Das Thema des Bundespräsidenten müsste die Glaubwürdigkeit sein. Aber wie soll Wulff das vermitteln, nachdem er seine Glaubwürdigkeit verloren hat. Da hilft auch kein Interview mehr.
Nein, er hat gar nicht an Rücktritt gedacht. Wo kämen wir denn da hin? Man, wie Christian Wulff sagt, wenn er sich meint, ist ja schließlich für fünf Jahre gewählt. Komme was da wolle. Ein bisschen Demut und ganz schön viel Trotz, so hat sich der Bundespräsident am Mittwochabend dem Publikum präsentiert. Nachdem es gar nicht mehr anders ging. Wieder einmal.
Die Schöpfer des Grundgesetzes haben in ihrer Weisheit vieles für möglich gehalten. Auch, dass ein Bundespräsident zum Gesetzesbrecher wird und doch partout nicht aus dem Amt weichen will. Für diesen Fall haben sie die Präsidentenanklage vor dem Bundesverfassungsgericht durch das Parlament vorgesehen. Das Gericht kann das Staatsoberhaupt dann im Falle eines Schuldspruchs des Amtes für verlustig erklären, wie es der Artikel 61 in schönstem Verfassungsdeutsch bestimmt.
Wulffs mögliche Nachfolger
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Wulffs mögliche Nachfolger
Auch der Name Petra Roth fällt in den Verhandlungen über die Nachfolge von Christian Wulff. Die CDU-Politikerin gibt ihr Amt als Frankfurter Oberbürgermeisterin in Kürze ab.
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Der frühere Bischof Wolfgang Huber ist ebenfalls im Gespräch als Wulff-Nachfolger. Der einstige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zählt zu den intellektuellen Vordenkern und bekanntesten Wortführern des deutschen Protestantismus.
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Klaus Töpfer von der CDU war 2010 von Rot-Grün gefragt worden, ob er als Bundespräsident kandidieren wolle - er winkte ab, aus Rücksicht auf seine Partei. Er würde als Staatsoberhaupt weit ins Unions- und Grünen-Lager ausstrahlen.
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Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) war vor eineinhalb Jahren schon einmal als mögliche Bundespräsidentin im Gespräch. Wegen früherer Netzsperren machte sich „Zensursula“ aber bei Teilen der FDP unbeliebt und verstörte mit ihrer modernen Familienpolitik die Konservativen in der Union.
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Joachim Gauck verlor bei der vergangenen Bundespräsidenten-Wahl im dritten Wahlgang gegen Christian Wulff. Merkel schätzt den Bürgerrechtler nach eigenen Angaben "persönlich sehr". Im Falle seiner Kandidatur würden SPD und Linke wahrscheinlich keinen Gegenkandidaten aufstellen.
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Verteidigungsminister Thomas de Maizière wird als denkbarer Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt. Allerdings kann die CDU kaum auf ihn als Kanzler-Reserve verzichten.
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Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) gilt in der FDP wegen seines hinhaltenden Widerstands gegen Steuersenkungen als kaum vermittelbar und hat sich überdies mit der öffentlichen Bloßstellung seines Ex-Sprechers menschlich angreifbar gemacht.
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Für das höchste Amt geeignet wäre sicher Bundestagspräsident Norbert Lammert, der an seinen Ambitionen in der Vergangenheit wenig Zweifel ließ. Doch hat der querköpfige Politiker mit seiner Kritik an Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg, den Zweifeln an der rechtlichen Grundlage des Atomausstiegs und dem Protest gegen die Missachtung des Parlaments bei der Euro-Rettung möglicherweise zu viele Unionisten gegen sich aufgebracht. Angeblich hat Lammert bereits abgesagt.
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Zugegeben, daran gemessen sieht die Causa Wulff fast harmlos aus. Zwar will auch er partout im Amt bleiben, und es gibt praktisch keinen politisch-parlamentarischen Weg, ihn daran zu hindern. In dieser Hinsicht ist die Position des Bundespräsidenten überaus stark. Das wissen auch seine nicht mehr ganz so dicken Freunde Angela Merkel und Horst Seehofer und stellen sich nun doch lieber hinter als gegen ihn. Aber die heftigste Kritik an ihm richtet sich auch nicht gegen Gesetzesbrüche, obwohl seine Anrufe im Springer-Verlag einer Verletzung des Grundrechts auf Pressefreiheit nahegekommen sind. Das sieht sogar Christian Wulff ein.
Es geht in der Hauptsache um Format, um Haltung. Und darum, ob der Mangel daran Christian Wulff hindert, sein Amt so gewissenhaft und kraftvoll auszuüben, wie er es bei seinem letzten öffentlichen Auftritt im Schloss Bellevue versprochen hat. Dass er das noch kann, erscheint fast ausgeschlossen, auch nach diesem Fernsehinterview. Ein Befreiungsschlag war das jedenfalls nicht.
