macht klar, dass er nicht findet und bis zu Wahl auch ganz bestimmt nicht finden wird, was für einen Kanzlerkandidaten unentbehrlich ist: den richtigen Ton. Er wirkt wie ein Organist, der einer Trauergemeinde mit gedämpften Tönen aufspielen soll, aber nur frivole Marschmusik anzubieten hat und dafür auch noch Beifall erwartet. Peer Steinbrück fehlt die Empathie.

Politiker, die dem Publikum nur sagen, was es hören will, sind auf Dauer nicht erfolgreich. Politiker aber, die sich einen Teufel darum scheren, was das Publikum hören will, die sich mehr für ihren persönlichen Finanzbedarf als für die Lebensbedürfnisse der Wähler zu interessieren scheinen, sind nicht einmal kurzfristig erfolgreich und werden vermutlich nicht einmal sehr lange Politiker sein. Bundeskanzler werden sie mit Sicherheit nicht.

Es ist schön, dass Steinbrück das einzusehen scheint und die Konsequenz gezogen hat. Er hat damit seiner Partei, aber auch den Wählern einen guten Dienst erwiesen. Die Vorstellung, der nächste Regierungschef könnte seine Arbeit mit dem quälenden Gefühl beginnen, schändlich unterbezahlt zu sein, hat nichts Verführerisches, nicht für Steinbrück, nicht für die SPD, schon gar nicht für die Bürger. Jetzt sollte Steinbrück seinen Abgang als Kandidat nur noch einmal direkt erklären.

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