Nach dem Missbrauch staatlicher Autorität, ihrer Rituale und Zeremonien durch das nationalsozialistische Regime haben die Gründer der Bundesrepublik den neuen Staat mit flachen Hierarchien und schlichtem protokollarischen Zierrat ausgestattet. Der Republik ist das gut bekommen. Man stellt dem Bundespräsidenten zwar ein kleines Schloss als Kulisse für sein repräsentatives Wirken zur Verfügung. Aber das ist es dann auch schon. Das Amt des deutschen Staatsoberhauptes ist – bis auf die Altersversorgung – schlicht ausgestattet. Umso größer ist die Herausforderung für seinen jeweiligen Inhaber. Er darf gerade nicht schlicht sein, und das erweist sich nun als größtes Problem für Christian Wulff, besser: für die Bundesrepublik.
Gewiss kann man darüber streiten, ob es eines solchen Staatsoberhauptes überhaupt noch bedarf. Doch das Bedürfnis nach wenigstens einer Person, die über den Alltagsstreit der Parteien und die Einzelinteressen der verschiedenen Gruppen hinaus eine gesellschaftliche Identität verkörpert, die Orientierung und im besten Falle auch Halt vermitteln kann, haben schon die Autoren des Grundgesetzes erkannt. Dieses Bedürfnis ist heute, in einer viel unübersichtlicheren Welt und einer viel zerklüfteteren Gesellschaft umso größer.
Es geht nicht um eine Person mit übermenschlichen Qualitäten, keinen neuen Kaiser und keinen starken Mann. Es geht um eine Persönlichkeit mit eigener Autorität, die sich nicht hinter irgendeiner sogenannten Würde des Amtes verschanzt, sondern dem Amt die Würde der eigenen Person gibt. Und daran mangelt es Wulff.
Unsere Präsidenten - warum sie gingen
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Unsere Präsidenten - warum sie gingen
Johannes Rau (1999-2004), langjähriger NRW -Regierungschef (SPD), galt als versöhnender Charakter. Er machte deutlich, dass er nicht nur Präsident aller Deutschen, sondern auch Ansprechpartner für alle Bürger ausländischer Herkunft in Deutschland sein wolle. Eindringlich warb er für Toleranz und die Integration von Minderheiten. Schon 2003 kündigte er an, sich nicht mehr zur Wiederwahl stellen zu wollen - ob aus gesundheitlichen Gründen oder weil Rot-Grün keine Mehrheit in der Bundesversammlung hatte, ist unklar.
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Roman Herzog (1994-1999), früherer Präsident des Bundesverfassungsgerichts, trat überraschend als Unionskandidat an - verzichtete aber schon vrab auf eine zweite Amtszeit. Er warb bald nach seiner Amtsübernahme für Berlin als Regierungssitz. Seine Bürgernähe brachten dem Christdemokraten Anerkennung. Innenpolitisch bedeutsam war seine Berliner Rede im April 1997, in der er Stillstand in Politik und Gesellschaft anprangerte. Herzog mahnte damals: "Durch Deutschland muss ein Ruck gehen."
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Richard von Weizsäcker (1984-1994), erwarb sich den Ruf als Gewissen der Nation. Unvergessen bleibt seine Rede zum 8. Mai 1985, dem 40. Jahrestag des Kriegsendes, in der er sich bedingungslos zur historischen Schuld der Deutschen bekannte. Der Christdemokrat (hier mit dem damaligen KPdSU-Chef Michail Gorbatschow) engagierte sich für die Aussöhnung mit dem Osten. Später mahnte er zur Behutsamkeit beim Zusammenwachsen von DDR und Bundesrepublik. Eine dritte Amtszeit des beliebten Staatsoberhauptes ließ das Grundgesetz nicht zu.
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Karl Carstens (1979-84), war ein Verfechter konservativer Werte wie Fleiß und Pflichtbewusstsein, Familie und Nationalstolz. Ungeachtet seines spröden hanseatischen Naturells bemühte sich der CDU-Politiker um engen Kontakt zur Bevölkerung. Während seiner Amtszeit legte er über 1500 Kilometer in Wanderschuhen zurück - weshalb er auch "Spaziergänger der Nation" und "Wanderpräsident" genannt wurde. Wie andere vor ihm verzichtete er aus Altersgründen auf eine zweite Amtszeit.
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Walter Scheel (1974-79), kam als zweiter Liberaler an die Spitze des Staates. Das volkstümliche Staatsoberhaupt scheute sich nicht, "Hoch auf dem gelben Wagen" zu sitzen und zu singen. Als Präsident setzte er sich wie zuvor als Außenminister für die Ostpolitik ein. Deutschland werde die Fehler und Verbrechen der Vergangenheit nie wiederholen, versicherte er stets. 1974 hatte Scheel sich noch gegen den CDU-Kandidaten Richard von Weizsäcker durchsetzen können. Fünf Jahre später sprachen die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag eindeutig für die CDU - Scheel verzichtete auf eine Wiederwahl.
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Gustav Heinemann (1969-74), war ein eher wortkarger Bundespräsident. Der Sozialdemokrat wurde mit den Stimmen der damals oppositionellen FDP in das höchste Staatsamt gewählt, ein Vorzeichen für die später gebildete Regierungskoalition von SPD und FDP. Heinemann wirkte streng, doch er galt als Vorbild für moralische Integrität. Nach einer Amtsperiode verzichtete er aus Gesundheits- und Altersgründen darauf, sich zur Wiederwahl zu stellen.
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Heinrich Lübke (1959-69), legte einen Schwerpunkt auf die Entwicklungshilfe. Der Sohn eines Schuhmachers besuchte 35 Staaten. Für das höchste Amt hatte sich der CDU-Politiker widerstrebend zur Verfügung gestellt, denn er hielt sich für wenig geeignet. 1966 wurden erstmals Vorwürfe gegen Lübke laut, er habe in der NS-Zeit als oberster Bauleiter an einem mit Zwangsarbeitern betriebenen Raketenwaffen-Programm mitgewirkt. Lübke erklärte im Oktober 1968 vorzeitig seinen Rücktritt - und ist damit neben Horst Köhler erst der zweite Präsident, der vorzeitig aus dem Amt schied -, damit die Wahl seines Nachfolgers noch vor dem Start des Bundestagswahlkampfs erfolgen konnte. Offiziell erfolgte seine Demission allerdings erst zum Ende der zweiten Amtsperiode am 30. Juni 1969.
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Theodor Heuss war von 1949 bis 1959 erster Präsident der BRD. Er galt als Glücksfall für die junge Republik. Ihm ist zu verdanken, dass das Bundespräsidenten-Amt zu hohem Ansehen gelangte. Der Liberale schaffte es, in der Welt Vorurteile gegenüber den Deutschen abzubauen. 1959 wurde sogar erwogen, ihm durch eine Grundgesetzänderung eine dritte Amtszeit zu ermöglichen. Heuss lehnte ab, um keinen Präzedenzfall zu schaffen.
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Horst Köhler (2004-2010) kam vom Chefsessel des IWF ins Amt des Staatsoberhaupts. Obwohl er sich häufig zu aktuellen politischen Fragen äußerte und dabei auch im eigenen konservativen Lager aneckte, setzte er sich 2009 bei der Wiederwahl erneut gegen Gesine Schwan durch. Köhler fiel besonders mit seinem Afrika-Engagement auf. 2010 ging er auf Distanz zur schwarz-gelben Regierung und erklärte am 31. Mai 2010 überraschend seinen Rücktritt - das hatte vor ihm erst ein Bundespräsident getan. Auslöser war die heftige Kritik an Köhlers Äußerungen zu den Bundeswehr-Einsätzen in Afghanistan.
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Sein Thema müsste, wie er selber sagt, die Glaubwürdigkeit sein, mit der die Politik an die Lösung unserer Probleme geht. Die Transparenz, mit der sie agiert oder eben auch nicht. Der Zusammenhalt einer Gesellschaft, die immer stärker auseinanderdriftet. Wie aber soll das einer tun, der seine eigene Glaubwürdigkeit so beschädigt hat? Der von Transparenz redet, aber verschleiert und verschwiegen hat? Dem das private Schnäppchen wichtiger war als die Distanz zu fragwürdigen Beziehungen?
Und was passierte eigentlich, wenn Deutschland einmal von einer nationalen Katastrophe getroffen würde; von einem verheerenden Unfall in einem Atomkraftwerk wie in Japan oder von den Taten eines Massenmörders wie in Norwegen, Ereignisse, die an den Nerv einer Gesellschaft gehen? Wäre Christian Wulff derjenige, auf dessen Worte man dann warten würde? Der die richtigen Sätze und die richtige Haltung fände, um die Nation zusammenzuführen und aufzurichten, der die Autorität des Staates wahren könnte?
Das wäre die Aufgabe eines guten Bundespräsidenten. Aber dazu bedarf es mehr, als sich an das Amt zu klammern. Er bleibt nun wohl unser Präsident. Erst einmal. Aber seiner Autorität ist er verlustig gegangen.